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Frauen-WM
Kanada will Euphorie nutzen

Fotos: Sinclair bejubelt späten Siegtreffer für Kanada
Fotos: Sinclair bejubelt späten Siegtreffer für Kanada FOTO: afp, kc
Edmonton. Bei jungen Frauen in Kanada ist der Fußball die beliebteste Breitensportart. Dennoch gibt es keine eigene Profiliga und kaum Entwicklungschancen für Talente. Das soll sich durch die Weltmeisterschaft ändern. Von Jörg Michel

Es ist ein warmer Frühjahrsabend in der kanadischen Präriemetropole Edmonton. Die Sonne ist gerade hinter den Wolkenkratzern verschwunden, als Veronique Mayer und Victoria Saccomani nach dem Training vom Fußballfeld laufen. "Ich kann es immer noch nicht glauben, dass die WM in ein paar Tagen losgeht", meint Mayer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ihre Mannschaftskollegin Saccomani ist voller Vorfreude: "Ich werde mir so viele Spiele wie möglich live im Stadion ansehen."

Saccomani und Mayer spielen als Amateure für den Victoria Soccer Club, eine der besten Frauenfußballmannschaften und größen Talentschmieden in Kanada. Fünfmal hat das Vorortteam aus Edmonton schon die nationale Amateurmeisterschaft gewonnen, darunter auch in der letzten Saison 2014.

An die Fußball-WM im eigenen Land knüpfen die beiden Frauen große Hoffnungen. Der Auftakt war schon einmal erfolgreich. Am Samstag gelang der kanadischen Nationalmannschaft in Edmonton, der Heimatstadt der beiden Frauen, ein spätes 1:0 gegen China. Spielführerin Christine Sinclair, einer der größten Stars im Land, traf vor mehr als 50 000 Zuschauern in der Nachspielzeit. Kanada jubelte. "Für den Frauenfußball im Land ist die WM die große Chance auf den endgültigen Durchbruch", erklärt Mayer, eine 29-jährige Verteidigerin, die einmal U17 und U19-Nationalmannschaft gespielt hat.

Tatsächlich ist der Frauenfußball in Kanada im Aufwind. Das Nationalteam gewann bei Olympia 2012 Bronze. Nationaltrainer John Herdman hat bei der WM als Ziel die Finalteilnahme ausgegeben. Der Aufschwung macht sich auch an der Basis bemerkbar: Fast eine halbe Millionen Frauen und Mädchen haben sich für den Sport angemeldet, so viele wie noch nie zuvor. Bei den Frauen ist der Fußball mit Abstand zum populärsten Breitensport aufgestiegen, obwohl "Soccer" im Eishockeyland Kanada wegen der langen Winter und kurzen Freiluftsaison eigentlich keine Tradition hat.

"Immer mehr Eltern melden ihre Töchter zum Fußball an", berichtet Richard Adams, Chef des Fußballverbandes in Edmonton. "Sie sehen Fußball als vielversprechende und unkomplizierte Sportart", erklärt Adams in seinem Büro unweit des Commonwealth Stadions. Er hofft, dass die WM dem Fußball in Kanada auch als Leistungssport einen Schub verleiht, wie er sagt. Denn der Boom im Breitensport hat sich bislang nicht auf die Profiebene ummünzen lassen. Dort steht der Fußball noch immer im Schatten der großen Profi-Sportarten wie Eishockey, Football oder Golf.

Bis heute gibt es im Land keine eigene Profiliga, weder für Männer noch für Frauen. In der dafür eingerichteten "National Women's Soccer League" spielen bislang nur Teams aus den USA. 14 der 23 kanadischen Nationaltspielerinnen sind im Ausland tätig. Der kanadische Verband subventioniert sogar ihre Gehälter, damit sie in den USA Erfahrung sammeln können. Auf der College-Ebene sieht es nicht besser aus: Eine hauptsächlich für nordamerikanische Studentinnen gedachte, halb-professionelle Liga, die sogenannte "W-League", verlor kurz vor der WM wegen fehlender Mittel vier ihrer sechs kanadischen Teams. "Medien, Sponsoren und Zuschauer in Kanada sind beim Fußball nach wie vor sehr, sehr zurückhaltend - trotz der Popularität unseres Nationalteams", beklagt Adams.

Selbst die besten kanadischen Fußballteams spielen nur vor ein paar hundert Zuschauern - bei Frauen wie Männern. Veronique Mayer findet das frustrierend, denn so haben Talente kaum Entwicklungschancen. "Wir hoffen inständig, dass die WM auch bei der breiten Masse in Kanada Begeisterung auslösen wird, damit es für die nächste Generation vielleicht etwas leichter wird", sagt sie.

Wie für ihre Mannschaftskollegin Victoria Saccomani. Die 20-Jährige gehört nach Einschätzung ihres Trainers schon heute zu den besten Abwehrspielerinnen in Kanada. Eines Tages will sie Fußball-Profi werden. "Ich bin zäh, ich werde mich schon durchbeißen", sagt Saccomani. Doch wenn sich nicht bald etwas ändert, wird sie dafür wahrscheinlich ins Ausland gehen müssen. Vielleicht aber bringt die WM ja doch die Wende.

Quelle: RP
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