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Niersbach besucht Flüchtlingsunterkunft
"Sport kann sich nicht raushalten"

Niersbach besucht Flüchtlinge in Egelsbach
Niersbach besucht Flüchtlinge in Egelsbach FOTO: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images/DFB/dpa
Berlin. Kritiker werfen dem Profisport oft vor, gesellschaftliche Probleme zu ignorieren. Angesichts der dramatischen Flüchtlingslage werden nun große Vereine und auch Stars aktiv. Doch ist das echtes Engagement oder Symbolpolitik?

Selbst Fußball-Superstar Lionel Messi ließen die Bilder von Millionen Menschen auf der Flucht nicht kalt. "Solche Dinge sollten im 21. Jahrhundert unvorstellbar sein", postete der Stürmer des FC Barcelona vor einigen Tagen bei Facebook. Wie er denken mittlerweile viele in der Welt des Sports. Und viele wollen helfen.

Der deutsche Rekordmeister Bayern München und Spaniens Rekordchampion Real Madrid kündigten Spenden von jeweils einer Million Euro an, die deutsche Basketball-Nationalmannschaft überreichte einen Scheck an die Hilfsorganisation Pro Asyl. Und Europas Fußball-Spitzenklubs sagten bei der ECA-Versammlung gerade erst eine gemeinsame Millionenspende zu.

Die "schrecklichen Nachrichten und herzzerreißenden Geschichten der vergangenen Tage" hätten alle berührt, sagt auch IOC-Präsident Thomas Bach. Allein im August sind mehr als 100.000 Menschen nach Deutschland gekommen, viele fliehen aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Spitzen-Vereine und Organisationen sagen den Menschen Unterstützung zu.

Echte Hilfe oder nur Imagepflege? "Es ist sicherlich beides", sagt Sportwissenschaftler Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule Köln. Er beobachte, dass sich der organisierte Sport für Flüchtlinge derzeit sehr engagiere. Kleine Vereine stellen Turnhallen, Plätze oder auch Kleidung zur Verfügung. Manche verteilen auch kostenlose Tickets an Flüchtlinge – oder trainieren sie gleich selbst, wie Boxer Artem Harutyunyan. Große Klubs und Organisationen spenden Gelder.

"Das Ganze hat natürlich auch – das darf nicht verkannt werden – eine symbolische Dimension", sagt Mittag als Experte für Sportpolitik. Er wolle das nicht negativ werten. Der Sport – vor allem der Fußball - habe in Deutschland so große Bedeutung, dass er eine Vorbildfunktion habe. "Da kann sich der Sport nicht einfach raushalten", sagt Mittag.

Nationalmannschaft postet Video gegen Fremdenhass

Der Deutsche Fußball-Bund hat lange das Thema Flüchtlinge vermieden. Jetzt setzt die Nationalmannschaft mit einem Video ein Zeichen gegen Gewalt und Fremdenhass. Eine DFB-Delegation mit Präsident Wolfgang Niersbach an der Spitze besuchte am Mittwoch eine Flüchtlingsunterkunft im hessischen Egelsbach. Dort arbeitet die Christliche Flüchtlingshilfe eng mit der SG Egelsbach zusammen, die die Flüchtlingsmannschaft "Refugees United" gegründet hat.

"Das ist genau das, was wir uns vorstellen", sagte Niersbach. "Man kann in Berlin noch so viele Botschaften formulieren. Sie müssen vor Ort auch umgesetzt werden. Das passiert hier vorbildlich und beispielhaft." Er übergab den Spielern aus Syrien, Somalia oder Afghanistan einen Ball mit den Unterschriften aller deutschen Nationalspieler.

Der Fußball habe so stark an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen, dass auch seine gesellschaftliche Verantwortung gestiegen sei, findet Sportwissenschaftler Mittag. Der wollen manche nun mit Spenden nachkommen. "Sicherlich hilft dieses Geld", sagt Mittag. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) etwa will zwei Millionen Dollar (umgerechnet 1,8 Millionen Euro) für Flüchtlingsprojekte bereitstellen. Zum Vergleich: Die Organisation schüttet nach eigenen Angaben pro Tag an Vereine und Sportler weltweit auf allen Ebenen etwa 3,25 Millionen Dollar aus.

Auch bei der Fifa seien die gespendeten Gelder gemessen am Umsatz eher ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Mittag. Das wolle er als Wissenschaftler aber nicht bewerten. Aus Sicht der Betroffenen sei das sicherlich eine hochwillkommene Hilfe. "Jetzt bleibt es jedem selbst überlassen zu sagen: Könnte man mehr tun?"

(dpa)
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