Interview zur Frauen-EM: "DFB soll aufhören, Weiblichkeit zu betonen"
VON DAS GESPRÄCH FÜHRTE JENNIFER TÖPPERWEIN - zuletzt aktualisiert: 28.08.2009 - 10:35Düsseldorf (RPO). Die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen kämpfen zurzeit in Finnland um den Sieg bei der Europameisterschaft. Die Fernsehquoten und die Zuschauerzahlen in den Stadien sind nicht mit denen bei der Männer-EM vergleichbar. Wir haben die Fußballfachautorin und Expertin auf dem Gebiet Nicole Selmer gefragt, warum das so ist.
Gucken Sie Frauenfußball?
Selmer: Nur ab und zu. Dadurch, dass Frauenfußball die Popularität und die Reichweite fehlen, ist das ein ganz anderes Fußballerlebnis. Es hat seinen eigenen Charme, mit selbst gebackenem Kuchen wie in der Kreisliga. Da erinnert auch die Bundesliga an Amateurfußball. Es ist nett, keine Frage, aber etwas anderes als beim Männerfußball. Einige begründen ja ihr Desinteresse damit, dass Frauen weniger athletisch seien und ihr Fußballspiel anders aussieht. Das kann ich gar nicht nachempfinden. Bei den Männern sieht das je nach Spiel oder Liga auch verschieden aus. Außerdem: Ich gucke seit mehr als zwei Jahrzehnten Fußball und in der Zeit hat sich das Spiel der Männer auch total verändert. Da wurde es auch mehr oder weniger athletisch, mehr oder weniger taktisch. Frauen haben da einfach aufgrund der Geschichte Nachholbedarf.
Im Vergleich zur Männernationalmannschaft erhält das Frauenteam wenig Aufmerksamkeit. Woran liegt das?
Studium: Skandinavistik und Germanistik
Arbeit im Bereich Fußball: u. a. Betreuung der Fan-Webseiten zur WM 2006 und WM 2008; nationale und internationale Fanarbeit zusammen mit der Koordinationsstelle Fanprojekte; Gründung des Netzwerks F_in Frauen im Fußball
Veröffentlichungen: u.a. "Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans"; "Frauen und Fußball – Historische Spuren einer alten Leidenschaft"; "Neue Zielgruppe oder ideologische Verschiebemasse – Vom Umgang der Fußballindustrie mit weiblichen Fans"
Nicole Selmer: Da kommt viel zusammen. Zunächst einmal ist Frauenfußball die Ausnahme vom Standard, vom Männerfußball. Frauenfußball wird nicht als richtiger Fußball begriffen. Das merkt man ja schon daran, dass die Europameisterschaft "Frauen-EM" genannt wird. "Frauen" ist nicht die Disziplin, sondern "Fußball". Der Schwerpunkt wird nicht auf den Sport, sondern auf das Geschlecht gelegt. Außerdem muss man beachten, dass Frauenfußball noch eine relativ neue Sportart ist – wenn man es so nennen will. Der DFB hat sein Frauenfußball-Verbot erst 1970 aufgehoben. Das ist noch nicht lange her. Die Frauen müssen da also noch einiges aufholen.
Die Fußball-EM der Frauen findet während der Bundesliga-Zeit statt. Zeigt das ein Desinteresse der Verbände?
Selmer: Ich weiß nicht genau, wie man das interpretieren sollte. Seltsam und komisch finde ich das auf jeden Fall. Warum werden die Welt- und Europameisterschaften der Männer und Frauen überhaupt zeitlich getrennt? Sie könnten getrennt voneinander spielen, aber zumindest im gleichen Zeitraum. So wie zuletzt bei der Leichtathletik-WM. Allerdings sollte man sich auch die Frage stellen, ob die Bundesliga tatsächlich eine Konkurrenz ist. Überschneiden sich die Fans da überhaupt? Das weiß man nicht.
Frauenfußball hatte in der Geschichte ja durchaus einmal einen wesentlich höheren Stellenwert.
Selmer: Ja, in England beispielsweise während des Ersten Weltkriegs und kurz danach. Die Männer waren im Krieg und konnten nicht spielen. Da haben es die Frauen getan, mit großem Erfolg, und dadurch Geld für den Kriegseinsatz gesammelt. Bis 1921, dann wurde es den Vereinen verboten, den Frauen die Plätze zur Verfügung zu stellen. Im nationalsozialistischen Deutschland war Frauenfußball nicht erlaubt, aber nach dem Zweiten Weltkrieg war er gerade im Ruhrgebiet sehr beliebt. Da gab es viele Vereine und auch internationale Turniere gegen niederländische Mannschaften. 1955 hat der DFB dann sein Damenfußballverbot erlassen. Begründet wurden die Verbote damit, dass Frauenfußball unästhetisch und ungesund sei. Auch nach Aufhebung der Verbote hielten sich die Vorurteile. Es wurde über Brustpanzer diskutiert, die Frauen mussten ohne Stollenschuhe spielen und es wurde mitunter immer noch befürchtet, sie könnten unfruchtbar werden.
Die heutigen Vorurteile gehen in eine ähnliche Richtung, obwohl man es besser wissen sollte. Werden sie künstlich aufrecht erhalten?
Selmer: Ich glaube, dass das eher im Unterbewusstsein verankert ist: Fußballerinnen haben dicke Oberschenkel und Oberarme, sind Mannsweiber, lesbisch und sehen nicht gut aus, wenn sie sich bewegen. Zwar äußern sich Bundesligatrainer öffentlich inzwischen positiv über Frauenfußball. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Aber was sie wirklich denken, weiß man nicht. Oft ist der Umgang mit diesem Thema krampfhaft. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie Fifa und DFB die Frauen-WM 2011 präsentieren. Da ist von der "Leichtigkeit und Leidenschaft" die Rede, mit der "hübsche Frauen und Mädchen (…) dem runden Leder hinterher jagen". Die Verbände kennen die Vorurteile und wollen nun etwas gezwungen Fußball und Weiblichkeit verbinden. Hier schlägt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus, aber auch völlig übertrieben und falsch.
Durch den sportlichen Erfolg ist das Interesse am Frauenfußball in den letzten Jahren gestiegen. Wie sehen die weiteren Aussichten aus?
Selmer: Es hat sich tatsächlich viel verändert. Seit Theo Zwanziger DFB-Präsident ist, wurde Frauenfußball nicht nur zum Thema, sondern sogar zur Chefsache. An Schulen und in Vereinen gibt es zahlreiche Mädchenteams. Die weiblichen Mitglieder beim DFB werden immer zahlreicher. Durch den Boom wird es mittelfristig sicherlich eine Veränderung geben. Fußball spielende Frauen werden irgendwann weniger hinterfragt. Aber es wird bestimmt nie genauso viele Fans beim Männer- wie beim Frauenfußball geben.
Von einem tatsächlichen Umdenken in absehbarer Zeit gehen Sie nicht aus?
Selmer: Nein. Und die absolute Gleichsetzung ist auch gar nicht das Ziel. Das wollen die meisten Fußballerinnen nicht. Sie träumen nicht von so einer Profikarriere der männlichen Stars. Allerdings sollte Mädchen der Einstieg in den Sport genauso leicht gemacht werden wie den Jungen.
Was müsste der DFB noch tun?
Selmer: Ich denke, er könnte damit aufhören, die Weiblichkeit so stark überzubetonen – wie bei der WM-Präsentation. Das ist unnötig und impliziert nur, dass bewiesen werden soll, dass Fußballerinnen "richtige" Frauen sind. Übrigens: Ich weiß nicht, ob die WM 2011 dem Frauenfußball gut tut. Zwar investiert der DFB in dem Zusammenhang viel in die Vereine, aber die WM hat nicht unbedingt etwas mit dem Ligafußball zu tun. Da geht es nicht um den Sport, sondern um Sponsoren und kommerzielle Aspekte. Ähnlich wie bei der WM der Männer in Deutschland im Jahr 2006. Apropos Werbung und Weiblichkeit: Warum werben Fußballerinnen immer für so etwas wie Parfüm und Fußballer für Autos und Versicherungen? Aber es wäre naiv anzunehmen, dass sich das bald ändern könnte.
Das Gespräch führte Jennifer Töpperwein.
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