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EM-Kolumne
Einfach den Ball laufen lassen

EM-Kolumne: Einfach den Ball laufen lassen
Tobias Escher (28) ist Taktik-Experte. Er betreibt die Internetseite spielverlagerung.de, auf der er regelmäßig wichtige Spielzüge im Profifußball erklärt. FOTO: RP
Düsseldorf. Dreierkette, Viererkette, drei oder zwei Sechser - diese Systemfragen sind im Halbfinale morgen nur Nebensache. Für den DFB geht es darum, Überzahlsituationen zu schaffen. Das glaubt unser Kolumnist Tobias Escher. Von Tobias Escher

Sepp Herberger hatte ein Faible für kurze, prägnante Merksätze. Noch heute sind seine Weisheiten wie "Der Ball ist rund" oder "Ein Spiel dauert 90 Minuten" jedem Fußballfreund bekannt. Auch gegenüber seinen Spielern präferierte er Merksätze, allerdings hatten diese mehr Inhalt. "Der Ball hat die beste Kondition!" predigte er Dribbelkünstlern, die den Ball nicht rechtzeitig abgaben. Seine vielleicht liebste Fußballweisheit lautete jedoch: "Man muss immer einen Mann Überzahl nahe dem Ball haben." Die Idee ist simpel: Nur mit einer Überzahl in Ballnähe kann man Pässe auf den freien Mann spielen oder den ballführenden Gegner richtig unter Druck setzen.

Seit Herberger die Nationalmannschaft trainierte, sind über 50 Jahre vergangen. Dennoch hat seine Weisheit nichts an Aktualität eingebüßt. Joachim Löw, so scheint es, ist auch heute noch ein Anhänger dieser These. Letztlich waren seine Umstellungen gegen Italien nichts anderes als der Versuch, Überzahlsituationen in den Zonen herzustellen, die Italien besonders schätzt. Die drei deutschen Innenverteidiger hatten eine Überzahl gegen die zwei italienischen Stürmer. Die Frage vor dem Halbfinale gegen Frankreich lautet für Löw daher nicht, ob er sein System umstellen wird - das ist mittlerweile fester Teil seiner Philosophie. Die Frage lautet vielmehr: In welchen Zonen muss man eine Überzahl herstellen?

Die Franzosen nutzen vor allem das zentrale Mittelfeld, um vor das gegnerische Tor zu gelangen. Didier Deschamps stellte seine Mannschaft zuletzt in einem 4-2-3-1-System auf. Die beiden Außenstürmer agierten nur auf dem Papier auf den Außen. Bei Ballbesitz rückten sie in die Mitte. Vor allem Dimitri Payet bewegte sich permanent vom linken Flügel in den Halbraum. Von dort aus versuchte er, zusammen mit Mittelfeldmotor Paul Pogba das Spiel anzukurbeln. Den rechten Halbraum besetzte wiederum Zehner Antoine Griezmann. Selbst wenn Frankreich gegen die offensivstarken Deutschen zurückkehren sollten zum 4-1-4-1-System der ersten Spiele, ändert das am Fokus nichts; die Franzosen werden in beiden Varianten die Halbräume und das Zentrum nutzen, um vor das Tor zu gelangen.

Joachim Löw wird also seine Taktik danach ausrichten, keine französischen Überzahlen im offensiven Mittelfeld zuzulassen. Auf dem Papier scheint die logische Variante zu sein, das Mittelfeld mit einem dritten Sechser zu sichern. Ein 4-3-3 hat die deutsche Mannschaft bereits in der Qualifikation eingesetzt. Das Problem: Sami Khedira fällt gegen Frankreich sicher aus, Bastian Schweinsteiger fehlt mit hoher Wahrscheinlichkeit. Löw müsste sich also trauen, Emre Can und/oder Julian Weigl als Sechser zu bringen. Can wäre mit seiner körperlichen Wucht eine gute Wahl gegen die robusten Pogba und Blaise Matuidi. Weigl könnte wiederum mit seinem Raumgefühl das defensive Mittelfeld sichern. Eine alternative, aber vielleicht zu offensive Variante wäre ein Dreiermittelfeld aus Schweinsteiger, Toni Kroos und Mesut Özil.

Angesichts der Ausfälle im Mittelfeld ist nicht ausgeschlossen, dass Löw an der Dreierkette in der Abwehr festhält. Mats Hummels fehlt zwar gesperrt, dessen Part könnte jedoch Skhodran Mustafi übernehmen. Aus der Dreierkette könnten situativ Innenverteidiger herausrücken, um die Mittelfeld-Überzahlen der Franzosen zu kontern. Wenn die Franzosen doch durchkämen, hätte Deutschland in der letzten Linie eine hohe Kompaktheit, um die tödlichen Pässe hinter die Abwehr zu verhindern.

Eine Dreierkette würde auch den Außenverteidigern erlauben, offensiver zu agieren. Gegen die Franzosen wäre dies ein gutes taktisches Mittel. Die Flügelverteidigung ist die Schwachstelle der Franzosen. Die Außenstürmer rücken häufig zu weit ein, auch die Sechser unterstützen die Außenverteidiger nicht genug. Die Außenverteidiger Patrice Evra (35) und Bacary Sagna (33) sind oft auf sich gestellt, machen dabei aber nicht immer einen sicheren Eindruck auf ihre alten Fußballertage. Deutschland könnte also versuchen, durch die aufrückenden Außenverteidiger Überzahlen auf dem Flügel herzustellen. Das Problem: Durch die Verletzung von Mario Gomez fehlt ein Verwerter für hohe Flanken. Deutschland müsste sich flach vom Flügel ins Zentrum kombinieren.

Egal, ob Löw sich für die Dreierkette, ein 4-3-3 oder das klassische 4-2-3-1 entscheidet, es dürfte Herbergers zweitliebste Weisheit gelten: "Der Ball hat die beste Kondition." Frankreich wird das Heil in Kontern durch das Zentrum suchen, Deutschland muss den Ball laufen lassen. Wenn die Elf an den richtigen Stellen Überzahlen herstellt, steht dem Einzug ins Finale nichts entgegen.

Tobias Escher (28) ist Taktik-Experte. Er betreibt die Internetseite spielverlagerung.de, auf der er regelmäßig wichtige Spielzüge im Profifußball erklärt.

Quelle: RP
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