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EM-Tagebuch
Quartiermeister und Geschichtenerzähler

EM-Tagebuch: Quartiermeister und Geschichtenerzähler
RP-Sportchef Robert Peters berichtet von der EM in Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Oliver Bierhoff hat bei der Wahl der Unterkunft erneut eine gute Nase gehabt. Fans verirren sich kaum nach Evian, das seine beruhigende Kraft entfalten kann. Und der Teammanager hat Zeit, seine Nachfolger mit tollen Geschichten zu unterhalten - wie jene von seinem Golden Goal vor 20 Jahren.

Gestern hatte ich eine Erscheinung. Ich trottete zum Trainingsplatz von La Mannschaft, und auf dem Gehsteig standen zwei Fans. Richtige Fans. In DFB-Trikots. Der eine hieß Müller und der andere auch. So stand es hinten auf den Trikots. Der eine trug einen Bart, wie ihn die jungen Menschen heute tragen, der andere eine Sonnenbrille. Sie wollten auch zum Trainingsplatz von La Mannschaft. Aber der Sicherheitsmann ließ sie nicht durch. Außerdem hatte Jogi Geheimtraining verordnet. Ich habe ihnen empfohlen, den Berg noch ein wenig hinauf zu steigen. Von der Parallelstraße her betrachtet ist das Geheimtraining nur noch halb so geheim. Das habe ich schon vor Wochen entdeckt. Die eine Spielhälfte, in der viele Hütchen aufgebaut waren und in der Jerome Boateng gerade seine teure Muskulatur dehnte, ist von oben schön einzusehen.

Da standen nun die beiden Fans, und der höhere Standort machte sie noch mehr zu einer Erscheinung. Einheimische drehten sich verwundert um. Seit dem 7. Juni hatten sie so etwas nicht mehr gesehen. Damals, in der Bronzezeit der Europameisterschaft, hatte La Mannschaft sich öffentlich bei ihren Leibesübungen in Evian bestaunen lassen. Da kamen viele in DFB-Trikots, manche hießen ebenfalls Müller, manche Kroos und manche Özil. Sie sind längst wieder verschwunden in diesem großen, weiten Land.

Im Jogiland von Evian kommen sie nicht vor. Sie bevölkern weder die Seepromenade noch die Cafés und schon gar nicht das Casino, das sie wegen schwerer Verstöße gegen die Kleiderordnung vermutlich auch sofort des Saales verweisen würde. Sie fahren nicht mit der Seilbahn, sie segeln nicht mit Ausflugsbooten, selbst die Fähre nach Lausanne ist fanfreie Zone. Zum Glück hat Evian auf seltsame Einrichtungen wie ein Public Viewing verzichtet. Sogar die Fernseher der Kneipen dürfen nur dann nach draußen getragen werden, wenn die Terrasse überdacht ist.

Vielleicht hat sich die Stadtverwaltung das alles ein bisschen anders vorgestellt. Wahrscheinlich hat sie erwartet, dass deutsche Fußballfreunde in großer Zahl in ihr schönes Tal einfallen würden. Viele Restaurants haben deshalb zurzeit deutsche Speisekarten. Sie haben aber keine deutschen Gäste, die ihnen daraus vorlesen könnten.

Das macht aber nichts. Die Stadt ist so entspannt wie der Bundes-Jogi selbst. Sie verlangsamt automatisch den Herzschlag, ich fühle mich schon ganz gesund. Und ich erkenne die Weisheit, mit der Deutschlands führender Quartiermeister seine Wahl getroffen hat. Oliver Bierhoff ist zu verdanken, dass dieser Zipfel von Frankreich in den Schweizer Bergen am Genfersee seine beruhigende Kraft entfalten kann. Der Oli hat bestimmt gewusst, dass sich hier keine Fanmassen hin verirren würden, die La Mannschaft in ihrer Nachtruhe oder beim freien Tag oder bei der Fahrt zum Training stören könnten. Sie warten in den Spielorten und dürfen im Stadion dankbar jubeln. La Mannschaft schwebt unterdessen wieder in die Einsamkeit der Berge.

Wenn sie den Oli ausreichend für seine überaus große Weitsicht gepriesen hat, dann bedankt sich der Manager abends am Kamin mit tollen Geschichten. Genauer: Er bedankt sich mit einer tollen Geschichte. Sie spielt in der Zeit, als der Oli noch ein junger Mann war, mit der gleichen unverwüstlichen Frisur wie heute und dem gleichen vornehmen Lächeln.

Damals trug er seltener einen Anzug und oft kurze Hosen. Er stürmte über das Fußballfeld und erschreckte die Abwehrreihen der deutschen Gegner mit seinen Kopfbällen. Eines Tages wurde der Oli ganz berühmt. Er schoss das goldene Tor in der Verlängerung des EM-Finale 1996 von London gegen Tschechien. Er machte damit ganz Deutschland glücklich.

Abends in der Trutzburg von La Mannschaft erzählt er, wie er sich drehte im Strafraum und wie der Ball ins Tor trudelte, wie er innig hoffte, dass Stefan Kuntz nicht noch seine im Abseits befindlichen Füße an den Ball bringen würde, wie er sich freute, das Trikot vom Leib riss und in einer Jubeltraube versank, wie sie nur der Titelgewinn hervorbringen kann.

Gestern hat er diese Geschichte bestimmt wieder erzählt, denn gestern war ihr Jahrestag. Am liebsten würde er sich in Evian eine Ausstellung widmen. Aber das Palais Lumière ist belegt. Die Erzählung musste reichen. La Mannschaft konnte sie sicher schon mitsprechen.

Quelle: RP
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