Neuaufbau ohne sechs Oldies: Harte Kritik: Niederlande-Coach vor Rücktritt
zuletzt aktualisiert: 01.07.2004 - 13:31Lissabon (rpo). Der große Enttäuschung über den verpassten Finaleinzug der Niederländer folgt das verbale Echo. Vor allem das niederländische Fußball-Idols Johan Cruyff verfeuert Kritik. Derweil steht Coach Advocaat vor dem Rücktritt.
"Die Mannschaft hat fast alles falsch gemacht. Wir haben ein gigantisches Problem in unserem Fußball", analysierte der 57 Jahre alte Ex-Nationalspieler als Kommentator des öffenlich-rechtlichen Fernsehsenders NOS nach der verdienten 1:2 (0: 1)-Pleite des Nationalteams in Lissabon gegen Portugal.
Die Straßen, in denen nach dem Elfmeter-Krimi im Viertelfinale gegen Schweden (0:0 nach Verländerung) bis in die Morgenstunden Partys gefeiert wurden, blieben am Mittwochabend leer. Blankes Entsetzen über die von Cruyff bemängelte spielerische und taktische Hilflosigkeit ihrer "Elftal" im Duell mit den EM-Gastgebern, die bescheidende Turnierbilanz mit nur einem Sieg (3:0 in der Vorrunde gegen Lettland) und die Frage nach der Zukunft der Nationalmannschaft beschäftigten die TV-Sender und Fans in den spärlich gefüllten Kneipen.
"Jeder hat gekämpt, aber kämpfen allein ist nicht die Basis des Fußballs. Wir waren aggressiv, aber nicht gefährlich", stellte "König Johan" nüchtern fest. Und die Statistik des Spiels gab ihm recht. Denn nur einen Schuss musste Portugals Keeper Ricardo während der 90 Minuten im Estadio Jose Alvalade halten. Unter anderem 9:2 Eckbälle aus Sicht Portugals und insgesamt 7:1 Schüsse auf das niederländische Tor spiegeln den "Spielfilm" treffend wider. Bezeichnenderweise sorgte Portugals Jorge Andrade in der 63. Minute mit einem Eigentor für kurze Hoffnung.
Abschied von Advocaat?
"Ein tanzendes Portugal zähmt die zahnlosen niederländischen Löwen", schrieb die Tageszeitung De Volkskrant und De Telegraaf berichtet vom "Ende einer chancenlosen Mission". Ebenso einig waren sich alle Gazetten über die Zukunft der Nationalmannschaft. Zum Beispiel das Algemeen Dagblad: "Das war der bittere Abschied einer Fußball-Generation."
Und natürlich von Bondscoach Advocaat. Sein 55. Spiel auf der Bank - womit er Rinus Michels (53 Länderspiele) im Turnierverlauf als Rekordhalter ablöste - dürfte auch das letzte als Angestellter des Königlich Niederländischen Fußball-Bundes (KNVB) gewesen sein. Zwar verwies der 56-Jährige auf eine Pressemitteilung in der kommenden Woche, in der er seine Entscheidung bekannt geben will, doch es gilt als beschlossene Sache, dass Advocaat zwei Jahre vor Ablauf seines Vertrages das Handtuch werfen wird.
Die herben Kritiken der so genannten Experten in der Heimat, der Medien und der Fans bis hin zu Morddrohungen, haben Advocaat zermürbt. Der Coach macht den Weg frei für einen Neuanfang im Nationalteam, denn weitere sechs Akteure beendeten nach dem vierten verpassten EM-Endspiel nach 1976, 1992 und 2000 im eigenen Land ihre Laufbahn in der Nationalmannschaft.
Etliche Spieler treten zurück
Rekord-Nationalspieler Frank de Boer (34) wird das Oranje-Trikot nach 112 Einsätzen nicht mehr überstreifen. Abwehrspieler Jaap Stam (31) will sich mehr um die Familie kümmern. Auch Torhüter Edwin van der Sar (33) und Marc Overmars (31) hatten ihren Abschied nach dem Turnier bereits angekündigt. Für Paul Bosvelt (34), der ohnehin nur für den verletzten Mark van Bommel in den Kader gerutscht war, ist der Fall ohnehin erledigt. Keine Rolle dürfte mit Blick auf die WM 2006 in Deutschland der 34 Jahre alte Pierre van Hooijdonk mehr spielen.
"Wir haben schon einige junge Leute eingesetzt, die bei dieser EM viel gelernt haben", meinte Advocaat und auch Chef-Kritiker Cruyff ist um die Zukunft nicht bange: "Ich sehe schon einige Spieler, die bereits die Erfahrung haben, mit Druck umzugehen." Schon beim Start der WM-Qualifikation am 8. September gegen den EM-Halbfinalisten Tschechien werden Talente wie Johnny Heitinger (20), Rafael van der Vaart (21), Wesley Schneijder (20), Arjen Robben (20) oder Andy van der Meyde (24) das Gerüst des neuen Oranje-Teams bilden.
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