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Chape-Überlebender Ruschel vor Comeback
"Ich will kein Mitleid"

Chapecoense: Alan Ruschel will kein Mitleid
Alan Ruschel hat den Flugzeugabsturz überlebt. FOTO: ap, LC
Gut acht Monate nach der Flugzeugtragödie trägt Alan Ruschel erstmals wieder offiziell das Trikot von Chapecoense. Und sucht noch nach der Normalität.

Wenn man einer von sechs Überlebenden eines Flugzeugabsturzes ist, das 71 Menschenleben neben sich auslöschte, für den ist alles, was danach kommt, nicht mehr normal. Erst recht nicht, wenn man 251 Tage später wieder auf dem Platz steht. Und das auch noch gegen Lionel Messi und die übrigen Fußballstars des FC Barcelona. "Ich spiele doch mit ihnen auf der Playstation", bekennt Alan Ruschel fast kleinlaut.

Am Montag ist der Linksverteidiger des brasilianischen Erstligisten Associaço Chapecoense de Futebol aber die große Nummer bei seinem Comeback. Im majestätischen Camp Nou, beim Trofeo Joan Gamper, wo Barça traditionell seinen Fans den Kader der neuen Saison vorstellt. Nach dem spektakulären Wechsel Neymars zu Paris St. Germain sicher auch kein normaler Vorgang.

Doch die Geschichte Ruschels ist gigantischer als der 222 Millionen Euro teure Transfer-Wahnsinn. "Die Ärzte wollten mir nicht die Gewissheit geben, dass ich jemals wieder spielen werde. Laufen ja, ein normales Leben führen. Aber das eines Profifußballers, diese Hoffnungen wollten sie mir nicht machen", berichtet der 27-Jährige, der am frühen Morgen des 29. November 2016 als erster aus dem Wrack der LaMia-Maschine geborgen worden war.

Nur noch fünf Flugminuten von der Landepiste der kolumbianischen Metropole Medellín entfernt war der Treibstoff ausgegangen. Der Pilot des bolivianischen Charterfliegers hatte sich fatal verkalkuliert. Die Reise zum Final-Hinspiel in der Copa Sudamericana gegen Atlético Nacional wurde zur Todesfalle für 19 der 22 Spieler sowie der kompletten Delegation Chapes. Ein Journalist und zwei Board-Crew-Mitglieder überlebten ebenfalls.

Noch in Kolumbien wurde Ruschel, der erst einen Tag vor dem Unglücksflug nach über einjähriger Pause wegen einer schweren Knieverletzung erstmals eine Partie über die vollen 90 Minuten absolviert hatte, mit Brüchen und Stauchungen an der Wirbelsäule notoperiert. "Heute habe ich das Zeug, wieder auf hohem Niveau zu spielen", ist er sich sicher.

"Ich möchte nicht als Märtyrer behandelt werden"

Er wolle kein Mitleid. "Wenn ich wieder auflaufe, dann, weil ich meine Erwartungen, die Erwartungen aller übertroffen habe", gibt Ruschel zu verstehen und fordert: "Ich möchte nicht als Märtyrer des Klubs behandelt werden, sondern als Profi, wie jeder andere Spieler hier auch."

Bei der Pressekonferenz am Donnerstag saß ihm Jakson Follmann zur Seite. Der 25-Jährige musste nach der Teil-Amputation des rechten Unterschenkels seine Torhüterkarriere beenden und ist heute Botschafter im Klub. Abwehrspieler Neto, dritter geretteter Spieler, hält der Trainingsintensität noch nicht stand und hat seine Comeback-Pläne auf nächstes Jahr verschieben müssen.

Ruschel weiß deshalb, welche Bürde er am Montag alleine trägt. "Ich werde all meine Freunde ehren, die uns bei der Tragödie verlassen haben. Viele hatten den Traum, gegen die Besten der Welt zu spielen. Diesen werde ich jetzt erfüllen", betont ein Überlebender einer unfassbaren Tragödie vor der Rückkehr auf den Platz und in ein Stück weit neuer Normalität.

(sid)
 
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