Eine Woche als Saison-Höhepunkt: Hitzfeld fordert Verstärkungen
zuletzt aktualisiert: 21.04.2000 - 18:30München (dpa). Der Jubel währte nur kurz. Bereits eineinhalb Tage nach dem Erreichen des Champions-League-Halbfinals gegen Real Madrid herrschte beim FC Bayern München gedrückte Stimmung. Der Gala- Auftritt von Bayer Leverkusen beim 3:1 gegen Werder Bremen und der damit verbundene Rückstand von sechs Punkten in der Meisterschaft auf die Werkself hatten Ottmar Hitzfeld im Hinblick auf die Vielfachbelastungen seiner Kicker zum Nachdenken gebracht.
«Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht. Das kostet alles Substanz», sagte Hitzfeld, der aber auch trotzig feststellte: «Noch leben wir». Doch vor allem der Ausfall seines Spielgestalters Stefan Effenberg schmerzt und lässt Hitzfeld vehement Neuverpflichtungen in der Kreativabteilung zur neuen Saison fordern: «Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir das in Zukunft besser kompensieren. Wir müssen uns verstärken», forderte der Coach, der auf den Abgang der spielstarken Lothar Matthäus und Mario Basler verwies und sich in den Tagen der Entscheidungen zudem vom DFB im Stich gelassen fühlt.
Die Ansetzung des DFB-Pokalendspiels am 6. Mai genau zwischen den Halbfinalspielen gegen Real reduziert beinahe den Ausgang einer ganzen Saison auf eine Woche. «Ich weiß nicht, wer die Termingestaltung gemacht hat. Das ist überhaupt nicht nachvollziehbar», schimpfte Hitzfeld, der darauf verwies, der Verband habe wohl nicht damit gerechnet, dass ein Club bis zum Schluss in beiden Wettbewerben vertreten sei.
Kaum Zeit zum Feiern
Kaum Zeit blieb den Europokalhelden, sich nach dem «Last Minute- Treffer» durch Thomas Linke zum 2:1 gegen den FC Porto - zuvor hatten Sergio (15.) und Jardel (90.) getroffen - über das Weiterkommen zu freuen. Statt Jubel regiert eher die Angst, am Ende einer starken Saison ohne Titel dazustehen. Auch deshalb verweist der Trainer bereits jetzt auf die «super Leistung» seiner Mannschaft, zieht er «den Hut vor seinen Spielern», noch in allen drei Wettbewerben dabei zu sein. «Wir müssen jetzt alles unternehmen, um etwas Sensationelles zu erreichen», sinnierte der Coach. Doch der Leverkusener Dämpfer hat seine Wirkung nicht verfehlt. «Wir spüren die Enttäuschung. Wir hatten gehofft, dass Leverkusen Federn lässt», sagte Hitzfeld, der müde wirkte und sich das Spiel des Kontrahenten «nicht im Fernsehen anschaute, um Nerven zu sparen».
Nun ist der 51-Jährige sichtlich darum bemüht, seine Spieler in der Meisterschaft weiter unter Dampf zu halten, und sich nicht zu früh auf das große Ziel Champions League zu konzentrieren, das die Kommandozentrale geschlossen über der Meisterschaft ansiedelt. «Wir wären bescheuert, wenn wir sagen würden, die Meisterschaft ist gelaufen. Das muss man aus den Köpfen der Spieler bekommen».
Madrid ist heiß auf die Revanche
Zumal die Bayern im Halbfinale der europäischen Königsklasse auf ein vor Selbstvertrauen strotzendes Madrid treffen werden. «Jetzt holen wir uns die Bayern und revanchieren uns für die beiden Niederlagen», verkündete Real-Präsident Lorenzo Sanz, nachdem die «Königlichen» mit einer fantastischen Leistung den Titelverteidiger Manchester United mit 3:2 aus dem Wettbewerb gekippt hatten. «Bayern zittert», titelte denn auch die spanische Zeitung «As». «Ich glaube nicht, dass wir noch einmal acht Tore gegen Real machen. Die Chancen stehen 50:50», erklärte Stefan Effenberg. Mit 4:2 und 4:1 entzauberten die Bayern in der Zwischenrunde zwei Mal Real, doch das ist laut Manager Uli Hoeneß «Schnee von vorgestern. Die Mannschaft hat nichts mehr mit dem Real zu tun, das wir geschlagen haben».
Auch deshalb ist das Team mehr denn je auf das Mitwirken von Spielgestalter Effenberg angewiesen. Zwar erhob Hitzfeld Jens Jeremies kurzerhand zum «besten Defensivspieler Europas» und attestierte auch Fink («Arbeitsbiene») und Scholl («Kann ein Spiel allein entscheiden») Bestnoten, doch alle warten auf die Rückkehr der ordnenden Hand im Bayern-Spiel. «Das Rückspiel gegen Real Madrid. Das ist ein Ziel, das müssen wir schaffen», sagt Hitzfeld - und meinte wohl nicht nur Effenbergs Comeback.
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