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Kolumne "Eckball"
Fernseh-Beweis tötet den Fußball

Hier rastet Schalke-Coach Felix Magath aus
Hier rastet Schalke-Coach Felix Magath aus FOTO: AP
Endlich! Endlich war es mal wieder eine Woche, in der das ultimative Unwort aus keinem Fußballer-Mund heraus flog: Fernsehbeweis! Wie ekelhaft! Wie widerwärtig! Wie obszön! Fernsehbeweis: Felix Magath hat ihn zuletzt gefordert, weil Schalke nicht gewinnen konnte gegen Freiburg. Von Karsten Kellermann

Und Ralf Rangnick, weil Hoffenheim einige Elfmeter nicht bekam gegen Gladbach, die es gern gehabt hätte. Nein, liebe Trainer, so nicht! Schweigt, wenn ihr keine besseren Argumente habt, nicht gewonnene Spiele zu erklären. Aber bitte nicht den Fernsehbeweis!

Das ist nichts als das, was einst Alfred Hitchcock in seinen wunderbaren Thrillern ständig nutzte: ein McGuffin, also die Irreführung des Publikums ohne Bedeutung für die eigentliche Handlung. Da wird eine Fährte gelegt, die eine semantische Leere ist. Fernsehbeweis! Bitte, was soll das! Sagt ehrlich, warum Ihr nicht gewonnen habt, Ihr Trainer, aber fordert nicht den Fernsehbeweis: die 90 Minuten plus irgendeine Nachspielzeit sind vorbei, Fakten sind da – und zu diskutieren. Redet über das Spiel und nicht über Unsäglichkeiten.

"Das Rechteck der Leinwand soll voller Emotionen sein", sagte Hitchcock. Das gilt genauso für das Rasenrechteck des Fußballs. Und Emotionen gibt es nun mal vor allem dort, wo diskutiert werden darf. Der Fußball lebt von seiner Offenheit: Niemand, der ins Stadion geht, weiß, wie es ausgeht. Und zwei Menschen, die ein Spiel sehen, haben nie dieselbe Meinung darüber. Und all die Geschichten, die der Fußball produziert, die sind nichts als der Wahnsinn des Unvorhersehbaren. Wenn man denkt, das gibt es nicht, bitte: der Fußball wird schnellstmöglich das Gegenteil beweisen.

Einzig eines ist unumstößlich, und wenn man den Videotext anknipst, dann gilt hier der Fernsehbeweis: Der FC Bayern München ist Deutscher Meister. Nun ja, fast. Zehn Spielchen fehlen noch, dann ist er es auch offiziell. Doch seit Sonntag, sind die Bayern da, wo sie laut ihres Selbstverständnises hingehören: An der Tabellenspitze. Nach 652 Tagen Abstinenz und 57 Spieltagen des Wartens. Nun haben sie, was sie wollen, und aus dem Jäger wird der Gejagte. Was soll es denn: Mia san mia, sagen sich die Bayern. Und: Mia san Meister. Denn verdrängen lassen werden sie sich nicht mehr! Sorry, lieber Jupp Heynckes und liebes Bayer Leverkusen.

Dafür spielt Bayer in einer Zeit hübschen Fußball, in der alle anderen hauptsächlich verteidigen. Auch dieser These, die der Fußballdenker Christoph Biermann aufstellt, sei der Fernsehbeweis zur Seite gestellt: Der Bezahl-Sender Sky, dessen stolzestes Produkt die Fußball-Bundesliga ist, durfte seinen Zuschauer am vergangenen Spieltag gerade mal 15 Tore live und in Farbe präsentieren. Das ist ein Treffer alle 54 Minuten. Wie gähn ist das denn! Was das Fernsehen beweist: Wo taktiert wird und verteidigt, da geht die Schönheit des Spiels flöten. Oder, mit dem früheren Torwart-Titan Oliver Kahn gesprochen: Fußball ohne Tore hat keine Eier.

Und jetzt nehmen wir mal den Fernsehbeweis dazu: Die Kicker kicken vor allem dem Ball weg vom eigenen Tore und hoffen darauf, dass einer der langen Bälle in die Stilform des Konters mündet: hinten raus und ab dafür, husch, husch! Andere nennen es: Langholz fahren und vorne hilft der liebe Gott. Bleiben wir aber lieber beim Begriff "Konter", das klingt nach schnell, nach interessant, nach Torsuche. Aber dann, das Auge der beweisenden Kamera spielt mit: der eine lange Ball, der den flinken Stürmer findet und dann auch den Weg ins Tor, nach einem wundervollen Lupfer, der an die Latte tropft und von dort hinter die Linie – oder doch nicht? Schiedsrichter sagt: Tor. Es gibt Proteste, Schiedsrichter ist wankelmütig, nutzt den Fernsehbeweis: drin oder nicht drin?

Wembley lebt – ach, dieses Wort gäbe es gar nicht, hätte es damals, 1966, im Wembleystadion (dem Original, Gott habe es selig) den Fernsehbeweis gegeben, als Hurst für England gegen Deutschland traf im WM-Finale. Die Fußballgeschichte wäre um gefühlt eine Milliarde Debatten dies und jenseits des Ärmelkanals ärmer.

Doch zurück zum Ausgangspunkt: Ball von Latte in Tor oder auf Linie. Schiedsrichter schaut die Bilder an, zieht alle vorhandenen Assistenten zurate, den Beobachter des DFB auf der Tribüne, ruft dann in der Zentrale des Verbandes an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt an, und auch bei der Deutschen Fußball-Liga, um sich rückzuversichern: drin oder nicht drin? Was sagen die Bilder. Viele Augen sehen in vielen Wiederholungen mehr als zwei in Sekundenbruchteilen. Viele Beratungsrunden und ein paar Telefonate, vielleicht auch mit Physikern und sonstigen Sachverständigen später die Entscheidung: kein Tor. Es bleibt beim 0:0. Abpfiff. Der Fußball ist tot!

Sascha Theisen würde das nicht gefallen. Der Mann ist ein Fußballromantiker, einer, der 24 Stunden an das Spiel denkt: hin und her, kreuz und quer. Theisen ist Gründer der Lesereihe "Torwort", in der die Skurrilitäten des Spiels geschildert werden. Menschen aus der Fußball-Welt lesen da, aber auch Fans (systemtheoretisch gehören sie nicht zur in sich geschlossenen Welt der Profis, sie sind externe Beobachter).

"Torwort" hat nun auch ein Buch heraus gegeben, in dem viele Geschichten mit und um den Fußball versammelt sind. Sie klingen irgendwie alle ein wenig nach Nick Hornby, der mit Fever Pitch Ideal der "Ich-liebe-den-Fußball-der-unser-Leben-ist"-Bücher verfasst hat, doch sind es Unikate aus dem wahren Leben und daher lesenswert. Nach vorne heißt das das Torwort-Werk . Logisch. Denn wer Spaß am Spiel hat, wer es liebt, der will es nach vorne laufen sehen, denn vorne fallen die Tore. Und wenn das Netz bebt, tief in seinem Inneren, dann braucht niemand, was niemand will: den Fernsehbeweis. Denn Tor is' wenn der Ball im Netz is' und keiner was dagegen hat. Quod erat demonstrandum.

 
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