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Panorama Fenerbahce Meisterschaft vertan 2010
  Foto: AP, AP
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Istanbuler Top-Klubs in der Krise: Revolution im türkischen Fußball

VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 09.12.2010 - 10:02

Düsseldorf (RPO). Der Blick auf die Tabelle der türkischen Süper Lig wirkt etwas befremdlich. An der Tabellenspitze sucht man vergeblich nach den üblichen drei Verdächtigen aus Istanbul, obwohl die Top-Klubs Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas im Sommer kräftig in neues Spielermaterial investierten. Die Kleinen proben derzeit den Aufstand.

Die Rekordmeister Galatasaray und Fenerbahce haben ihre Vormachtsstellung vorerst verloren.  Foto: STR, AP
Die Rekordmeister Galatasaray und Fenerbahce haben ihre Vormachtsstellung vorerst verloren. Foto: STR, AP

Die Revolution verläuft schleichend, kommt alles andere als plötzlich. Bereits in den zurückliegenden zwei Spielzeiten wurde das Spitzentrio vom Bosporus durch die Emporkömmlinge aus Sivas und Bursa aufgeschreckt, nun erlebt der Traditionsklub Trabzonspor ein Revival und führt die Liga souverän an.

Seit 1957 wird der türkische Meister im Liga-Betrieb ausgespielt, seitdem kam der Meister in der Regel aus Istanbul. Die einzige Ausnahme bildete bis zum Vorjahr Trabzonspor, das sechs Mal den Titel errang, letztmals jedoch in der Saison 1983/84.

Erst Sivas, dann Bursa, jetzt Trabzon

Info

Türkische Meister

Galatasaray Istanbul: 17 Titel, letzte Meisterschaft 2007/2008

Fenerbahce Istanbul: 17 Titel, letzte Meisterschaft 2006/2007

Besiktas Istanbul: 13 Titel, letzte Meisterschaft 2008/2009

Bursaspor: 1 Titel, letzte Meisterschaft 2009/2010

2008/2009 führte vier Spieltage vor Schluss völlig überraschend Sivasspor die Liga an, wurde aber noch von Besiktas abgefangen und musste sich mit der Vize-Meisterschaft begnügen. Im Vorjahr gelang es Bursaspor, mit dem ersten Titelgewinn der Vereinsgeschichte in die Phalanx der Spitzenklubs einzudringen. Der Triumph ist offenbar keine Eintagsfliege, Bursa belegt aktuell nach 15 Spielen mit 31 Punkten hinter Trabzonspor (36) den zweiten Platz, und dass, obwohl die Grün-Weißen im Sommer kein Geld auf dem Transfermarkt ausgaben.

Die großen Drei versuchen, die Attacken aus der Provinz mit teuren Transfers und teuren Trainern zu kontern – doch der Erfolg ist bislang recht überschaubar. Fenerbahce (17 Meistertitel) tauschte zunächst den Trainer aus, auf Christoph Daum folgte in Aykut Kocaman ein junger türkischer Übungsleiter, der als Spieler mit Fener zwei Mal Meister und drei Mal Torschützenkönig wurde.

Für 22 Millionen Euro wurden neue Spieler wie der slowakische Shootingstar Miroslav Stoch, das senegalesische Talent Issiar Dia und dessen Landsmann und Torjäger Mamadou Niang verpflichtet. Die Blau-Gelben starteten schwach, verpassten gegen Young Boys Bern die Qualifikation zur Champions League und schieden anschließend sogar gegen PAOK Saloniki in der Qualifikationsrunde zur Europa League aus. Doch auch in der Liga ist der Wurm drin, aktuell belegt Fener mit sechs Punkten Rückstand auf die Spitze lediglich Platz drei. Viel zu wenig für die eigenen Ansprüche.

Schusters Bilanz noch ausbaufähig

Auch Rivale Besiktas setzt in der laufenden Spielzeit auf einen neuen Trainer. Der Deutsche Bernd Schuster trainiert nach seinem Engagement bei Real Madrid nun die Schwarz-Weißen. Aus Madrid holte er den spanischen Mittelfeld-Star Guti, der mit vier Treffern und drei Vorlagen sportlich durchaus zu überzeugen weiß, zuletzt jedoch mit einem Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss für Negativ-Schlagzeilen sorgte.

Zudem nahm der 13-malige Meister den Portugiesen Ricardo Quaresma, der zuvor schon für den FC Chelsea und Inter Mailand spielte, sowie die türkischen Alt-Internationalen Mehmet Aurelio und Fatih Tekke unter Vertrag. Doch auch im Inönü-Stadion, das die weitgereiste brasilianische Fußball-Ikone Pele einst zum aufregendsten Stadion der Welt ernannte, läuft es nicht komplett rund. Die "schwarzen Adler" liegen mit 27 Punkten gerade einmal auf Rang fünf in der Liga – zumindest in der Europa League zogen Schuster und Co. vorzeitig in die Zwischenrunde ein, so dass sich die Kritik am "blonden Engel", der 1980 als Aktiver mit Deutschland Europameister wurde, noch im Rahmen hält.

Scherbenhaufen Galatasaray

Noch schlimmer ergeht es derzeit Galatasaray. Der 17-malige Titelträger hat sogar schon einen Trainerwechsel in der Saison hinter sich. Der Niederländer Frank Rijkaard, mit dem FC Barcelona 2006 Champions-League-Sieger, wurde nach dem 8. Spieltag wegen anhaltender Erfolgslosigkeit beurlaubt. Seine Mannschaft, in der Vorsaison bereits nur Dritter, hatte erst zwölf Punkte und bereits acht Zähler Rückstand auf die Spitze.

Unter seinem Nachfolger, der rumänischen Klub-Legende Gheorghe Hagi ist jedoch kein Aufwärtstrend zu erkennen. Nach 15 Spieltagen liegen die Gelb-Roten mit 20 Punkten auf Rang neun, der Abstand zur Spitze hat sich sogar verdoppelt. Im internationalen Geschäft ist Gala ebenfalls nicht mehr vertreten, weshalb man beim Rekordmeister bereits von einer katastrophalen Saison spricht.

Und das, obwohl im ehemaligen Wolfsburger Bundesliga-Star Zvjezdan Misimovic, Lorik Cana sowie Federico Insua prominentes Personal verpflichtet wurde. Das Trio konnte jedoch nicht im Ansatz die abgewanderten Mehmet Topal (FC Valencia), Kader Keita (Al Sadd) und Elano (FC Santos) ersetzen, Spielmacher Misimovic, für den nur eine magere Torvorlage zu Buche steht, wurde sogar in die zweite Mannschaft strafversetzt.

Trabzon träumt vom siebten Titel

Der Konkurrenz aus Bursa und Trabzon sind derlei Probleme fremd. Meister Bursa sparte im Sommer, holte lediglich ablösefreie Spieler. Tabellenführer Trabzon gab nur für den Brasilianer Jaja rund vier Millionen Euro aus. Der Angreifer traf in elf Spielen bereits sechs Mal und gilt als Top-Transfer von Trainer Senol Günes, dem es in seiner vierten Amtszeit in Trabzon gelang, binnen kürzester Zeit eine schlagkräftige und verschworene Mannschaft zu formen, die die bedeutendste Hafenstadt der Türkei von der siebten Meisterschaft träumen lässt.

Die Beispiele Bursa und Trabzon zeigen, dass die kleineren Klubs ihre Ehrfurcht gegenüber den drei Istanbuler Top-Klubs abgelegt haben. Bursas Titelgewinn in der Vorsaison hat Signalwirkung: Nahezu alle Klubs verkörpern das neue Selbstbewusstsein und schenken die Partien gegen das einst übermachtige Trio nicht bereits im Vorfeld der Partie ab.

Die Zeiten der Langeweile an der Tabellenspitze gehören der Vergangenheit an, zumindest so lange, bis die Großen ein anderes Rezept gegen den Aufstand der Konkurrenz gefunden haben, als Jahr für Jahr den Trainer und das Personal auszutauschen. Dafür sind die Abstände zur Konkurrenz in Sachen Professionalität und Leistungsdichte einfach zu gering geworden.


 
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