Hooligan-Angriff erschüttert die Niederlande: Selbstjustiz auf dem Rasen
VON ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 07:23Amsterdam/Düsseldorf (RP). Es kostet einige Mühe, Esteban Alvarado davor zu bewahren, auch auf den Schiedsrichter loszugehen. Zwei Mitspieler halten den fassungslosen Torhüter von AZ Alkmaar, Spitzenreiter der niederländischen Ehrendivision, fest. Sekunden vorher hatte der Costaricaner die Rote Karte gesehen: Er hatte einen betrunkenen Fan von Gastgeber Ajax Amsterdam, der auf den Platz gestürmt und ihn tätlich angreifen wollte, mit einem Kung-Fu-Tritt niedergestreckt und dann im Affekt auf ihn eingetreten.
Von einem "Tiefpunkt des niederländischen Fußballs" ist die Rede. Die Pokal-Partie musste abgebrochen werden – AZ-Trainer Gert-Jan Verbeek weigerte sich, beim Stande von 0:1 zu Zehnt weiterzuspielen. "Wir fühlten uns nicht mehr sicher", sagte der Coach, der sonst ein eher rustikaler Vertreter seines Fachs ist. Mit deutlichen Gesten schickte er seine Mannschaft sofort in die Kabine. Nach dem Abbruch der Partie lieferten sich Ajax-Hooligans Straßenschlachten mit der Polizei, die Wasserwerfer einsetzte und 26 Randalierer festnahm. "Dies ist ein Tiefpunkt für Ajax", sagte Danny Blind, Sportdirektor des ohnehin durch Skandale gebeutelten Klubs.
Der niederländische Verband reagierte schnell. Noch gestern Nachmittag hat der KNVB den Platzverweis gegen Alvarado, der auch von Ajax-Trainer Frank de Boer in Schutz genommen wurde, zurückgenommen. "Das ist die einzig richtige Entscheidung", befand Alkmaars sportlicher Leiter Earnest Stewart. Am Abend vorher hatte Schiedsrichter Bas Nijhuis seine (regelkonforme) Entscheidung verteidigt. "Er hätte auch weglaufen können, statt auf ihn einzutreten", sagte der Referee. Renommierte Anwälte indes verteidigten den Torhüter, sprachen von einer "reinen Selbstverteidigung" – schließlich hätte der Angreifer Waffen mit sich führen können. Dieser Argumentation folgte auch der Verband, der Verständnis für die Reaktion des Torhüters auf den Angriff, der "hinterrücks erfolgte", zeigte. Der Torhüter bekam seinen Freispruch nicht mehr mit – Alvarado saß bereits im Flieger in Richtung Heimat.
In den Niederlanden wird derweil versucht, die Scherben der Vorfalls zusammenzukehren. Ein lebenslanges Stadionverbot für den Hooligan sei das Mindeste, hatte Ajax-Vorstand Jeroen Slop nach dem Spiel verkündet. Dumm nur, dass der 19-Jährige, der nach eigenen Angaben "Esteban nicht ausstehen" konnte, wegen früherer Vergehen längst einen Stadion-Bann erhalten hatte. Er hatte sich über Bekannte illegal mit Tickets eingedeckt. Ihn erwartet nun zusätzlich ein Strafverfahren.
Was mit dem abgebrochenen Pokalspiel geschieht, ist derzeit noch nicht geklärt.
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