| 18.24 Uhr

Diskussion um Investoren im Fußball
50 plus 1 bleibt - lückenhaft

Porträt: Martin Kind: Unternehmer, Hörgeräte-Hersteller, Hannover-Präsident
Porträt: Martin Kind: Unternehmer, Hörgeräte-Hersteller, Hannover-Präsident FOTO: dpa, nt nic
Frankfurt/Düsseldorf. Die 36 Fußballvereine der 1. und 2. Bundesliga haben entschieden: Die umstrittene 50+1-Regel soll bestehen bleiben, Investoren dürfen deutsche Klubs weiterhin nicht übernehmen. Viele Fans bejubeln die Entscheidung - dabei bleiben alte Fehler und Ungerechtigkeiten bestehen. Von Clemens Boisserée

GmbHs, Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaft auf Aktien - viele deutsche Bundesliga-Vereine sind genau das eben nicht mehr: Vereine. Stattdessen haben sie ihre Profi-Mannschaft samt Umfeld ökonomisch ausgegliedert, um so für externe Geldgeber attraktiver zu sein. Denn im florierenden Fußball-Geschäft reicht es nicht mehr, Geld nur durch Trikot-Werbung, dem Verkauf von Stadionnamen oder die üppigen TV-Einnahmen zu generieren. Unternehmen und reiche Privatpersonen wollen Teil des Ganzen werden, Anteile kaufen und sich so (noch) mehr Einfluss sichern. Deshalb sitzen beim FC Bayern die Anteilseigner Allianz und Audi mit Vertretern im Aufsichtsrat, bei Borussia Dortmund sind es unter anderem der Großaktionär Bernd Geske und Puma-Chef Bjørn Gulden. 

Damit bei all dem Geschacher um Macht und Geld am Ende noch immer der Stammverein und seine Mitglieder eine Stimmenmehrheit in Kapitalgesellschaften besitzen, gibt es im deutschen Fußball die 50+1-Regel. Sie besagt, dass eben 50 Prozent und mindestens eine zusätzliche Stimme dem Verein und seinen Mitgliedern gehören müssen. So soll verhindert werden, dass einzelne externe Geldgeber einen Klub mehrheitlich übernehmen. Unter traditionsbewussten Fußballfans in Deutschland gilt die Regel als letzte Rettung vor englischen Verhältnissen.

Englische Verhältnisse, deutsche Ausnahmefälle

Auf der Insel sind die Profiklubs meist in der Hand von milliardenschweren Prinzen, Oligarchen oder Investoren-Gruppen aus aller Welt. Sie bestimmen im Alleingang über Wohl und Leid der Klubs, drehen die Geldhähne beliebig auf und zu. Sie haben so manchem Verein - Manchester City oder dem Chelsea FC - wieder zu altem Glanz verholfen, aber auch alte Traditionsvereine wie Leeds United oder den FC Portsmouth an den Rand der sportlichen Existenz geführt. 

Auch in Deutschland findet manch einer Gefallen am Gedanken, einen Bundesligisten alleine besitzen zu dürfen. Seit Jahren versucht beispielsweise Martin Kind, Präsident von Hannover 96, den niedersächsischen Erstligisten zu übernehmen. Eine Ausnahmeregelung in den Liga-Statuten könnte ihm diese Möglichkeit trotz 50+1 verschaffen: Wer sich mindestens 20 Jahre lang im Verein engagiert und dabei hohe Investitionen tätigt - mindestens in Höhe der Summe aller in dieser Zeit erzielten Sponsorengelder - der kann die Mehrheit übernehmen. So geschehen im Fall der TSG 1899 Hoffenheim und ihrem Gönner Dietmar Hopp.

Doch das ist längst nicht die einzige Möglichkeit, die bestehende Regelung zu umgehen: Für Bayer Leverkusen (zu 100 Prozent in der Hand des Bayer-Konzerns) und den VfL Wolfsburg (100 Prozent VW) gilt die sogenannte Stichtagsregelung. Weil die jeweiligen Konzerne hinter den Klubs schon vor dem 1. Januar 1999 das Sagen hatten, erhielten auch sie eine Ausnahmegenehmigung.

RB Leipzig hingegen umging die Regel, indem der Klub die Lizenz eines sächsischen Viertligisten übernahm und in der Regionalliga anfing - außerhalb des DFL-Reglements und unter Genehmigung des zuständigen Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Von hier an finanzierte der österreichische Getränkekonzern Red Bull in wenigen Jahren den Aufstieg bis ins Fußball-Oberhaus.

Hannover-Fans protestieren gegen Martin Kind FOTO: dpa, pst pat

Es sind diese Fälle, die DFL-Geschäftsführer Christian Seifert wohl im Kopf hat, wenn er sagt: "Unter Vorhandensein der 50+1-Regel waren in den vergangenen Jahren einige Fehlentwicklungen zu sehen."

DFL-Versammlung: 18 Stimmen für die 50+1-Regel

Martin Kind wollte die nächste Ausnahme sein. Im vergangenen Jahr reichte der 96-Präsident bei der Liga einen entsprechenden Antrag ein - und ließ diesen nach einer ersten Prüfung wieder ruhen. Wie die "Bild" berichtete, hätte Kind in den letzten 20 Jahren mindestens 46 Millionen Euro in Hannover 96 investiert haben müssen. Die Prüfer der DFL seien aber nur auf eine Summe von 19,7 Millionen Euro gekommen - Kinds Antrag wäre also wohl abgelehnt worden. Stattdessen regte die Liga-Führung eine Grundsatzdebatte über die 50+1-Regel an.

Am Donnerstag nun kamen Liga-Führung und Vereinsvertreter zu ihrer Mitgliederversammlung am Frankfurter Flughafen zusammen. Im Vorfeld hatte der Liga-Geschäftsführer Christian Seifert eine Entscheidung noch am selben Tag ausgeschlossen und eine Debatte samt Workshops und externer Beratung bis zum Jahresende prophezeit. Am Nachmittag stimmte dann aber die Mehrheit der anwesenden Vereinsvertreter für einen Antrag des Zweitligisten FC St. Pauli. Dieser sieht "eine Grundsatzdebatte unter Beibehaltung der 50+1-Regel" vor, sprich: Die Abschaffung der Regel ist vom Tisch, die Diskussion um Veränderungen nicht. 

Diese Diskussion wird nötig sein, zumal das Abstimmungsergebnis alles andere als eindeutig war: Nur 18 Klubs waren für die Beibehaltung von 50+1, neun enthielten sich, vier lehnten den Antrag ab. Im Vorfeld hatten sich sogar deutlich mehr Vereine zumindest für eine Modifizierung der Regel ausgesprochen.

Rechtssicherheit und Schlupflöcher

Auch bei Seifert war zu erkennen, dass er das Votum natürlich akzeptierte, sich aber vielleicht doch einen anderen Verlauf gewünscht hatte. "Grundsätzlich ging es niemanden darum, die Ziele von 50+1 infrage zu stellen, die durchaus sehr werthaltig sind", sagte er: "Aber es gibt unterschiedliche Auffassungen, wie man mit diesen Zielen umgehen sollte. Die vier Gegenstimmen sind keine gegen 50+1, sondern einfach für eine offenere Debatte, als sie es jetzt auf dieser Basis geben soll."

In dieser Debatte wird es darum gehen müssen, die Schwachstellen der Regel zu beseitigen, denn ein Allheilmittel war 50+1 in den vergangenen Jahren eben nicht. Vereine wie der Hamburger SV (Klaus Michael-Kühne) oder 1860 München (Hasan Ismaik) haben sich trotz des formalen Mitbestimmungsrecht der Fans, das "ganz sicher" zur deutschen Fußballkultur gehöre (Seifert), komplett abhängig von einem Investor gemacht haben.

Vor allem aber ist weiterhin unklar, ob die Regel überhaupt rechtlich haltbar ist. Schon kurz nach der Tagung im Sheraton-Hotel wurden erneut die Zweifel laut, ob die in Europas Top-Ligen einzigartige Investoren-Sperre in der aktuellen Form einer Klage standhalten würde. Dabei geht es um das Wettbewerbs-, Kartell- und EU-Recht. "Alle haben ein Interesse daran, dass man bei diesem drohenden Damoklesschwert ein höheres Maß an Rechtssicherheit erlangt", sagte Seifert. DFL-Präsident Reinhard Rauball ergänzte: "Wir müssen den juristischen Bereich abklopfen, ob es Möglichkeiten gibt, Einschüsse zu verhindern. Ob 50+1 rechtlich hält, kann verlässlich niemand sagen."

Sportrechtsexperte Paul Lambertz ist sich da sicherer und meint, dass die Investorenregel vor Gericht zu kippen ist. "Ja, die 50+1-Regel ist auf jeden Fall justiziabel", sagt. Jedes Mitglied der DFL und "sehr wahrscheinlich auch jeder ernsthafte Investor kann gegen die Regel klagen, wenn er sich in seinen Rechten verletzt sieht".

Mit diesem Schritt drohte in der Vergangenheit der bereits erwähnte Martin Kind mehrfach. Nach der Sitzung am Donnerstag hielt sich Kind jedoch zunächst zurück und kündigte an, seinen Antrag weiter ruhen zu lassen. "Dabei bleibt es erstmal", sagte der 96-Präsident: "Wir warten jetzt ab, was modifiziert wird."

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Fußball-Bundesliga: 50+1-Regel bleibt – lückenhaft


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.