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EM-Kolumne
Defensiv hui, offensiv pfui

EM 2016 in Frankreich: Defensiv hui, offensiv pfui
Tobias Escher ist Taktik-Experte. Er betreibt die Internetseite spielverlagerung.de. FOTO: RP
Bisher fallen wenige Tore. Das liegt vor allem an der Taktik im letzten Drittel des Spielfelds. Der Rückraum ist schlecht besetzt, die Raumaufteilung stimmt nicht. Von Tobias Escher

Nach knapp einer Woche lässt sich ein erstes Zwischenfazit ziehen: Es scheint eine eher defensiv geprägte Fußball-Europameisterschaft zu werden. Pro Spiel fielen bislang rund zwei Tore; absoluter Negativwert in der Geschichte großer Turniere. Für ARD-Experte Mehmet Scholl ist der Schuldige an dieser Entwicklung bereits gefunden: die Taktik. Die taktisch geprägten Spielweisen der Teams seien Schuld, dass keine Tore fallen. "Die Spieler machen viele technische Fehler, weil sie zu sehr mit der Taktik beschäftigt sind."

Von Scholls Kritik bleiben zwei Dinge bei mir hängen: Zum einen hält er Spieler anscheinend für zu blöd, gleichzeitig taktische Aufgaben zu befolgen und einen Ball anzunehmen. Zum anderen macht Scholl einen verbreiteten Fehler: Er setzt Taktik mit Defensivtaktik gleich.

Sicherlich, das Verteidigen ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Taktik. Doch auch in der Offensive braucht man eine clevere Taktik, um gegnerische Defensivreihen zu knacken. Wie sich die Spieler in der Offensive bewegen, wer welche Position besetzt, wie man den Ball an die richtige Stelle in den Strafraum bringt - all das sind taktische Facetten des Spiels.

Der klassischen Zehner stirbt aus

Wenn man denn nun ein Zwischenfazit dieses Turniers aus taktischer Sicht ziehen will, sollte es eher lauten: Defensivtaktisch sind die meisten Nationen stark, offensivtaktisch weniger. Es fällt vor allem auf, wie selten das offensive Mittelfeld besetzt wird. Nur noch wenige Nationen spielen mit klassischen Zehnern, die vor dem Strafraum den entscheidenden Pass spielen. Selbst gelernte Zehner wie Mesut Özil oder Kevin de Bruyne lassen sich häufig fallen oder weichen auf die Flügel aus.

Der Grund: Die meisten Gegner verbarrikadieren das Zentrum. Viele Teams agieren mit einer sehr engen Abwehrkette. Nordirland stellte drei Innenverteidiger und drei Sechser in einem 5-3-2 auf. Wales ging ähnlich vor und schloss die Spielfeldmitte in einem total kompakten 5-4-1. Wer gegen diese Konstrukte durch das Zentrum angreifen will, braucht neben guten Mechanismen eine gehörige Portion Mut. Denn ein Ballgewinn in der Mitte kann leichter in einen Konter umgemünzt werden als ein Ballgewinn auf den Außen. An der Peripherie des Feldes hat der ballerobernde Spieler wenig Möglichkeiten – und kann daher mit einem Gegenpressing leichter unter Druck gesetzt werden.

EM des Flügelspiels

Auch deshalb ist die EM in Frankreich bisher eine EM des Flügelspiels. Blogger Lukas Tank scherzte auf Twitter, die EM fände nicht in Frankreich, sondern in Flankreich statt - so viele Hereingaben fliegen in den Strafraum. Den Nationen fehlen die offensivtaktischen Mittel, auch mal schnelle Kombinationen durch das Zentrum zu spielen. Durch die enge Verteidigung der meisten Gegner ist der aufrückende Außenverteidiger oft der einzige Spieler, der frei steht. Viele Teams unterstützen den Außenverteidiger unzureichend, so dass ihm nur eine Flanke bleibt.

Die Flanke als taktisches Mittel ist in der Theorie durchaus nicht zu unterschätzen. Die Bayern bewiesen unter Pep Guardiola, wie man sie gewinnbringend nutzen kann: Robert Lewandowski und Thomas Müller besetzten den Strafraum, Arturo Vidal schoss mit Karacho in den Strafraum, die restlichen Spieler lauerten im Hintergrund auf den zweiten Ball. Eine derart gute Raumaufteilung sieht man bei der EM nur selten. Deutschland suchte den Kopf des 1,70 m großen Stoßstürmers Mario Götze, Spanien hatte außer Alvaro Morata keine Präsenz im Strafraum, Belgien flankte viel zu früh in den Sechzehner. Es fehlen bei den meisten Teams nicht nur Abnehmer für die Flanken, auch die zweiten Bälle werden zu selten erobert. Die Besetzung des Rückraums ist schlecht, die Raumaufteilung stimmt nicht.

Die EM beweist aktuell, wie wichtig abgestimmte Mechanismen im letzten Drittel der Spielfelds sind. Nur so kann man die eigene Ballzirkulation auch gewinnbringend vor das gegnerische Tor tragen. Die meisten Nationen haben taktisch hier wenig zu bieten. Nicht zu viel Taktik ist das Problem dieser EM, sondern zu wenig Taktik - zumindest in der Offensive.

Tobias Escher (28) ist Taktik-Experte. Er betreibt die Internetseite spielverlagerung.de, auf der er mit seinen Mitstreitern regelmäßig wichtige Spielzüge im Profifußball erklärt.

Quelle: RP
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