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EM-Tagebuch
Feiern wie die Wikinger

Island feiert Achtelfinaleinzug mit den Fans
Island feiert Achtelfinaleinzug mit den Fans FOTO: afp
Die Bevölkerung von Evian kann nicht allzu viel mit den Teilzeittouristen aus Deutschland anfangen. Hoch im Kurs stehen dafür isländische Grunzgeräusche und Wikinger-Helme.

La Mannschaft hat frei. Schon wieder. Wahrscheinlich glaubt der Bundes-Jogi, dass er ihr nichts mehr beibringen kann. Er wird wissen, was er tut. Denn sein treuer zweiter Assistent, Marcus Sorg, hat vor einer Woche noch das goldene Wort gesprochen: "Der Jogi schwebt als eine Art Supervisor über allem." Eine schöne Vorstellung.

Der Supervisor schwebt auch über diesem dritten freien Tag in Evian. Er lächelt sicher milde, wenn "de Messud" und "de Mario" auf dem Kinderspielplatz ein paar Bälle in den Basketballkorb werfen. Beide tragen Baseballkappen, die sie mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt haben. Und wie sie so lachen und spielen, da kann man sie glatt für ganz normale Jugendliche halten.

Bastian Schweinsteiger trägt eine dem hohen Alter angemessene staatsmännische Miene zur Schau. Er nimmt zur Fahrt ins Tal wohl wieder die Seilbahn. Damit dokumentiert er Volksnähe, und er hat sich zu solchen Anlässen sogar huldvoll fotografieren lassen. Die Sonnenbrille nimmt er dabei nicht ab. Die wiederum passt gut zu den schwarzen Limousinen und Kleinbussen, mit denen der deutsche Fußball-Adel chauffiert wird. Mit den abgedunkelten Scheiben hat das etwas vom Transportwesen irgendwo zwischen Gangsterfilm und Showgeschäft.

Bis auf die allgegenwärtigen Reporter reagiert die Bevölkerung von Evian mit großer Gelassenheit auf den Besuch von leibhaftigen Weltmeistern in ihrem Städtchen. Mats Hummels darf unbehelligt im Supermarkt einkaufen, Marc-André ter Stegen ist vor ein paar Tagen am See entlanggejoggt, ohne dass ihn jemand um ein Autogramm angefleht hätte. Ich habe den Verdacht, dass die meisten Evianesen gar nicht wissen, wer da vom Berg in die Menschheit hinabgestiegen ist. Das liegt nicht etwa an mangelnder Begeisterung für die Schönheiten des Fußballsports. Zu solchen Schönheiten aber zählt die Bürgerschaft offensichtlich nicht ein paar Teilzeittouristen im Trikot.

Ihre Begeisterung beginnt beim richtigen Sport, beim Auftritt der Isländer. Ich erlebe ihn in meiner Lieblings-Eckkneipe bei Johan, dem Halb-Italiener. Der ist schon im Party-Modus, weil seine Mannschaft die Spanier aus dem Turnier gekegelt hat. Zwischendurch hat er seinem (tatsächlich) spanischen Bierhändler mit Abbestellungen gedroht, falls Spanien gewinnt. Der nimmt das nicht krumm, solange er selbst noch an der Theke bleiben kann. Er trinkt ohnehin lieber Wein.

Nach ein paar Minuten des Island-Spiels gegen England sieht er aus, als wolle er den Wein künftig nur noch aus Hörnern zu sich nehmen. Beim Ausgleich, spätestens beim Führungstor stoßen wir alle isländische Grunzgeräusche aus, stürzen zum Jubeln auf die Straße und treffen dort Gesinnungsgenossen. Sie sehen alle aus wie die Wikinger, und sie benehmen sich so, wie sie glauben, dass sich Wikinger benehmen - laut und ein wenig furchterregend. Von der Straße betrachtet, sieht Evian wie ein großer Taubenschlag aus. Von Zeit zu Zeit brechen röhrende Menschenmengen ans langsam schwindende Tageslicht, schnell drängen sie wieder in die Häuser. Überall Grunzgeräusche, und ich meine, auf vielen Köpfen inzwischen Helme zu sehen.

Die erste allgemeine Verbrüderung von Evian hat begonnen. Tiefe Männerstimmen werden noch tiefer, ein paar Minuten vor Ende des Spiels bin ich bereit, in einem Langboot mit anderen bärtigen Gesellen zur Eroberung der neuen Welt aufzubrechen. Dass wir vermutlich nicht einmal bis Lausanne auf der anderen Seite des Genfersees kommen würden, haben wir so bereitwillig verdrängt wie die Möglichkeit einer isländischen Niederlage. Die kann es nicht geben. Und die gibt es auch nicht. Wir alle sind überzeugt davon, am Sieg der Wikinger mitgewirkt zu haben. Noch auf dem Heimweg grunzen wir in die Nacht über dem See. Es ist uns ganz egal, ob wir la Mannschaft in ihrer Trutzburg wecken. Soll sie ruhig mal Angst bekommen. Im Halbfinale droht Island. Vielleicht hat Jogi deshalb frei gegeben.

Quelle: RP
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