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EM-Tagebuch
Reisefreuden mit La Mannschaft

EM 2016: Reisefreuden mit La Mannschaft
FOTO: Phil Ninh
Ich weiß jetzt endlich, wie sich Fußballstars so fühlen müssen. Fußballstars auf Reisen, meine ich, Fußballstars, die zu La Mannschaft gehören. Sie haben es wirklich nicht leicht. Von Robert Peters

Mittwoch sind sie noch in Evian erwacht, Donnerstag schon in Paris, Freitag wieder in Evian. Jeden zweiten Tag ein anderes Hotel, vielleicht auch noch eine andere Zimmernummer, einmal in einer Stadt, ein anderes Mal auf dem Land. Zwischendurch Fliegen und Busfahren, große Kabinen, kleine Kabinen, Regen, Sonnenschein. Dazu immer Jogi und der Trainerstab, die ständig wahnsinnig (gesprochen "waaaahnsinnick") wichtige Dinge zu besprechen haben. Und all das für ein paar Millionen Euro im Jahr. Es ist wirklich schlimm.

Ich hab's viel besser. Ich muss schon mal nicht mit einem schwarzen Flugzeug herumfliegen, auf dem groß "La Mannschaft" steht, damit der Poldi und der Schweini und der Sami und der Mesut ("de Messud", wie "de Jogi" sagt) nicht aus Versehen ins falsche Flugzeug einsteigen. Ich darf nämlich etwas, was die Fußballstars von La Mannschaft nicht dürfen: Das große Land kurz verlassen und aus einem anderen wieder einreisen. Ich darf von Evian nach Genf in die Schweiz fahren und dort in den Zug einsteigen.

Fliegen dürfte ich auch, und das habe ich sogar schon gemacht. Von Paris nach Genf und anschließend mit dem Bus "heim" nach Evian. Oh ja, ein wenig Heimat ist das bereits.

Man munkelt, dass die Reise-Attachés von La Mannschaft – also im Großen und Ganzen der Oli (Bierhoff) – sich das bei der Quartierwahl so ähnlich vorgestellt haben. Kurz mal überlegt, wo es besonders ruhig ist und wo ein internationaler Flughafen in der Nähe liegt – und schon war Evian gebucht. Von hier kann man Genf ja fast schon sehen. Die Mannschaft darf von dort nur nicht fliegen, solange sie sich im EM-Turnier befindet. Das hat die Uefa verfügt, die ein ähnlich tolles Regelwerk hat wie die Europäische Union. Das hat der Oli zwar gewusst, die Regel mit dem Flughafen-Verbot aber haben sie ihm offenbar nicht vorgelesen.

Darum muss la Mannschaft an Spieltagen anderthalb Stunden schicke kleine Straßen zum Flughafen Annemasse fahren, ehe sie besagtes schwarzes Flugzeug besteigen kann. Nach Spieltagen das Ganze umgekehrt.

In Genf herrscht lebhafter Verkehr

Ich kenne inzwischen Genf ziemlich gut, weil der stets erfreulich lebhafte Verkehr rund um den Genfersee die Zeit ein wenig dehnt. Das schenkt mir die Muße, das Strandbad zu studieren, Joggern beim Joggen zuzuschauen, ansehnliche Eigenheime am Seeufer zu studieren und die Ampelphasen vor der Brücke in die Innenstadt zu verinnerlichen. Daher weiß ich, wie viele Autos in den Stoßzeiten hintereinander bei Grün fahren können (cirka zwei), und wie flüssig es im Normalverkehr läuft (sechs, bei Bussen vier).

In Genf erzählen wir uns immer Uwe-Barschel-Geschichten, und dass es bestimmt ein teures Pflaster ist. Das alles entgeht den Fußballstars von la Mannschaft, obwohl sie zu den Auserwählten gehören, die sich mehr als ein paar Quadratmeter Wohnfläche in der Stadt leisten könnten.

Sie müssen ihr teures Gebein im engen schwarzen Flugzeug verstauen, während ich den Luxus genieße, im TGV durch dramatische Berglandschaften von Paris nach Genf zu schweben. Dabei wird mir das zusätzliche Vergnügen zuteil, richtige Schweizer Fußballfans aus der Nähe bewundern zu dürfen. Ich gebe zu, dass das vielleicht ein kleines Vorurteil ist, aber ich habe mir Schweizer Fußballfans immer als eine Mischung aus Bankier und Bergbauer vorgestellt, in der einen Hand eine Kuhglocke, in der anderen den Pager mit den neuesten Nachrichten von der Börse.

Diese jedoch grölen ganz irdisch wie die Fans in aller Welt, sie trinken in der Frühe nicht jugendfreie Getränke, und die Gesänge fallen entsprechend aus. Sie sehen gar nicht wie Bankiers aus, denn sie tragen rote Trikots. Auf einem steht Xhaka, und ich denke ein bisschen an meine Wahlheimat Mönchengladbach. Xhaka hat einen imposanten Bierbauch und ist so etwas wie der Vorsänger. Er singt ein Lied, in dem Jürgen Klinsmann vorkommt. Der Reaktion seiner Mitfans nach ist das Lied für Deutsche nicht unbedingt vorteilhaft. Deshalb ist es schon wieder besser, dass la Mannschaft so etwas nicht mitbekommt. Die psychischen Schäden wären irreparabel. Die Uefa-Regeln sind also doch gut.

Quelle: RP
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