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EM-Tagebuch
Public Viewing wie beim VfL Wolfsburg

EM-Tagebuch: Public Viewing wie beim VfL Wolfsburg
RP-Sportchef Robert Peters berichtet von der EM in Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Rudelgucken in Evian ist nicht ganz so, wie man es aus Deutschland kennt. Zwar feiern die Franzosen ihr siegreiches Team auch mit Sprechchören - die Versammlung neigt aber zu besonders schnellen Abgängen. Das erinnert dann an eine Dorfdisco nach zwei Uhr.

Es ist der Tag nach dem Tag, an dem die Europameisterschaft auch in unserem beschaulichen Städtchen am Genfersee angekommen ist. Hier und da erinnert ein französisches Fähnchen, das in den Graben geflogen ist, an den kleinen Autokorso, der in der Nacht vom Seeufer in die Berge und zurück gezogen ist. Mit ein bisschen Gehupe und auch mal einem verschämten Schrei in die Nacht. Sonst ist alles wie immer.

Still liegt der See, vor der Bäckerei parkt ein Lieferwagen, zum Frühstück gibt es ein Stück geröstetes Baguette, ein Stück normales Baguette, ein Croissant, Butter, Honig, Marmelade und eine Badewanne Kaffee. Das verursacht bei mir längst heimatliche Gefühle. Und als draußen vor dem Pressezentrum der Mann vom Bezahlsender Sky vor der Kamera steht, bin ich endgültig ganz zu Hause. Der steht nämlich immer da. Wahrscheinlich schläft er nicht. Und wenn, dann sicher im Stehen vor der Kamera. Hinter der Kamera steht manchmal niemand, aber der Mann vor der Kamera steht trotzdem mit tadelloser Frisur davor und spricht wichtige Nachrichten zum deutschen Fernsehpublikum. Dass nun alles schwer wird, höre ich im Vorbeigehen, und dass Frankreich gewonnen hat.

Das weiß ich schon seit dem Vorabend. Diesen erlebe ich mitten in einem richtigen Fußballtrubel in meiner Lieblings-Eckkneipe in der Fußgängerzone von Evian. Zum ersten Mal ist es richtig voll. Junge und alte Menschen haben sich Irokesenperücken in den Farben der Trikolore auf den Kopf gestülpt, viele tragen das französische Nationaltrikot, unten am See habe ich schon die Herren Matuidi und Sagnol gesehen. Dabei ist der eine gerade in Paris im Einsatz, während der andere bestimmt zu irgendeinem Fernseh-Expertenteam gehört, seit er nicht mehr beim FC Bayern München spielt.

Experten gibt es schließlich auch hier in großer Zahl. Die Fernsehsender brauchen viel mehr als unsere, die zum Teil mit einem einsamen, schlaflosen Herrn vor der Kamera auskommen müssen. Das französische Ritual ist: Zwei Moderatoren, von denen mindestens einer mal Nationalspieler war, sitzen im Studio drei Experten gegenüber, von denen einer offenbar immer aus Holland kommen muss. Ich habe schon den früheren Offensiv-Künstlern Patrick Kluivert und Ruud Gullit beim Plaudern zugeschaut. Diese Riege diskutiert vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel. Im Studio klatschen sicher gut bezahlte Zuschauer begeistert Beifall, in meiner Kneipe fliehen Irokesen und Trikotträger auf die Straße an die frische Luft.

Sie kehren erst zur Nationalhymne wieder ein, und ich wundere mich, dass sie die Marseillaise nicht laut mitschmettern. Vor ein paar Wochen saß ich in Paris in einem Café, in dem sich niemand für die Übertragung des französischen Spiels gegen Albanien zu interessieren schien - außer mir -, aber bei der Hymne sangen alle mit, ehe sie sich während des Spiels bedeutenderen Dingen wie dem Verzehr ihrer Mahlzeiten und dem neuesten Klatsch über Präsident Hollande widmeten.

In Evian wird nicht gesungen, dafür aber immerhin sehr interessiert zugeschaut. Beifall geklatscht wird wie im Stadion, und neben vielen Ratschlägen an die Spieler, mal hierhin, mal dahin, mal dorthin zu spielen, zu schießen, zu passen oder zu laufen, gibt es bald lauten Jubel. Frankreich trifft, Island sieht bedauernswert aus, erste Sprechchöre feiern die Blauen, und eine andere Fraktion grunzt das isländische "Hu, Hu!"

Am erfolgreichen Ausgang des Abends herrscht längst kein Zweifel mehr. Nach 20 Minuten begeht eine Gruppe den Halbfinaleinzug mit einer Runde undefinierbarer Getränke, die den Hemmungsfaktor schlagartig herabsenken. Einer brüllt "Pogba" und schaukelt hinaus in die Gasse. Er kommt den ganzen Abend nicht mehr wieder. Ohnehin neigt die Versammlung bei diesem besonderen Public Viewing zu besonders schnellen Abgängen. Zur zweiten Halbzeit sind daher die Ränge nur noch zur Hälfte gefüllt, es sieht aus wie bei einem Heimspiel vom VfL Wolfsburg, und nicht jeder findet die große Projektionswand noch so anziehend wie eine Stunde zuvor.

Nach dem Schlusspfiff ist es wie früher in der Dorfdisco nach zwei Uhr. Das Licht geht an, ein paar verschreckte Personen blinzeln irritiert in einem fast leeren Saal umher. Der Wirt räumt ab und spült Gläser. Über die Straße zieht ein kleiner Karnevalsumzug mit Irokesen, ein paar Fahnen, Nationaltrikots und ganz hinten einem Kinderwagen. In der Ferne hupt einer leise am Berg. Dann ist Ruhe.

Quelle: RP
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