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EM-Tagebuch
Realitätscheck in Nordfrankreich

Tagebuch zur EM 2016: Realitätscheck in Nordfrankreich
Robert Peters berichtet aus Frankreich von der EM. FOTO: Phil Ninh
Lille. Wahrheit und Fiktion liegen oft nah beieinander. Doch nicht alles, was französische Kino-Kassenschlager suggerieren, spiegelt sich in der Realität wider. Eine Forscherreise durch den Norden Frankreichs. Von Robert Peters

Den größten Teil meiner bescheidenen Frankreich-Kenntnisse verdanke ich der Weltliteratur und dem Kino. Präziser: den Asterix-Heften und dem Film "Willkommen bei den Sch'tis". Selbstverständlich habe ich geahnt, dass da und dort mit den Mitteln der künstlerischen Freiheit gearbeitet wurde. Die dichterische Wahrheit deckt sich ja nicht immer mit der Wirklichkeit.

Deswegen tut es gut, die Ansichten mal an der Realität zu messen. Erste Forschungsstation ist der Norden mit seiner Hauptstadt Lille. Eine Gegend, die sich die allermeisten (Süd-)Franzosen als bitterkalte Steppe vorstellen, in deren Geisterstädten baufällige Zeugen früher Industrialisierung vor sich hinrosten, während die seltsamen Ureinwohner ihre Haustiere auf den Grill werfen, im Alkohol Trost finden und einen Dialekt sprechen, den nicht mal die Belgier verstehen. Der Dialekt heißt "Ch'ti", die deutschen Übersetzer des Films nennen ihn "Sch'ti" - die Bewohner des Landstrichs heißen "Sch'tis".

Nicht alles daran ist wahr. Doch, es gibt ein paar Überreste aus dem Kohlebergbau, und, ja, hier wird "Sch'ti" gesprochen, und noch mal ja, die Menschen ersetzen S-Laute in der Regel durch Sch-Laute. Sie sagen also cha va statt ca va (dt. wie geht'sch statt wie geht's) oder cha va bien statt ca va bien (esch geht gut statt es geht gut).

Auch eine kulinarische Verheißung des Films ist wahr geworden. Bei den Sch'tis stellt sich mittags die Hälfte aller Einwohner von Bergues am Pommes-Wagen an, der hier "Friterie des Flandres" heißt. Meiner heißt nur Friterie, und er steht in der Nähe des Stadions von Lille. Der Friterie-Wagen ist aus Holz, hat verblüffende Ähnlichkeit mit dem, der in meiner Kindheit in der Gocher Kuhstraße stand. Und die Pommes frites, die hier verkauft werden, sind einfach göttlich. "Fantas(ch)tisch" auf Deutsch-Sch'ti.

Wichtige Szenen des Films spielen in einer verlassenen Bergarbeiterstadt, in der auf verblichenen Tafeln für Geschäfte geworben wird, die vom Handel mit Kohlen und Wein leben. Die habe ich in Lille nicht gefunden. Sie erinnern jedoch an den Asterix-Band "Arvernerschild". Dort begegnen Asterix und Obelix in der heutigen Auvergne einem Herrn mit dem Namen Alkoholix, der mit Kohlen und Wein handelt. Wie seine Landsleute ersetzt er S- durch Sch-Laute, und das klingt so: Obelix erkundigt sich nach Zutaten für einen Eintopf. Arvernerfrau: "Alscho, erschtensch braucht man dazu viel Fleisch." Obelix: "Fleiß?" Asterix: "Fleisch!" Arvernerfrau: "Genau! Fleisch! Und Fleisch natürlich auch! Denn ohne Fleisch kein Preisch!"

Hobby-Wissenschaftlern wie mir stellt sich jetzt natürlich die Frage, welche Region bei der anderen abgeschrieben hat oder welcher Übersetzer vom anderen. Haben sich Asterix und Obelix verlaufen? Und liegt "Ales(ch)ia", der Ort der gallischen Niederlage gegen Cäsar, etwa im Nord-Pas-de-Calais bei den Scht'is? Das würde zumindest erklären, warum sich bis heute normale (Süd)-Franzosen nur selten in den hohen Norden verirren. Und von Lille aus betrachtet, sind eigentlich alle Franzosen Süd-Franzosen.

Quelle: RP
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