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Bundestrainerin Steffi Jones im Interview
"Die Handynummer der Kanzlerin habe ich noch nicht"

Frauen-EM 2017: Interview mit Steffi Jones
Steffi Jones beim Training der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. FOTO: dpa, fgj
Frankfurt/Main. Heute startet die Nationalmannschaft in die Frauenfußball-EM. Erster Gegner ist Schweden (20.45 Uhr/ARD). Für Steffi Jones ist es das erste Turnier als Bundestrainerin. Das Ziel ist dabei klar: Der Titel soll her. Von Gianni Costa

Frau Jones, jeder Ihrer Spielerinnen hat von Ihnen eine Comic-Figur zugeordnet bekommen, die für sie stehen soll. Welche ist Ihre?

Steffi Jones Charlie Brown. Den fand ich schon als Kind extrem cool. Und der Name passt ja auch einfach zu mir.

Welche Figuren sind noch so dabei?

Jones Dzsenifer Marozsan zum Beispiel ist Robin Hood. Sie ist für alle da, absoluter Teamplayer. Lena Goeßling ist Cinderella. Anja Mittag steht in unserem Team für Tarzan. Es ist eine nette Spielerei. Es geht darum, mal aus den normalen Abläufen auszubrechen und Spaß reinzubringen.

Sie haben die Nachfolge von Silvia Neid angetreten, die seit 1996 erst als Assistentin, ab 2005 als Cheftrainerin die Nationalmannschaft geprägt hat. Große Fußstapfen?

Jones Die Silvia hat außergewöhnliche Arbeit geleistet. Aber sie hat es auf ihre Weise gemacht. Ich habe eine andere Art. Ich habe meine Philosophie. Dementsprechend habe ich mir den Trainerstab ausgesucht. Aber ich bin noch immer in einem Prozess, in dem vieles in Bewegung ist. Es geht hier nicht um mich, sondern um den Erfolg und die Mannschaft. Und wenn die sich mit meinem Weg identifizieren kann, dann geht sie ihn mit.

Sie kommunizieren viel mit den Spielerinnen. Sind die manchmal überrascht, so intensiv eingebunden zu werden?

Jones Wir kommunizieren gut, aber nicht zu viel. Mir ist wichtig, Rückmeldungen zu bekommen. Deshalb wird der Mannschaftsrat von mir stark eingebunden. Diese Gruppe spielt auch eine entscheidende Rolle für mich auf dem Rasen. Ich erwarte von ihnen, dass sie selbst Entscheidungen treffen können.

Sind Sie schon soweit, wie Sie sein wollten?

Jones Wir sind mitten in einem Prozess, in dem die Europameisterschaft eigentlich zu früh kommt. Ich hoffe aber, dass wir einiges bis dahin umsetzen können. Unser Ziel ist klar: Wir wollen Europameister werden und diesen Weg dann weitergehen. Am Ende brauchst du aber Erfolg, um die Ruhe zu bekommen, die so eine Entwicklung braucht. Gerade bei den Erwartungen, die es in Deutschland gibt.

Die deutschen Frauen haben bislang neunmal den EM-Titel gewonnen – die Öffentlichkeit geht von einem Selbstläufer aus. Dann Glückwunsch zum nächsten Erfolg.

Jones Sehr witzig. So einfach ist es dann doch nicht. Die anderen Nationen haben rasant aufgeholt. Die Leistungsdichte ist viel größer als noch beim letzten Turnier.

Sie wollen nicht nur erfolgreich sein, sondern auch schön spielen. Bislang war das nicht gerade die Paradedisziplin deutscher Mannschaften.

Jones Natürlich wollen wir schön spielen, aber auch erfolgreich. Das ist das Ziel. Meine Philosophie ist Ballbesitzspiel. Wir wollen vermehrt über die gute Spieleröffnung kommen, weil wir festgestellt haben, dass sich da alle Mannschaften schwertun. Da können wir uns noch abheben. Aber ich weiß auch, dass es manchmal nicht anders geht als über den Kampf. Manchmal muss man auch mal einen Ball rausdreschen.

Silvia Neid hatte die Handynummer von Angela Merkel und zu ihr auch während der Turniere immer einen Draht. Wie ist das bei Ihnen?

Jones Also ich habe die Handynummer der Kanzlerin noch nicht. Aber es kann ja sein wie in so vielen Dingen, die ich noch nicht habe, dass man erst mal wartet, bis ich was erreicht habe.

Was braucht es denn, um die Glückwünsche der Kanzlerin zu bekommen bei dieser EM?

Jones Auf jeden Fall Glück. Und wenn die Kanzlerin mir das und ihren Segen mit auf den Weg gibt, ist das schön. Aber es ändert nichts an unserer Zielvorgabe und dem Weg, den wir gehen.

Man kennt Sie vor allem als freundliche, lachende Steffi. Können Sie auch mal so richtig unangenehm als Vorgesetzte sein?

Jones Wollen Sie eine Kostprobe? Dann ist hier ganz schnell eine ganz andere Stimmung. Nein, nein, keine Sorge, ich versuche immer authentisch zu sein. Natürlich gibt es auch mal ein lauteres Wort. Aber alles muss im Rahmen bleiben. Ich bin kein General, der nur herumbrüllt, sondern versuche alle mitzunehmen.

In der Männer-Bundesliga geht im Moment der Trend zur Jugend im Trainerbereich, da würden Sie …

Jones (lacht) …mit 44 Jahren schon zum alten Eisen gehören? Ey! Danke, das Gespräch entwickelt sich immer sympathischer. Aber stimmt. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen.

So uncharmant sollte die Frage gar nicht sein. Die Frage sollte lauten: Wie sieht es denn mit dem Trainerinnen-Nachwuchs in Deutschland aus?

Jones Wir haben in Saskia Bartusiak und Kim Kulig zwei ehemalige Spielerinnen dabei, die sich um das Scouting kümmern. Kim soll demnächst auch ihren Fußballlehrer machen und dann eventuell im Nachwuchsbereich anfangen. Ich versuche schon, Spielerinnen an den Trainerinnenjob ranzubringen. Allerdings spielen die meisten bis Anfang, Mitte 30. Deshalb fände ich es gut, wenn einige schon während ihrer Zeit als Spielerin anfangen, sich mit der Ausbildung zu beschäftigen.

Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger war ein Verfechter des Frauenfußballs. Wie sieht es mit dem aktuellen Amtsinhaber Reinhard Grindel aus?

Jones Gut. Wir duzen uns auch. Ich bin ein Mensch, der auf die Leute zugeht. Ich sitze keine Sachen aus. Wenn ich ein Anliegen habe, spreche ich die Jungs beim DFB direkt an. Und ich bekomme auch von dieser Seite meine SMS.

Sie waren lange selbst Sportdirektorin des Verbandes. Wie viel Funktionärin steckt noch in Ihnen?

Jones Ich habe unheimlich viel in dieser Zeit gelernt. Es reicht nicht nur aus, eine tolle Idee zu haben, sondern man muss auch Mehrheiten organisieren. Ich habe viel gelernt. Das war eine spannende Erfahrung.

Können Sie sich vorstellen, nach Ihrem Engagement beim DFB auch eine Vereinsmannschaft zu betreuen – bei den Herren?

Jones Gerade denke ich an die Nationalmannschaft.

Nachvollziehbar. Aber geben Sie uns noch einen Versuch, nachzugrätschen. In Bibiana Steinhaus pfeift die erste Frau in der neuen Saison in der Bundesliga der Männer. Warum sollte es nicht auch eine Frau auf der Trainerbank geben?

Jones So etwas braucht Zeit. Das ist eine Entwicklung über einige Jahrzehnte, die man nicht erzwingen kann. Vielleicht gibt es irgendwann ja einen Klub, der den Versuch wagt. Es gibt bestimmt schon einige talentierte Frauen, die entsprechende Qualifikationen vorzeigen können. Wenn man so eine Aufgabe angeboten bekommt, soll es ja kein Werbegag sein.

(gic)
 
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