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EM-Tagebuch
Fischfang und ein einsamer Vardy

EM 2016: Tagebuch - Fischfang und ein einsamer Jamie Vardy
RP-Sportchef Robert Peters berichtet von der EM in Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Evian ist ein so schöner Ort, dass ihn La Mannschaft am liebsten gar nicht verlassen würde. Unser Autor auch nicht. Er sammelt am See bemerkenswerte Eindrücke. Ein paar Isländer auch - vom Hubschrauber aus.

La Mannschaft hat Evian liebgewonnen. Sie will gar nicht mehr weg. Deshalb macht sie ihr Abschlusstraining vor dem Viertelfinale auch in den französischen Bergen mit entspanntem Blick auf den Genfersee. Erst danach schaukelt sie im schwarzen Mannschaftsbus vorbei an malerischen Bergdörfern, friedlich grasendem Milchvieh und durch mindestens 68 tolle Kreisverkehre mit 68 tollen Blumeninseln zum Flughafen Annecy. Dort steht das Flugzeug, das natürlich auch schwarz ist und den Schriftzug "La Mannschaft" trägt, damit sich niemand beim Einsteigen verläuft. Es bringt die teure Fracht nach Bordeaux. Das will die Uefa so, damit der Bundes-Jogi am Abend noch zur Weltpresse sprechen kann. Wenn die Uefa es nicht wollte, wäre La Mannschaft bestimmt noch in Evian geblieben.

Ich habe mich dem Zugriff der Uefa entzogen und sitze am See, während La Mannschaft oben am Berg hinter blickdichten Vorhängen Einwürfe und Abstöße übt, mit denen sie die Italiener heute erschrecken will. Am Ufer steht ein beleibter Herr und angelt, ein paar Meter weiter werfen drei Männer vom Boot ihre Angeln aus. Sie stehen mit bloßen Oberkörpern auf dem leise schwankenden Boot, damit wenigstens die Sonne für ein bleibendes Erlebnis bei ihrem Ausflug sorgt.

Es wird überhaupt mächtig geschippert auf diesem See. Ein Ausflugskahn schaukelt vorbei, am Bug bestückt mit einer Handvoll Sonnenanbeter, am Heck herrscht gähnende Leere. Die Fähre nach Lausanne legt ab, im Gras spielt ein kleines Kind mit rosa Sonnenbrille. Und eine chinesische Familie spricht im Chor ein langes Gedicht, so hört es sich zumindest an.

Über uns kreist ein Hubschrauber. Den haben sicher die Italiener gemietet, damit sie von oben Jogis Geheimplan bei den Einwürfen und Abstößen ausspionieren können. Vielleicht sitzen auch Isländer drin, die sich aufs Halbfinale freuen. Sie lächeln milde über die deutschen Kindergarten-Einwürfe. Sie sind es schließlich gewöhnt, dass ihre Spieler den Ball von der Mittellinie bei Bedarf aus dem Stadion werfen. Deshalb verehren sie nur einen Deutschen: den ehemaligen Düsseldorfer Harald Katemann, der in den 1990er Jahren mit den Händen durch die Bundesliga flankte. Ihm zu Ehren soll in Reykjavik eine Stiftung gegründet worden sein.

Während entweder Italiener spionieren oder Isländer lächeln, wirft ein Fischer am Ufer sein Netz aus. Der Angler schaut schon mal neidisch. Mit Recht, wie sich bald herausstellt. Denn im Netz landen 40 bis 50 Fische, im Korb des Anglers ist bislang nur Wasser. Die Fische sind jedoch ziemlich klein, ein "Truite de Lac", der 15 Kilo auf die Waage bringen kann, ist so wenig dabei wie ein "Coregone", der bis zu 2000 Gramm wiegt. Sie sollen aber in diesem See irgendwo herumschwimmen. Das versichert mir eine Tafel neben meiner Bank. Obwohl es ihm nicht gelungen ist, die ganz dicken Fische an Land zu ziehen, hat sich inzwischen eine kleine Fangemeinde für den Fischer gebildet, die seinen Fang mit "Ahs" und "Ohs" quittiert.

Fast unbeachtet von der feiernden Öffentlichkeit macht ein Mann mit englischem Nationaltrikot Selfies am Ufer. Vielleicht will er sich persönlich von Europa verabschieden. Seine Rückennummer 11 weist ihn als Jamie Vardy aus. Es kann aber sein, dass es sich um einen Fan handelt. Ich spreche ihn lieber nicht an, aus dem Hubschrauber glaube ich jedoch lautes Lachen zu hören. Sind also wohl doch Isländer an Bord.

Nicht weit vom Fischer, der seinen Fang unterdessen im Boot verstaut hat, dümpelt das schwimmende Tor in Ufernähe, das mir schon mal aufgefallen ist. Gut möglich, dass die Uefa auf der anderen Seeseite in Nyon die ordnungsgemäße Anbringung der Tornetze überprüft und eine Ausnahmegenehmigung für Kunstrasen unter Schwimmtoren erteilt hat. Welche Sportart damit betrieben wird, habe ich immer noch nicht herausgefunden. Ich nehme mir vor, bei der Stadtverwaltung danach zu fragen. Sie hat das Tor schließlich mit einem eigenen Kahn ins Wasser gezogen. Das habe ich selbst gesehen. Danach verliert sich die Spur. Vorläufig.

Quelle: RP
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