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Frauen-EM
Frau Mittag sucht das Glück

Frauen-EM 2017: Anja Mittag sucht das Glück
Anja Mittag im Spiel gegen Italien. FOTO: dpa, nic
Rotterdam. Bis zum EM-Viertelfinale hat die deutsche Frauenmannschaft gerade mal vier Törchen zustande gebracht. Stürmerin Anja Mittag ist noch ohne Treffer. Die Mannschaft befindet sich im Umbruch. Von Gianni Costa

Im Lager der deutschen Mannschaft ist man noch immer schwer davon überzeugt, dass am Ende alles so wie immer sein wird. "Wir werden von außen kritisiert, aber am Ende waren wir immer erfolgreich", sagt Verteidigerin Babett Peter. "Wir sind optimistisch, dass das so bleibt." Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft hat seit 1989 acht Mal den Titel bei der Europameisterschaft gewonnen. Sie hat die Sportart in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Kontinent dominiert wie keine andere. Doch bei dieser Auflage sind leise Zweifel aufgekommen, ob die Auswahl ihre Vormachtstellung auch dieses Mal behaupten kann.

Die von Bundestrainerin Steffi Jones trainierte Mannschaft befindet sich mitten im Umbruch. Jones konzentriert sich auf die nächste Aufgabe und verbreitet tapfer Zuversicht. "Jetzt muss es fluppen", sagt sie vor dem EM-Viertelfinale heute (20.45 Uhr/ZDF und Eurosport) gegen Dänemark. "Es ist ein K.o.-Spiel, und jede Spielerin weiß, dass es um alles geht."

Das Problem ist mehr als offensichtlich. Es gibt in dem Team viele solide Kräfte, aber besonders in der Offensivabteilung keine Ausnahmespielerinnen wie Heidi Mohr, Inka Grings oder Birgit Prinz - sozusagen die Bomberinnen der Nation. Mohr hat in ihren 83 Länderspielen 83 Tore erzielt, Grings 64 in 96 Begegnungen, und über allen thront die ewige Prinz mit einer Ausbeute von 128 Erfolgen in 214 Partien. In der EM-Endrunde in den Niederlanden steht keine Prinz, Grings oder Mohr auf dem Platz. Die aktuelle Generation wird unter anderem vertreten durch Mandy Islacker und Anja Mittag. Ihre Bilanz nach der EM-Vorrunde: 0. Es sind ohnehin nur vier Tore für Deutschland gefallen, eines aus dem Spiel heraus, die anderen drei waren Elfmeter.

Es ist ein sonniger Tag im Juni im ostwestfälischen Marienfeld. In der Klosterpforte bereitet sich die Nationalmannschaft auf das Turnier vor. Jones hat sich eine kleine Spielerei ausgedacht, um die Stimmung etwas zu lockern. Jedes Mitglied der Delegation hat von ihr eine Comicfigur zugeordnet bekommen. Anja Mittag sitzt auf einem Stuhl auf der Terrasse des Hotels und nippt an ihrer Wasserflasche. "Ich bin Tarzan", sagt sie und kichert. "Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht so richtig, was ich davon halten soll. Aber sie wird sich schon ihre Gedanken gemacht haben." Sie sei, sagt Mittag, eigentlich keine, die sich selbst als herumbrüllend beschreiben würde. Eine Mannschaft ist ein sehr komplexes Gebilde. Um daraus ein echtes Team zu formen, muss man jede einzelne Strömung erfassen und in die richtigen Bahnen lenken. Wenn Tarzan gar nicht Tarzan sein will, ist das durchaus ein Problem.

Auf Mittag lastet bei dieser EM ein besonderer Druck. Sie ist nun eine sogenannte Führungsspielerin. Mittag, 32, fußballerisch bei Turbine Potsdam groß geworden, sagt: "Wir wollen zusammen etwas erreichen. Niemand ist bei uns Alleinunterhalterin." Sie hat in Schweden beim FC Rosengård gespielt, in Frankreich (Paris Saint Germain), und nach einem etwas unglücklichen Engagement beim VfL Wolfsburg ist sie wieder in Schweden. Diese EM wird für sie vermutlich eines der letzten großen Turniere. "Alle erwarten von uns den Titel, alles andere interessiert viele nicht", sagt sie. "Aber wir haben selbst die Erwartung an uns."

Der Frauenfußball hat sich stark gewandelt - in einigen Bereichen nicht zum Positiven. "Ich sehe keine Weiterentwicklung. Viele Mannschaften bei der EM versuchen nur noch, das konstruktive Spiel der Gegner zu zerstören", sagt die frühere Bundestrainerin Silvia Neid. "Und das Schlimme ist, dass sie das auch schaffen, weil bessere Teams technisch nicht in der Lage sind, sich mit ihrem Offensivspiel durchzusetzen." Neid hat beim DFB die Leitung der neu geschaffenen Scouting-Abteilung übernommen.

Mittag findet, dass Deutschland durchaus die Qualität hat, um den Titel mitzuspielen. "Wir geben alles, um unsere Träume zu erfüllen." Sie sagt das ganz leise. Früher galt sie als schwierig. Mittag muss schmunzeln, wenn sie auf ihre Vergangenheit angesprochen wird: "Ja, wenn man jung ist, sagt man nicht nur vernünftige Sachen. Ich bin jetzt deutlich gelassener geworden." Und immer noch nicht Tarzan.

Quelle: RP
 
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