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Rückkehr an alte Wirkungsstätte
Klopp will Dortmund auf die Nerven gehen

Rückblick: Sieben Jahre Klopp beim BVB
Rückblick: Sieben Jahre Klopp beim BVB FOTO: dpa, gb hak mg nic
Dortmund. In der 1100-jährigen Geschichte Dortmunds gibt es drei Höhepunkte: Die Verleihung der Stadtrechte im Spätmittelalter, den Europapokalsieg 1966 gegen den FC Liverpool und die Heimkehr von Trainer Jürgen Klopp mit eben jenem FC Liverpool. Von Robert Peters

Sieben Jahre hat Klopp für Borussia Dortmund gearbeitet, nie aber gab es mehr Kloppomania als vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Europa League (Donnerstag, ab 21.05 Uhr/Live-Ticker). Bei aller Begeisterung über öffentliches Interesse an seiner Fußballfirma ist der Rummel um den Coach sogar dem BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke suspekt.

In Liverpool hielt der einstige BVB-Guru Klopp vor einer Woche Hof vor seinen immer noch zahlreichen Anhängern unter den Medienvertretern. Sie hingen an den Lippen des hochbegabten Öffentlichkeitsarbeiters. Und Watzke, dem in einem Jahrzehnt an der Spitze des BVB alle Gemeinheiten des Profisports begegnet sind, argwöhnt bereits taktische Absichten hinter Klopps Charme-Offensive. "Am meisten fürchte ich, dass Klopp versucht, uns einzulullen und die Fans auf seine Seite zu ziehen, dass hier so eine Art Freundschaftsspiel-Atmosphäre entsteht", sagte er der "Bildzeitung". Klopp lächelt dazu mit vollem Gebiss-Einsatz sein weltberühmtes Zahnpasta-Werbelächeln und richtet sich bequem in der Rolle des Außenseiters ein. "Wir allen wissen, wie unfassbar stark Borussia Dortmund ist und dass sie der haushohe Favorit ist", versicherte Liverpools Coach.

Die letzten Duelle zwischen Tuchel und Klopp

Natürlich hat er aus der Ferne mitbekommen, dass sein Nachfolger Thomas Tuchel aus dem hemmungslosen Vollgasfußball der Klopp-Ära ein vergleichsweise feineres Spiel entwickelt hat. Dortmund spielt mit mehr Rhythmuswechseln und weniger Laufaufwand, ökonomischer, reifer.

Dennoch haben die BVB-Anhänger selbstverständlich nicht vergessen, wieviel Schwung Klopp in die Bude gebracht hat. Als er die Borussia 2008 übernahm, da dümpelte der große Klub jenseits seiner unverändert großen Ansprüche im Mittelmaß herum. Mit seiner Leidenschaft und seinen Fähigkeiten als Lehrer riss er Mannschaft und Publikum mit. Höhepunkte der Zusammenarbeit waren zwei deutsche Meisterschaften, ein Pokalsieg und die Teilnahme am Finale der Champions League. Das weithin anerkannte Magazin "4-2-4" schrieb, der BVB sei der heißeste Klub Europas. Für die Temperatur sorgte der tanzende, brüllende, zähnefletschende und strahlende Riese am Rand. Klopp war der Antrieb der Dortmunder Fußball-Maschine.

Übersicht: Die Ausraster des Jürgen Klopp FOTO: dpa, Ciro Fusco

Weil die beständig in der Nähe des roten Bereichs lief, musste es Verschleiß-Erscheinungen geben. Die Konkurrenz entschlüsselte das System Klopp, und auf defensive Gegner hatte der BVB nicht immer eine Antwort. Das lag auch daran, dass die Spieler, die Klopp bedingungslos gefolgt waren, erwachsener wurden und gelegentlich hinterfragten, warum sie eigentlich immer bis zum Anschlag rennen sollten. Sie fielen nicht in Verweigerungshaltung, aber das Verhältnis zu ihrem mit väterlicher Strenge führenden Trainer litt. Nicht alle weinten sich die Augen aus, als Klopp vor einem Jahr seinen Rücktritt erklärte.

Das war noch einmal so ein Auftritt, wie ihn nur Klopp hinlegen kann. Er war es, der sein Scheitern erklärte, damit kam er allen Diskussionen zuvor. Er wiederholte, was er zum Amtsantritt beteuert hatte: "Wenn ich feststellen muss, dass ich nicht mehr der perfekte Trainer für diesen großartigen Klub bin, dann muss ich das sagen, denn dieser Klub hat es verdient, vom absolut richtigen Trainer trainiert zu werden." Dieser Zeitpunkt war gekommen. Klopp ging, und Watzke stellte fest: "Der ewige Dank aller echten Borussen ist dir gewiss." Mühsam unterdrückte er die Tränen.

Fotos: Klopp verbeugt sich weinend vor der Südtribüne FOTO: dpa, bt tmk

Heute sieht er die Angelegenheit viel geschäftsmäßiger. Das wird Klopp ungeachtet des ganzen Trubels auch tun. Schließlich hatten sie ihm in Mainz einst nach sieben Jahren erfolgreicher Arbeit ebenfalls ein Denkmal errichtet. Das hinderte ihn nicht, mit dem BVB kühl die Schwächen der Mainzer als Gegner zu nutzen. Das wird auch morgen so sein. "Wir werden uns freundlich begrüßen und freundlich verabschieden", sagte Klopp, "zwischendurch gehen wir uns 90 Minuten auf die Nerven."

Das steht schon fest. Weniger sicher ist, wie Klopp auf Tore, auf Schiedsrichter-Entscheidungen oder Fouls reagieren wird. Vielleicht beherrscht er 90 Minuten sein Temperament. Zu ihm passen würde das allerdings nicht.

Quelle: RP
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