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Frauen-WM 2015
Neid: "Bei dieser WM ist alles möglich"

Das ist Silvia Neid
Das ist Silvia Neid FOTO: afp, mp
Bundestrainerin Silvia Neid erläutert im Interview die WM-Ziele der DFB-Frauen und erklärt den Einfluss des Kunstrasens bei der WM.

Die Fußball-WM der Frauen findet in Kanada statt und beginnt am 6. Juni. Das Finale wird am 5. Juli in Vancouver ausgespielt. Titelverteidiger ist Japan.

Frau Neid, die WM-Vorbereitung befindet sich auf der Zielgeraden. Wieso haben Sie sich für ein abschließendes Trainingslager in der Schweiz entschieden?

Neid "Die Puzzlesteine haben sich so gefunden. Erstens war die Frage: Wo in der Nähe sind Kunstrasenplätze mit dem Belag, auf dem auch bei der WM gespielt wird? Da blieben die Niederlande und die Schweiz. Da die Niederlande recht früh nach Kanada reisen, war die Schweiz naheliegend. Wir wollten ja auch einen qualitativ guten Gegner. Die Schweizerinnen sind sehr gut in ihrem Spiel nach vorne, das ist das, was wir brauchen. Wir wollen im Abwehrverhalten gefordert werden. Von daher ist das die optimale Lösung."

Es ist nicht nur Ihre letzte WM, sondern auch eine mit vielen Besonderheiten. Da wäre der Kunstrasen, große Entfernungen...Ist das Turnier für Sie die bislang größte Herausforderung?

Neid "Ja, insbesondere aus diesen beiden Gründen. Kunstrasen ist für uns Neuland, aber daran muss man sich ganz schnell gewöhnen. Trotzdem springt der Ball anders, das Spiel wird schneller. Technisch gute Mannschaften haben Vorteile. Dann diese vielen Meilen, die man hinter sich bringen muss zwischen den Spielen und immer wieder die Zeitumstellungen, das ist schon heftig. Außerdem rücken die Nationen enger zusammen, so dass sehr viel von der Tagesform abhängen wird. Von daher ist bei dieser WM echt alles möglich. Man kann ganz vorne landen, man kann früh ausscheiden. Erstmals gibt es ein Achtelfinale - wenn man also bis zum Ende dabei bleibt, sind es nicht mehr nur sechs, sondern sieben Spiele. Zudem haben wir die kürzeste Vorbereitung, die wir je vor einem Turnier hatten, hinzu kommt die Verletzungsproblematik. Es ist also schon die größte Herausforderung bisher."

Sie waren im letzten Sommer direkt nach der Saison für ein Länderspiel in Kanada. Was haben sie aus den Erfahrungen dort mitgenommen?

Neid "Die ersten drei Tage konnte ich meine Pläne in der Tasche lassen. Ich wollte taktisches Training machen, aber die Spielerinnen waren mental gar nicht in der Lage dazu. Das war heftig. Beim Brasilien-Spiel im April in Fürth war es ähnlich - wir mussten entsprechend flexibel sein und zusehen, dass unseren Spielerinnen Fußball wieder Spaß macht und sie wieder etwas aufnehmen können. Dann ist weniger manchmal mehr. Das zu erkennen, hat sicher mit Erfahrung zu tun."

Blicken wir Richtung WM. Den Gruppengegner Norwegen kennen Sie bestens, aber wie viel wissen Sie bereits über Thailand und die Elfenbeinküste?

Neid "Thailand habe ich bei einem Testspiel in Essen gesehen. Die Mannschaft bekommt übrigens auch Hilfe von Hope Powell (frühere englische Nationaltrainerin, d. Red.). Da es unser dritter Gegner ist, können wir sie noch zweimal vor Ort sehen, das macht mir also am wenigsten Sorgen. Die Elfenbeinküste ist da schwieriger - da fehlen noch Informationen über deren Testspiele, die uns von den Verbänden zur Verfügung gestellt werden. Aber ich habe ja Scouts, die werden zu den Spielen reisen. Wir haben zwar schon vier DVDs von ihnen, aber die sind von November und die Mannschaft entwickelt sich ja weiter. Deswegen ist es ein Muss, dass wir sie nochmal sehen."

Bei allem Respekt vor diesen WM-Debütanten - das Achtelfinale ist Pflicht, oder?

Neid "Das ist ein Muss, ja. Aber wenn du dann als Gruppenerster im Achtelfinale gegen den Dritten der Gruppe D spielst, mit den USA, Schweden, Nigeria und Australien, kann das schon mal schwierig werden. Als Gruppenzweiter spielt man gegen den Zweiten der Gruppe F, das könnten England oder Frankreich sein. Aber wir müssen es nehmen, wie es kommt."

Wer sind Ihre Top-Anwärter auf den Titel?

Neid "Acht Teams können aus meiner Sicht Weltmeister werden und vier Teams können diesen Favoriten auch immer noch ein Bein stellen. Das sind zwölf Teams, eine ganze Menge. Das sehen andere vielleicht anders, aber ich kenne die Mannschaften über Jahrzehnte und weiß, wie sie sich entwickelt haben. Die Favoriten sind für mich Kanada - die bereiten sich seit November vor -, ganz klar die USA, Japan, Brasilien, Schweden, Norwegen, Frankreich und wir."

Haben Sie Angst, dass es wie 2011 in der Öffentlichkeit anders gewertet wird und wieder nur der Titel zählt?

Neid "Angst macht mir das schon lange nicht mehr. Ich habe ja auch 2011 davon gesprochen, dass Japan ein Gegner auf Augenhöhe ist. Aber jeder hat davon gesprochen, dass wir 3:0 gewinnen. Ich kenne das Geschäft, ich kann aber auch nicht mehr tun, als immer wieder darauf hinzuweisen."

(sid)
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