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EM-Tagebuch
Ein trockener Abend am Genfersee

EM-Tagebuch: Ein trockener Abend am Genfersee
RP-Sportchef Robert Peters berichtet von der EM in Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Dürfen französische Fußballtore sich in der Schweiz niederlassen? Wie vermeidet man Zusammenstöße mit britischen Rentnern? Und warum regnet es nicht? Gedanken an einem spielfreien Tag.

Es ist nicht zu fassen. Ich bin wieder in Evian-les-Bains, und es regnet nicht. Überhaupt nicht, nicht einmal ein Tröpfchen. Auf nichts ist mehr Verlass. Könnte es tatsächlich sein, dass der Regengott vom Lac Leman mich von der Liste seiner Lieblingsopfer gestrichen hat? Oder dass ich ab nun nicht mehr der bekannteste Vertreter des umgekehrten "Mr.-Bean-Effekts" in Frankreich bin (Wo Mr. Bean ist, ist Sonne, wo ich bin, ist eben Regen)? Ich bleibe vorsichtshalber ein bisschen skeptisch.

Dennoch gibt es schlimmere Anblicke als den glitzernden Genfersee und Lausanne im frühen Abendlicht auf der anderen Seite. Zu meiner Überraschung erkenne ich, dass die Berge um mich herum noch viel höher sind, als zunächst angenommen werden musste. Sie haben richtig steinerne Gipfel, auf vielen liegt Schnee. Sie haben sich zwei Wochen lang bösartig den Blicken entzogen.

Am Seeufer herrscht schwerstes Flanieren. Der Regengott hat mit seinem Ruhetag offenbar die gesamte Bevölkerung und die (Fußball-)Touristen regelrecht aus den Häusern gescheucht. So wird auf der Promenade die Sommer-Sportart Slalom-Gehen geübt, vorbei an Müttergruppen mit Kinderwagen, vorbei an fröhlich tuschelnden britischen Rentnern, die sich unter plötzlicher Vollbremsung in den Stadtplan vertiefen, vorbei an Kindern auf Skateboards, die einem gern mal vor die Füße fallen, und vorbei an kleinen Hunden, die sich elanvoll und ohne den Blinker zu setzen von einem Rand des Wegs zum anderen bewegen. Hier sollte der Jogi mal La Mannschaft das intelligente Spiel gegen die Fünferkette beibringen. Wer hier durchkommt, den schreckt nicht mal mehr Italien oder Darmstadt 98.

Den Fischen ist es ziemlich egal. Den ganz kleinen Fischen scheint die herumwabernde Flaniermasse sogar die Aussicht auf ein frühes Abendessen zu versprechen. Sie lungern in Schwärmen am Ufer. Aber Vorsicht: An manchen Stellen soll offenbar mächtig was weggeangelt werden. Vornehmlich ältere Herren haben ihre Köder bereits zu Wasser gelassen. Ob wirklich zum Zwecke des Fischens oder zum Baden, stellt sich später heraus.

Ich bin längst in eine besinnliche Betrachtung eines Schwanen-Pärchens versunken. Ich denke gerade an den Schwan in Münster, der sich in ein Tretboot verliebt hat. Da ziehen die Stadtwerke von Evian mit einem rötlich-rostigen Kahn ein Fußballtor in den See. Das Tor steht auf einer kleinen Plattform aus schwimmendem Material, obendrauf ist Kunstrasen. Solchen Belag erlaubt die Uefa bei der EM nicht, deswegen wird sie sicher bald energisch einschreiten. Vielleicht gönnt sie dem Tor ein Stück aus den Resten des Natur-Rasens in Lille, den die Mannschaften (leider auch die deutsche) schon so zerpflügt haben, dass er jetzt ausgetauscht wird. Das Schwanen-Pärchen schaut reichlich irritiert. Eine komische Liebesbeziehung bahnt sich da wohl nicht an. Zur Sicherheit gehe ich morgen noch mal vorbei.

Das Tor ist bald verschwunden, vielleicht wird es ja auf der anderen Seite am Uefa-Sitz in Nyon zu Demonstrationszwecken benötigt. Dafür müssten sicher Frachtpapiere ausgestellt werden, immerhin handelt es sich ja um einen Grenzübertritt von Frankreich in die Schweiz. Ich möchte zu gern wissen, ob Fußballtore sich in der Schweiz niederlassen dürfen.

Die Frage beschäftigt mich so sehr, dass ich jetzt ein zentrales Hindernis im Slalomparcours Seepromenade bilde. Auch diese Überraschungseffekte könnte der Jogi prima ins Training einbauen. Ich sehe schon, wie seine Assistenten auf ihren Tablet-Computern tüchtig Grafiken zeichnen, Laufwege stricheln und Abschlusszonen markieren.

Gegen die kleine Bimmelbahn, die auf Rädern und mit Dieselantrieb daherkommt, würde ihnen aber wahrscheinlich auch kein taktisches Mittel einfallen. Die Bahn zieht ein paar sehr übersichtlich besetzte Wagen hinter sich her, eine Stimme vom Band preist die Schönheiten des Sees und erzählt Geschichten aus der Geschichte von Evian. An den letzten Waggon hat sich ein Junge mit Skateboard gehängt. Er lässt sich gemütlich ziehen. Er sieht ein wenig aus wie Lukas Podolski, und er lacht auf alle Fälle schon genauso.

Und dann betritt Bastian Schweinsteiger an der Talstation der Seilbahn den Boulevard. So viel ist klar: Das ist eindeutig wie eine Erscheinung. Es regnet übrigens weiterhin nicht.

Quelle: RP
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