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Früher war mehr Hallenfußball
Halle-luja!

Früher regierte in der Winterpause der Hallenfußball
Eine Spielszene vom Masters-Qualifikationsturnier in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle an Neujahr 1994. FOTO: Imago
Düsseldorf. Vom Ende der 80er bis 2001 regiert in der Winterpause der Hallenfußball. Fans lieben das Spektakel und die Nähe zu den Stars, Vereine fürchten irgendwann Verletzungen zu sehr. Bei Hobby-Kickern boomt der Budenzauber bis heute. Von Stefan Klüttermann

Am Ende waren es zwei Joints, geraucht in der Silvesternacht, die Borussia Mönchengladbach an diesem 16. Januar 2000 in der Münchner Olympiahalle um Ruhm und Ehre brachten. Der Zweitligist von Trainer Hans Meyer hatte zwar im Finale des DFB-Hallenpokals Greuther Fürth 3:2 geschlagen, aber weil der holländische Verteidiger Quido Lanzaat beim anschließenden Dopingtest als Kiffer entlarvt wurde, war der Titel futsch, und die Geschichte des Budenzauber-Booms wird seitdem ohne die Fohlen in tragender Rolle erzählt.

Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 1988 in der Frankfurter Festhalle den ersten offiziellen Hallen-Pokal austrug, damals noch als "Hallenmasters", war es der Startschuss für eine 13 Jahre lang währende Epoche im deutschen Fußball. Für viele Fans, die - damals wie heute - in der ligalosen Zeit zwischen den Jahren nach Fußball dürsten wie ein Orientierungsloser in der Wüste nach Wasser, war es ein Geschenk, die Helden nun auch unterm Hallendach anfeuern, bejubeln, ja, ihnen hinter der Auswechselbank viel näher kommen zu können als im Stadion. In Hochzeiten wurde bei bis zu 18 Qualifikationsturnieren um Masterspunkte für das Endturnier gespielt. Der aktuelle Zwischenstand war immer im Videotext abrufbar. Die regionale Zusammenstellung der Turniere lockte die Fans mit der Aussicht auf jede Menge Derbys an, das Deutsche Sportfernsehen (DSF, heute Sport1) übertrug ganze Wochenenden lang in die Wohnzimmer der Nation.

Mit der Zeit entwickelte sich eine richtige Hallensaison. Weitab von jedem Jux-Kick. Es ging um Renommee und für viele Klubs um die Möglichkeit, die Tristesse im Ligaalltag durch das Hochhieven eines Hallenpokals kurz zu vergessen. Der kürzeste Weg zu einem Titel war in den Augen vieler dann auch nicht der DFB-Pokal, der kürzeste Weg verlief auf Kunstrasen zwischen vier Banden. Wobei das DFB-Pokal-Gefühl mit in die Halle einzog, wenn - wie bei der letzten Auflage 2001 - Underdogs wie Unterhaching alle anderen hinter sich ließen.

Die Wertschätzung, die ein Verein dem Hallenfußball beimaß, spiegelte sich dabei immer auch im jeweiligen Aufgebot wider. Einige schonten ihre Besten, waren aber doch erfolgreich, weil der quirlige Südamerikaner, der auf dem großen Feld wirkungslos blieb, in Hallenschuhen plötzlich groß aufspielte. Im Vorteil waren die wendigen Techniker, aber manches Team war auch durchaus mit der dem Eishockey entlehnten Taktik erfolgreich, auf einen Spieler oder den mit angreifenden Torhüter abzulegen, der aus dem Rückraum drauf drosch. Von 1989 an fanden die Endrunden nur noch in München oder Dortmund statt. Der BVB ist im Rückblick mit vier Hallentiteln dann auch Rekordsieger. Der FC Bayern konnte dagegen nie ein Masters gewinnen.

Doch wie so manches Spektakel vor und nach ihr nutzte sich auch die Hallenserie des DFB ab. Zu offensiv trugen die Vereine in den späten 90er Jahren ihr größtes Bedenken vor: die Angst vor Verletzungen der Stars. Die saßen dementsprechend in Zivil da, Turniere wurden mit der zweiten und dritten Garde pflichtgemäß absolviert. Aber ohne den letzten Biss. Ohne Spaß an der Sache. Das spürte auch der Zuschauer, dessen Interesse merklich nachließ. Am Ende waren es die Verkürzung der Winterpause und die wachsende Terminhatz im zunehmenden Vermarktungsinstrument Fußball-Bundesliga, die das Aus des Budenzaubers besiegelten.

Doch der Hallenfußball starb nicht mit dem letzten Masters 2001. Noch immer erfreuen sich Turniere großer Beliebtheit, bei denen Traditionsmannschaften gegeneinander antreten. Die Frauenteams hielten ihren Hallenpokal sogar bis 2015 am Leben, bis der Weltverband Fifa verbindlich vorschrieb, jede offizielle Veranstaltung dieser Art müsse nach Futsal-Regeln gespielt werden, also vor allem ohne Bande. Allein, es ist das Spiel zwischen diesen Banden, die Faszination, dass der Ball nie ins Aus gehen kann, die bis heute für viele Hobby- und Amateurkicker den Reiz ausmacht. Überall im Land treffen sich allabendlich Teams in Soccerhallen - Flächen, die früher oft Tennisplätze waren.

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In Mönchengladbach spielen sie dieser Tage zum 35. Mal die Hallenstadtmeisterschaft aus - zum ersten Mal mit einem Futsal-Ball, aber weiterhin mit Banden. Es ist das größte Amateursport-Event der Region, und am Samstagabend gegen 19 Uhr wird ein Verein der Größte unterm Dach sein. Wie Borussia im Jahr 2000. Bis zum Ergebnis von Lanzaats Dopingprobe.

Quelle: RP
 
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