Atletico-Boss Gil y Gil denkt an Aufgabe: "Ich habe die Nase voll"
zuletzt aktualisiert: 13.02.2000Madrid (sid). Dem spanischen Ex-Meister Atletico Madrid droht der Verkauf: Der vor einigen Monaten abgesetzte Vereins-Präsident Jesus Gil y Gil will sich möglicherweise aus dem Profi-Fußball verabschieden. "Ich habe die Nase voll. Wenn man der Meinung ist, dass Atletico ohne mich weiter kommt, und man meine Familie und mich als Diebe und Verbrecher beschimpft, ist es besser, zu verkaufen. Vielleicht hilft jemand anderes dem Verein weiter", erklärte der skandalumwitterte Gil in Interviews mit der spanischen Sporttageszeitung Marca und dem Radiosender Antena 3.
Der Gesamtwert des Klubs inklusive des vereinseigenen Vicente-Calderon-Stadions und Trainingsgeländes beträgt umgerechnet rund 376 Millionen Mark. Die spanische Telefongesellschaft Telefonica soll bereits Interesse an Gils Atletico-Anteilen signalisiert haben. Gil y Gil besitzt 94 Prozent aller Atletico-Aktien.
Allerdings droht dem Ex-Meister weiteres Ungemach. Immer noch läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Bilanzfälschung. Sollten sich die Verdachtsmomente bestätigen, könnte der Klub sogar aufgelöst werden. In diesem Fall könnten alle Spieler ablösefrei wechseln. Den niederländischen Torjäger Jimmy Floyd Hasselbaink umwirbt unter anderem der italienische Meister AC Mailand. Am 30. März wird eine Entscheidung der Steuerfahndung erwartet.
Der 66 Jahre alte Baulöwe Gil y Gil war im Dezember vergangenen Jahres wegen angeblicher Finanzmanipulationen der Klubkasse von Spaniens oberstem Gerichtshof bis auf weiteres als Präsident abgesetzt worden. Der exzentrische Klub-Patron hatte den neunmaligen Meister seit 1988 als Präsident geführt. Seit seiner Absetzung geht es im Verein drunter und drüber. Die 180 festangestellten Klub-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Geschäftsführer Clemente Villaverde wird mit dem Ligakonkurrenten Celta Vigo in Verbindung gebracht und scheint ebenfalls das sinkende Atletico-Schiff zu verlassen.
Zuletzt suchte der Europapokalfinalist der Landesmeister von 1974 einen neuen Trainer für die kommende Saison als Nachfolger des Italieners Claudio Ranieri. Unter anderem wurde auch der ehemalige deutsche Nationalspieler und Ex-Atletico-Star Bernd Schuster kontaktiert.
Der Klub ist wie kein zweiter in Spanien von seinem Klub-Chef abhängig. Gil sorgte in seiner zwölfjährigen Amtszeit für zahlreiche Negativschlagzeilen und Skandale. Der streitfreudige Bürgermeister des Ferienortes Marbella, gegen den wegen Veruntreuung von öffentlichen Geldern zu Gunsten seines Vereins ebenfalls ein Verfahren läuft, legte sich häufig mit Verbandsfunktionären auf nationaler und europäischer Ebene an. Mehrfach wurde Gil wegen seiner verbalen Attacken mit vorübergehenden Sperren belegt.
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