1. Bundesliga 16/17
| 09.16 Uhr

HSV-Legende
Uns Uwe wird 80

Das Netz gratuliert Uwe Seeler
Das Netz gratuliert Uwe Seeler
Hamburg. Uwe Seeler hat den deutschen Fußball geprägt. Als Stürmer, als Kapitän der Nationalelf, als heimattreuer Spieler des HSV. Er hat ein Leben ohne Skandale geführt, bodenständig, bescheiden, außerordentlich. Von Robert Peters

Vor dem Hamburger Volksparkstadion steht ein riesiger Fuß aus Bronze, er ist vier Tonnen schwer. Damit setzte die Stadt ihrem größten Fußballer zeitig ein Denkmal, denn es ist die Nachbildung von Uwe Seelers rechtem Fuß. Nach der feierlichen Enthüllung der Plastik stellte sich der einstige Stürmer pflichtbewusst für die Fotografen neben die monströse Plastik, aber er wirkte ein wenig verloren. Monströse Selbstdarstellung ist nämlich nicht sein Ding. "Ich bin stinknormal", sagt er, "und das ist doch wunderbar." Heute wird der Volksschauspieler unter den Fußballstars, der Mann, den das Fußvolk als "Uns Uwe" eingemeindete, 80 Jahre alt.

Natürlich erinnern die Festredner daran, dass Seeler schon im zarten Alter von 17 Jahren sein Debüt in der Nationalmannschaft gibt. Er wird damals für Bernhard Termath eingewechselt, kann aber an der Seite zahlreicher von ausgiebigen Titel-Feiern müden Helden von Bern die 1:3-Niederlage gegen Frankreich nicht verhindern. Das ist ziemlich genau 62 Jahre her, und (anders als heute) ist es ist eine echte Sensation, dass sich ein Teenager das Trikot mit dem Adler überstreifen darf.

Die besten Sprüche des Uwe Seeler FOTO: AP

Für Seeler ist es der Auftakt einer glanzvollen internationalen Karriere. Höhepunkte sind vier Weltmeisterschaften, 1966 beim Finale im Wembleystadion kommt Seeler dem großen Triumph am nächsten. Doch Deutschland unterliegt nach einem denkwürdigen Spiel mit dem legendären Wembley-Tor von Geoffrey Hurst mit 2:4. Der Kapitän Seeler ist maßgeblich daran beteiligt, dass seine Mannschaft die unglückliche Niederlage sportlich fair hinnimmt. Das trägt den Deutschen beim britischen Publikum große Anerkennung ein. So mancher Historiker sieht sich in der romantischen Ansicht bestärkt, Seeler und seine Kollegen hätten mit ihrer Haltung mehr zur Aussöhnung der Engländer mit den Deutschen nach dem Krieg beigetragen als die politische Diplomatie.

Fest steht, dass die Nachkriegszeit den Menschen und den Fußballer Seeler geprägt hat. Seine Erinnerung an die Freizeitgestaltung in den Jahren nach 1945: "Wir haben auf Trümmergrundstücken oder auf Kopfsteinpflaster gespielt, aber das hat Spaß gemacht. Die Bälle waren nicht rund, das waren Ostereier. Aber das hat uns alles nichts ausgemacht." Seeler lernt neben einer gewissen Grundhärte, die ihm später im Strafraum helfen sollte, den Umgang mit schwierigen Platzverhältnissen. Viele seiner Tore erzielt er auf Äckern, deren Betreten heutige Trainer ihren Spielern angesichts gehobener Verletzungsgefahr unter Androhung von Strafe untersagen würden. Oft erhebt er sich buchstäblich über die Platzverhältnisse. Der nur 1,68 Meter große Kerl ist ein erstaunlich guter Kopfballspieler, und seine Fallrückzieher-Tore sind so etwas wie ein Markenzeichen.

Seelers Grundschule liegt aber nicht nur auf der Straße oder auf zum Bolzplatz umfunktionierten Trümmergrundstücken. Er bekommt auch im Elternhaus die richtigen Leitplanken für sein Leben. Sein Vater Erwin, selbst ein begabter Fußballer und im Zivilberuf Hafenarbeiter, predigt drei Grundsätze: Anständig bleiben, hart arbeiten, die Mitmenschen respektieren. Originalton: "Wenn ihr verrückt spielt, dann kriegt ihr ein paar an die Ohren."

Das ist Uwe Seeler FOTO: © picture-alliance / dpa

"Uns Uwe" spielt nie verrückt. Nach der Vize-Weltmeisterschaft von London nicht, nach dem als Jahrhundertspiel geadelten 3:4 gegen Italien im Halbfinale der WM 1970 in Mexiko nicht, nach deutschen Meisterschaften nicht und nicht einmal beim größten Angebot seines Lebens. Inter Mailand wirbt 1961 mit einem märchenhaften Vertrag. Eine halbe Million Mark Gehalt im Jahr, eine Villa und einen Dienstwagen stellen die Italiener in Aussicht. Seeler denkt nach, und er entscheidet sich für seinen HSV, seine Heimat Hamburg und für einen Job als Vertreter des Sportartikel-Herstellers Adidas in Norddeutschland. Zigtausend Kilometer fährt er mit seinen Musterkoffern im (immerhin) Mercedes durchs Land, der Fußball ist ein Zubrot.

Der Fußball macht ihn berühmt, aber nicht reich. Reichtum bedeutet ihm auch nichts. Seit 57 Jahren lebt er mit seiner Frau Ilka in einem Bungalow im Hamburger Stadtteil Ochsenzoll, Skandale hat es nie gegeben, Uwe Seeler ist ein freundlicher, zugänglicher Mensch geblieben. "Uns Uwe" eben.

Manchmal ist er ein bisschen zu gutmütig. Vor 20 Jahren lässt er sich ins Amt des Präsidenten bei seinem Herzensklub HSV drängen. Für Misswirtschaft haben andere gesorgt, Seeler muss vieles ausbaden, enttäuscht tritt er nach drei Jahren zurück. Vermeintliche Freunde haben ihn im Regen stehen lassen. Die Wunden sind verheilt, das Leiden am HSV geht weiter. Die Talfahrt in der Bundesliga erlebt das Idol des deutschen Fußballs mit Sorge. Mit guten Ratschlägen geht Seeler jedoch sparsam um. "Man darf erwarten, dass die Spieler anderthalb Stunden kämpfen, laufen und marschieren", sagt er. Das darf einer, der mit 34 in der Gluthitze von Mexiko für seinen Sturmkollegen Gerd Müller rackert. "Uns Uwe" steht für Werte im Mannschaftssport des Lebens, die aus der Mode zu geraten scheinen. Das macht ihn zu einem Menschen zwischen den Zeiten. Wie er sich dabei fühlt? "Na, alt eben", sagt er. Entsprechend sieht sein Wunschzettel aus: "Ich persönlich will nur gesund bleiben, damit ich noch ein paar schöne Jahre habe." Typisch.

Quelle: RP
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