Pagelsdorf lässt sich vom Erfolg nicht blenden: HSV trainiert an der Algarve
zuletzt aktualisiert: 20.01.2000Vale do Garrao (sid). Traum-Fußball, Traum-Platzierung, Traum-Wetter: Sonnenschein, stahlblauer Himmel und rund 20 Grad Celsius an der portugiesischen Algarve muten wie ein göttliches Bonbon für die tolle Hinrunde von Fußball-Bundesligist Hamburger SV an. Doch im Gesicht von "Prügelknabe" Frank Pagelsdorf ist trotz des sportlichen Erfolges mit Rang drei nach der ersten Saisonhälfte und 39 erzielten Toren nichts von Genugtuuung zu lesen.
"Wir liegen uns hier nicht jeden Tag in den Armen", sagt der Trainer des sechsmaligen deutschen Meisters, dessen geduldige Aufbauarbeit sich offensichtlich auszahlt, im Trainingslager im idyllisch gelegenen Vale do Garrao bei Faro. Natürlich hat der 41-Jährige nicht vergessen, dass in den ersten beiden Jahren in Hamburg so ziemlich jeder Kübel Mist über seinem Kopf ausgekippt wurde. Anlass dazu gab es natürlich auch, erinnere man sich nur an den HSV-Negativrekord von fünf Heimniederlagen in Folge Ende 1997.
"Die schwere Zeit war für mich nicht überraschend. Ein Neuaufbau geht nicht innerhalb von einem Jahr. Da müsste man 30 Spieler austauschen", sagt das "Schwergewicht" zu seinem Drei-Jahres-Plan. "Es geht nur schrittweise: Im ersten unter die ersten zehn, dann unter die ersten acht und dann in einen internationalen Wettbewerb." Rund 30 Spieler hat Pagelsdorf seit seinem Amtsantritt 1997 geholt oder ausgetauscht, was ihm naturgemäß mehr Kritik als Zustimmung einbrachte.
"Ich wusste, dass es dabei auch um meinen Kopf gehen kann und ich beinahe nicht mehr Trainer gewesen wäre", erklärt der ehemalige Bundesligaprofi. Die besondere Mediensituation in Hamburg, gesteht Pagelsdorf, habe er bei seinem Amtsantritt unterschätzt: "Ich wusste, dass man am Anfang mal auf einem Abstiegsplatz stehen kann. Ich habe gedacht, die Öffentlichkeit wird das verstehen. Da war ich etwas blauäugig. An Aufgabe oder Rückzug habe ich aber nie gedacht."
Für den Liebhaber des Offensiv-Fußballs mit drei Sturmspitzen waren die ersten zwei Spielzeiten eine Qual. "Wir mussten zunächst sehen, dass wir keinen rein bekommen und vorn darauf hoffen, dass irgendwie ein Tor fällt. Anfang dieser Saison konnten wir in die Offensive investieren", sagt der Fußball-Lehrer mit Blick auf die Neueinkäufe von Roy Präger, Mehdi Mahdavikia oder Niko Kovac.
Doch entscheidend an der Person Pagelsdorf ist wohl sein Verhältnis zu den Spielern. "Ihr könnt auf mich drauf hauen, aber lasst meine Mannschaft in Ruhe", sagte der Coach in der sportlich schwierigen Anfangsphase immer wieder. Sinnbilder für diesen Umgang sind unter anderem zuvor bereits abgeschriebene Spieler wie Rodolfo Cardoso, an den er selbst nicht mehr geglaubt hatte, oder nicht zuletzt Anthony Yeboah, für dessen Verpflichtung Pagelsdorf wochenlang hatte Hohn und Spott einstecken müssen. Unvergessen, als "Pagel" beim 2:1-Siegtreffer gegen Werder Bremen vor zwei Jahren Tränen über das Gesicht liefen.
"Professionelle Basis"Doch nicht nur von außen, sondern im Verein wurde Frank Pagelsdorf massiv unter Druck gesetzt. Aufsichtsratsmitglied und Ex-Präsident Jürgen Hunke und nicht zuletzt Sportdirektor Holger Hieronymus hatten ihm gegenüber ein sehr gespanntes Verhältnis. "Das war eine enorm schwierige Situation, denn ohne Unterstützung geht es normalerweise nicht", erinnert sich der Coach.
Vor genau einem Jahr war es ebenfalls im Wintertrainingslager zwischen Hieronymus und Pagelsdorf dann zum offenen Streit gekommen. "Wir hatten beide unsere Vorstellungen. Der Knackpunkt war das Abgleichen. Wir haben Schlagzeilen geliefert, die wir nicht haben wollten. Das geht an einem Verhältnis nicht spurlos vorbei. Nach dem Knall haben wir eine gute professionelle Basis gefunden", sagt Sportdirektor Hieronymus und wird dann noch ein Lob los: "Seine Qualitäten sind unbestritten." Und Aufsichtratschef Udo Bandow denkt jetzt schon an eine vorzeitige Vertragsverlängerung über 2001 hinaus.
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