| 08.27 Uhr

EM-Tagebuch
Auf den Spuren von Feistus Raclettus

Beim Käsefondue mit Blick auf den Genfersee werden Erinnerungen an zwei vorzügliche Altertumsforscher wach. Nur gut, dass angesichts der Uefa mit ihrer Reglementierungslust die garstigen dekadenten Römerzeiten vorbei sind. Von Robert Peters

Der Genfersee ist einfach schön. Vom Ufer in Evian betrachtet, aus der Luft beim Landeanflug auf Genf und ganz besonders aus den Höhen der Golfakademie in Publier, einem winzigen Örtchen gleich neben meinem ganz persönlichen Trainingslager. Ich verdanke die spektakuläre Aussicht von einer Terrasse gleich neben Übungsgrüns und kleinen Sandkästen, die Golfer Bunker nennen, einer Einladung eines führenden Tourismus-Unternehmens von Evian. Das ist sehr freundlich.

Die Sonne fängt langsam an, in den Genfersee zu versinken, ich mache rund 200 Sonnenuntergangsfotos. Die andere Hälfte meiner Kernfamilie wird sich freuen, das vergrößert die Sammlung mit Sonnen aus dem Atlantik, dem Mittelmeer, der Ostsee, der Nordsee und am Niersufer. Zum Glück speichert eine mir unbekannte Macht das Material in einer Wolke, so steht das jedenfalls in meinem kleinen Wundertelefon, dem ich inzwischen wirklich alles glaube.

Die innigen Betrachtungen der Natur werden von einem landestypischen Essen begleitet. Es ist überall an diesem See zu Hause, gilt aber eigentlich als eine Art Schweizer Nationalgericht. Es gibt ein Käsefondue. Brotstückchen werden auf kleine Gabeln gespießt und in flüssigen Käse getaucht. Mir schmeckt es wunderbar. Und weil ich große Teile meiner Bildung bekanntlich den Arbeiten der vorzüglichen Altertumsforscher René Goscinny und Albert Uderzo verdanke, muss ich natürlich an "Asterix bei den Schweizern" denken.

Dieses wichtige Werk der Weltliteratur spielt in bedeutenden Teilen nicht weit von hier in Genf. Wo heute allem Anschein nach vor allem mit vornehmen Uhren, exklusiven Taschenmessern und Geld gehandelt wird, stand nach den Erkenntnissen von Uderzo und Goscinny einst der Palast des römischen Statthalters Feistus Raclettus, und Genf hieß damals Geneva.

Feudal war es schon und ein kleines bisschen dekadent ebenfalls. Deshalb wertete Feistus Raclettus das Fondue-Essen mit spannenden Einfällen auf. Wem das Brotstückchen beim Eintauchen in den Käsetopf von der Gabel rutschte, der bekam beim ersten Mal fünf Stockhiebe, beim zweiten Mal 20 Peitschenhiebe, und der musste beim dritten Mal mit einem Gewicht an den Füßen in den Genfersee.

Ich bin froh, dass diese garstigen dekadenten Römerzeiten vorbei sind. Und mir fällt auch kein Brot in den Topf. Mein kleines Wundertelefon verrät mir, dass es tatsächlich zum guten Brauch gehört, ungeschickten Zeitgenossen, denen das Brot von den Zinken der Gabel rutscht, ein Pfand abzuverlangen. So traditionsbewusst sind unsere Gastgeber nicht, vielleicht zählt es auch nur in Genf und bei den Schweizern.

Möglicherweise hat es aber auch die Uefa untersagt, die es in ihrer Reglementierungslust sicher mit der Europäischen Union aufnehmen kann. Sie schreibt die Länge der Grashalme auf den Fußballfeldern vor, sie bestimmt sekundengenau den Takt der sogenannten Eröffnungszeremonien in den Stadien, sie misst die Buchstabengröße auf den Trikots nach, sie verbietet den Mannschaften, für die Zeit des Turniers das Land zu verlassen, sie untersagt Trinkwasser aus anderen Quellen als denen des Sponsors in den Arenen. Bald wird sie sicher die Verkehrsregeln neu schreiben. Vorfahrt haben dann nur noch Fahrzeuge der Geschäftspartner.

Verstöße gegen die strengen Anordnungen werden ebenso streng bestraft. So mancher Funktionär träumt gelegentlich bestimmt von Asterix-Zeiten, Stockhieben und Versenkung im Genfersee.

Hier oben ist das alles kein Thema. Der See brennt im verlöschenden Abendlicht, er entzündet eine kleine Wolke am Horizont. Ich fühle mich entspannt wie der Bundes-Jogi, wenn er mit seinen treuen Assistenten und ein paar Spielern bei Kerzenlicht und Jasmintee zusammensitzt. Aus unsichtbaren Lautsprechern erklingt chinesische Kling-Klong-Musik wie in den Ruheräumen der Asiatherme von Kleinenbroich. Die Europameisterschaft ist ganz weit weg. Ich döse ein wenig.

Unten im Ort klappen sie jetzt die Bürgersteige nach oben. Nur im Casino brennt noch Licht. Einer erzählt, er habe deutsche Spieler am Eingang gesehen. Vielleicht war Max Kruse zu Besuch.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

EM-Tagebuch: Auf den Spuren von Feistus Raclettus


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.