Ausschreitungen nach Tod eines Lazio-Fans: Bruder wirft Polizei Mord vor
zuletzt aktualisiert: 12.11.2007 - 13:25Rom (RPO). Fußball-Hooligans haben Italien mit Krawallen und nackter Gewalt überzogen. Auslöser: Ein italienischer Polizist erschoss an einer Autobahnraststätte einen Anhänger des Erstligisten Lazio Rom. Die Polizei spricht von einem "tragischen Irrtum" und einem Versehen. Der Bruder des Getöteten wirft dem Beamten Mord vor.
Der 26-jährige Gabriele Sandri war auf einer Raststätte von einem Polizisten unter dubiosen Umständen mit einem Schuss in den Hals getötet worden. Das Opfer hatte am Sonntag auf der Raststätte der Autobahn A1 nahe der Stadt Arezzo in seinem Auto gesessen, als es in unmittelbarer Umgebung seines Fahrzeugs zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern von Lazio Rom und Juventus Turin kam.
Laut Polizei hatten zwei Streifenwagen an einer Raststätte nahe Arezzo in der Toskana Fahrzeuge kontrolliert. Die Beamten hörten Schreie und sahen, wie die Insassen von drei Fahrzeugen miteinander kämpften. Auf das Einschalten der Sirene hätten die Fans nicht reagiert. "Einer der Beamten entschloss sich, zwei Warnschüsse in die Luft abzugeben, um die Leute einzuschüchtern", erklärte die Polizei.
In diesem Moment sei eines der Autos losgefahren, und einer der Schüsse haben den 26-Jährigen in den Hals getroffen. Der Fahrer sei noch ein paar Kilometer weit gefahren, um Hilfe zu holen, doch eine Ambulanz habe den tödlich Getroffenen nicht wiederbeleben können, teilte die Polizei mit. Bei dem Toten handelt es sich um einen 26 Jahre alten Disc-Jockey aus Rom.
"Ich habe zwei Familien zerstört"
Der Polizist meldete sich nun zu Wort, gestand den Todesschuss zunächst ein und zeigte großes Bedauern: "Ich habe erst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, der zweite Schuss hat sich beim Laufen gelöst", sagte der Beamte der Zeitung "Corriere della Sera".
Er habe auf "niemanden gezielt", erklärte der Beamte weiter. "Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört, die des Jungen und meine eigene", jammerte der 31-Jährige.
Wenig später aber beteuerte der Ordnungshüter gegenüber der Zeitung "Il Giornale" dann aber plötzlich seine Unschuld: "Ich bin mir sicher, dass ich zur Warnung in die Luft gefeuert habe. Ich weiß, was ich getan habe. Ich kann ihn nicht getroffen haben."
Über den genauen Ablauf der Tragödie kommen immer mehr Details ans Licht. Demnach sei der Beamte auf der Westseite des Rastplatzes auf Streifenfahrt gewesen, als er und sein Kollege auf der gegenüberliegenden Ostseite eine Prügelei zwischen den Insassen zweier Fahrzeuge beobachteten.
Nachdem über Funk Verstärkung gerufen wurde, habe einer der Beamten aus einer Entfernung von fast 200 Meter einen Warnschuss abgegeben. Offenbar vor Schreck seien die Personen in ihren Autos dann losgefahren.
Um zumindest Wagentyp oder Nummernschild ausmachen zu können, sei der Polizist mit der Waffe in der Hand hinter den Autos hergelaufen. Im Zuge dessen habe sich der Schuss gelöst, der unter Umständen noch abgeprallt sei und den 26-jährigen Lazio-Fan dann im Auto getroffen habe.
Massive Ausschreitungen im ganzen Land
Folge des tragischen Unglücks waren massive Fan-Ausschreitungen in ganz Italien. Nachdem zwischenzeitlich gar das Gerücht kursierte, der Beamte habe den Fan vorsätzlich getötet, brachen unter den gewaltbereiten Fußball-Anhängern alle Dämme.
Mehrere hundert Jugendliche blockierten am Sonntagabend eine Brücke über den Tiber mit Metallgittern und Mülleimern. Sie stürmten auf den Hof der Polizeiwache am Olympiastadion und bewarfen Polizeiautos mit Steinen. Ein Wagen ging in Flammen auf. An dem Gebäude wurde eine Scheibe eingeworfen.
Die Polizei teilte mit, mehrere Personen seien festgenommen worden, mindestens 40 Menschen, darunter zehn Polizisten, wurden nach neuesten Angaben verletzt. Besonders besorgniserregend sei die Lage eines Beamten, der mit einer Eisenstange schwer verletzt worden sei. Nach Angaben der Polizei wurden drei Personen festgenommen.
Auch in Mailand sowie mehreren Ortschaften in Süditalien war es zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Der Italienische Fußballverband sagte das Spiel in Mailand ab. Die anderen Begegnungen der Liga begannen mit zehn Minuten Verspätung, Spieler und Schiedsrichter trugen ein schwarzes Trauerband am Arm. Zu Krawallen im Stadion kam es beim Spiel von Atalanta Bergamo gegen den AC Milan. Dieses Spiel wurde deswegen nach sieben Minuten abgebrochen.
Wird Spielbetrieb ausgesetzt?
Nun wird offenbar darüber nachgedacht, den Spielbetrieb vorerst völlig auszusetzen. Sportministerin Giovanna Melandri verlangte eine "Denkpause" für den italienischen Fußball. "Am kommenden Wochenende sollte der Ball ruhen", erklärte die Politikerin gegenüber der "Gazzetta dello Sport". Die Serie A hat wegen Italiens EM-Qualifikationsspiels am Samstag in Schottland aber ohnehin spielfrei. Damit wären zunächst nur die unteren Ligen betroffen.
Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi bezeichnete den Vorfall als "sehr beunruhigend". Prügeleien zwischen Fußballfans an Rastplätzen sind in Italien nichts Ungewöhnliches.
Anfang Februar hatten Auseinandersetzungen rivalisierender Fußballfans auf Sizilien einen Polizisten das Leben gekostet. Zu den Ausschreitungen kam es während des Spiels zwischen Catania und Palermo, als Anhänger beider Vereine sich vor dem Stadion eine regelrechte Straßenschlacht lieferten. Als Reaktion auf die Krawalle beschloss die Regierung drastische Maßnahmen gegen die Gewalt in Fußballstadien. Mehrere Spiele mussten ohne Zuschauer ausgetragen werden, weil die Stadien als unsicher eingestuft wurden.









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