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Diskussionen um Gewalt
Angst wird dem Fußball nicht gerecht

Gewalt im Fußball: Angst wird dem Thema nicht gerecht
FOTO: dpa, Roland Holschneider
Düsseldorf. Seit der brutalen Schlägerei in Köln wird wieder heiß über Gewalt rund um den Fußball diskutiert. Von einem Comeback der Hooligans ist zu lesen. Mancher fragt sich: Kann eine Familie mit Kindern noch unbesorgt ins Stadion gehen? Ein Blick auf die Fakten. Von Philipp Stempel und Stephan Seeger

Die Diskussion über Gewalt ist spätestens mit der Massenschlägerei von Köln zurückgekehrt. Auf dem Rudolfplatz mitten in der Innenstadt trafen die Randalierer aufeinander, verängstigte Passanten sprachen von kriegsähnlichen Szenen. Ein an der Schlägerei beteiligter Schalke-Anhänger erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Anlass für den Zusammenstoß der Gruppen war ein Testspiel in der Vorbereitung auf den Rückrunden-Start der Bundesliga am kommenden Wochenende.

"Die kranke Welt der Fußballschläger"

Das Echo: gewaltig. "Die kranke Welt der Fußballschläger", titelte der Kölner "Express", der WDR diagnostizierte im Gespräch mit dem Fan-Forscher Gunter A. Pilz eine neue Dimension der Brutalität: Von einer "gefährlichen Mischung aus Alt-Hooligans, Neonazis und einem kleinen Teil gewaltfaszinierter Ultras" ist unter anderem die Rede. Nicht nur in den Medien schlagen die Wellen hoch. Die Polizei warnt vor Toten, NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) forderte erneut mehr staatliche Härte gegen Fußball-Chaoten. Andere Politiker stießen ins gleiche Horn. Jägers Genosse aus der SPD-Bundestagsfraktion, Michael Hartmann, schlug im "Kölner Stadt-Anzeiger" vor, nicht nur Platzverweise auszusprechen, sondern auch "Reiseverbote, Hausarreste und Dateien, die festhalten, wer Gewalt und nichts anderes will."

Chronologie: Gewalt auf deutschen Fußballplätzen FOTO: rponline

Das klingt beunruhigend. Vor einigen Jahren noch galt der Stadionbesuch als so harmlos wie ein Gang ins Kino. Doch ein Blick auf die Berichte der vergangenen Monate lässt Zweifel aufkommen, ob das für heute immer noch gilt. Muss man jetzt etwa Angst haben, ins Stadion zu gehen? Wer sich mit dieser Frage im Freundes- und Kollegenkreis umhört, stößt allerdings auf ein erstaunlich unterschiedliches Echo: Auf der einen Seite diejenigen, die seit Jahr und Tag regelmäßig ins Stadion gehen. Sie fühlen sich beim Stadionbesuch so sicher wie in den eigenen vier Wänden. Auf der anderen Seite diejenigen, die seltener, gerne auch mit Kindern, beim Fußball sind oder sogar gar nicht. Viele aus dieser Gruppe verspüren bei dem Gedanken an laute Fußballhorden ein mulmiges Gefühl.

Zweigeteilte Wahrnehmung

Die Wahrnehmung ist ganz offensichtlich zweigeteilt. Auch weil das Gefühl von Sicherheit immer ein subjektives ist. Einigen jagt die Begegnung mit einer Gruppe grölender Fans Angst ein, andere nehmen sie als Teil von Fußball-Folklore wahr. Dass sie nun aber von Presse und Politik gerne in einen Topf geworfen werden mit Hooligans, gewaltbereiten Ultras und Chaoten, ärgert viele Fußballfans massiv. Organisierte Fan-Verbände sehen darin Panikmache.

Ein Blick auf die Zahlen spricht für ihre Aussage, dass sich an der Sicherheitssituation in deutschen Stadien in den vergangenen Jahren nicht wirklich etwas geändert hat. In der Saison 2012/2013 besuchten rund 18 Millionen Zuschauer die Spiele der Bundesliga sowie der 2. Bundesliga. Dabei wurden laut der Jahresbilanz der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) 788 Personen verletzt. In Prozent ausgedrückt sind das 0,003. In der Saison 2011/2012 lag die Zahl der bei Fußballspielen verletzten Personen – ausgenommen sind in dieser Statistik Menschen, die durch Unfälle und nicht durch Gewalt verletzt wurden – noch bei 1142. Die Gesamtzahl der Verletzten ist damit um 31 Prozent zurückgegangen. Zum Vergleich: Von den 6,4 Millionen Besuchern des Oktoberfestes wurden im Jahr 2012 7551 verletzt (0,12 Prozent).

Die jährlich von der ZIS veröffentlichten Zahlen stoßen bei den Fans auf Kritik, weil sie oberflächlich seien und nicht die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren berücksichtigt, die tatsächlich zu einem Urteil geführt hätten. In der ZIS-Statistik nicht aufgeführt sind die Verletzungen, die bei verabredeten Prügeleien wie der in Köln entstehen. Laut Statistik ist der Gang ins Stadion also noch immer ungefährlich.

Fazit: Wer sich unsicher fühlt, sollte vielleicht einfach mal wieder ins Stadion gehen.

(seeg)
 
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