Neue Hooligan-Generation: Kampfansage per Internet: Gewalttäter wollen sich per Handy zusammenfinden
zuletzt aktualisiert: 21.02.2000Neuss/Amsterdam (sid). Lens darf sich niemals wiederholen, aber Experten fürchten bei der Fußball-Europameisterschaft in den Niederlanden und Belgien das Schlimmste. Weil die neue Generation der Hooligans als extrem gewaltbereit gilt und ihre Kampfansagen schon per Internet verbreitet, geht allerorts die Angst um. Das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande am Mittwoch in Amsterdam gilt als Euro-Testfall, auch wenn sich die öffentlichen Erklärungen der Veranstalter ganz anders anhören.
Klaas Nuninga, ehemaliger Ajax-Profi und 19maliger niederländischer Nationalspieler, amtiert als EM-Direktor in Amsterdam. "Das Länderspiel ist kein Testfall", sagt er. Die Begegnung, meinen dagegen Polizeistrategen, "ist für uns aufschlussreicher als für Erich Ribbeck".
"Wir bemühen uns, das gewaltbereite Potenzial, das zur EM anreisen könnte, im Vorfeld zu vermindern", sagt Polizeirat Andreas Piastowski, Leiter der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) in Düsseldorf. In seiner Kartei sind 3.000 Namen in der Datei "Gewalttäter Sport" gesammelt. Die Zahl der "gewaltbereiten Schläger" ist wesentlich höher: Piastowski schätzt sie in Deutschland auf etwa 8.000.
Schwere Ausschreitungen in Tilburg haben die niederländische Polizei vor dem Länderspiel-"Evergreen" am Mittwoch unterdessen in Alarmbereitschaft versetzt. Bei einer Protestkundgebung gegen die "Kombiregelung" für Fußballfans bei Risikospielen hat die Polizei am Sonntagabend 236 Hooligans, überwiegend Anhänger von Feyenoord Rotterdam, festgenommen. Am Rande des Meisterschaftsspiels Willem II Tilburg gegen Feyenoord (2:1) hatten Fangruppen gegen die Auflage demonstriert, dass sie bei sogenannten Risikospielen nur dann Eintrittskarten erhalten, wenn sie mit der Eisenbahn anreisen und eine Fahrkarte vorweisen können.
Vier Monate vor dem Eröffnungsspiel macht sich in den Niederlanden und Belgien die Hooligan-Hysterie breit. Die Euro 2000 soll für die internationale Schlägerszene die Bühne "für die größte Schlacht der Fußballgeschichte" werden. Die Behörden reagieren mit Krisenplänen, aber nicht nur der Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, weiß, dass "das Restrisiko niemals auszuschließen ist". Beim Länderspiel in der AmsterdamArenA wurden 300 Beamte zusätzlich angefordert, schon bei normalen Ligaspielen sind es in den Niederlanden meist 500. Nuninga verweist auf "weitere mobile Einsatzkräfte", die bei Bedarf schnellstens eingreifen können.
Schily ergriff Initiative Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) ergriff frühzeitig die Initiative und will gemeinsam mit seinen Kollegen in den EM-Ausrichterländern für den Euro-Zeitraum die Bürgerrechte einschränken: Beim "Fußball ohne Grenzen" soll für die Hooligans der Schlagbaum fallen, die Reisefreiheit einschlägig bekannter Hooligans soll per Passvermerk beschnitten werden. Wer trotzdem die deutsche Grenze übertritt, macht sich strafbar. Gesetzesverstöße im Ausland müssen den Hools dann gar nicht mehr nachgewiesen werden. Am Mittwoch greifen erstmals Grenzkontrollen, um Rowdies die Einreise zu erschweren; auch Bahnhöfe und Flughäfen werden besonders kontrolliert.
John Williams, Mitarbeiter der Task-Force der britischen Regierung, warnte gegenüber dem Nachrichtenmagazin Spiegel dennoch vor "der neuen extrem gewaltbereiten Generation", die aber auch gar nichts mehr mit dem Fußball zu tun hat, sondern sich als "hemmungslos agierende Stadtguerrilla" versteht, die auch vor einem Großaufgebot an Sicherheitskräften nicht zurückschreckt. Als 1999 in Rotterdam die Polizei von 150 dieser Schläger angegriffen wurde, schossen die Polizisten in Panik in die Menge. Die Bilanz der bisher schwersten Ausschreitungen in den Niederlanden: 16 Schwerverletzte und neun Millionen Mark Sachschaden.
Die neue Hooligan-Generation arbeitet nicht mehr geheim. Die Mobilmachung erfolgt im Internet. Interessenten zur Gründung einer Hooligan-Armee in den Niederlanden sollten sich per Mobiltelefon melden, um der Überwachung zu entgehen. Bei der Euro soll deshalb nach einer Gesetzesnovelle auch das Handy-Netz überwacht werden. Paul Dodd als selbsternannte "number one" der britischen Hooligan-Szene hat sogar eine eigene Website.
"Die einzige Sprache, die diese Bande versteht, ist der Knüppel", sagt Roger de Bree als Sicherheitsbeauftragter des belgischen Fußballverbandes. Auch ansonsten besonnene Wisenschaftler warnen angesichts der Hooligan-Invasion vor falschen Polizei-Taktiken: Auf Deeskalation zu setzen, sei bei Hooligans falsch.
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