Berti Vogts wird 65 : "Die Borussia ist mein sportliches Zuhause"
zuletzt aktualisiert: 29.12.2011 - 08:53Düsseldorf (RPO). Flucht würde er es nicht nennen. Aber seine Ruhe möchte Berti Vogts am Freitag doch gerne haben. Und da er ohnehin gut die Hälfte des Jahres nicht in Korschenbroich ist, verbringt er auch seinen 65. Geburtstag in Dubai.
"Mit meinem Sohn Justin und ein paar Freunden", sagt Vogts. In bescheidenem Rahmen feiert er das Überschreiten der Grenze, mit der viele noch immer den Einstieg in das Rentenalter verbinden. Aber Ruhestand? Darüber kann der ehemalige Bundestrainer herzlich lachen.
"Die Rente, ist nichts für mich"
"65 ist ein normaler Geburtstag. Zu sagen, jetzt kommt die Rente, ist nichts für mich." Sein Berufsleben zu bilanzieren, dafür sieht er gar keinen Grund. Auch 2012 wird er rund 120 bis 150 Tage auf Achse sein, bei jedem Länderspieltermin befindet er sich für bis zu 14 Tagen im 4.200 Kilometer entfernten Aserbaidschan oder auf Reisen zu den Auswärtsspielen seiner Mannschaft. Denn das Engagement, das er vor fast vier Jahren begonnen hat, verlängerte er kürzlich überraschend.
Beim 1:3 gegen die deutsche Mannschaft im Juni in der EM-Qualifikation hatten die Aserbaidschaner in Baku gegen ihn noch Sprechchöre angestimmt. Und auch Vogts war mit den Verhältnissen am Kaspischen Meer unzufrieden. Doch er hat so lange gerungen, bis der Verband und die Vereine seinen Vorstellungen entgegenkamen. Also unterzeichnete er Anfang Dezember doch einen neuen Vertrag.
Eigentlich sei er verrückt, weil er mit seinen neuen Forderungen auch selbst noch mehr arbeiten müsse, meint Vogts und lacht. Aber die Ziele, die er dem Team und sich gesetzt hat, sind hoch. "2016, wenn die EM in Frankreich erstmals mit 24 Mannschaften ausgetragen wird, möchten wir uns qualifizieren." Nach seinen Jobs bei Bayer Leverkusen, Kuwait, Schottland und Nigeria ist Aserbaidschan seine längste Trainerstation, seitdem er 1998 den DFB nach 21 Jahren verlassen hat.
Lob für Lucien Favre
Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und Borussia Mönchengladbach fühlt er sich nach wie vor intensiv verbunden. In seinem Verein, mit dem er fünf deutsche Meisterschaften, zweimal den UEFA-Cup und einmal den DFB-Pokal gewann, hat er durch harsche Kritik in den Krisen der letzten Jahren für Verärgerung gesorgt, verfolgt ihn aber noch bei vielen Heimspielen.
"Ich habe für meinen Sohn und mich zwei VIP-Jahreskarten gekauft", erklärt er. "Die Entwicklung ist ganz allein Verdienst des Trainers. Lucien Favre setzt auf junge Leute, er hat richtig viel Ahnung von Taktik, er hat eine klare Philosophie", lobt Vogts den Kollegen. "Jeder Spieler weiß, was er zu tun hat. Die Mannschaft arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk." Er freut sich sehr über das Comeback des Traditionsvereins, für den er 419 Bundesligaspiele bestritt.
"Die Borussia ist mein sportliches Zuhause. Der Verein hat mir alles gegeben, was ich bin und habe. Ich bin bis heute sehr dankbar dafür, dass Hennes Weisweiler mich dort menschlich und sportlich gefördert hat." 96 Länderspiele, darunter das WM-Finale 1974, hat er als Verteidiger, genannt der "Terrier", absolviert. 1978 wurde er Trainer beim DFB. "Viele sagen, mein größter Erfolg war der EM-Titel 1996, aber das sehe ich nicht so. Dass wir 1990 Weltmeister wurden mit einer Mannschaft, in der 18 von 22 Spielern in meinen Jugend-Nationalmannschaften gespielt hatten, darauf bin ich unheimlich stolz."
"MV hat wohl seine Schublade nicht aufgemacht"
Von der deutschen Nationalmannschaft, an der er natürlich so hängt wie an der Borussia, ist er völlig begeistert. "Die Titelvergabe bei der EM 2012 führt nur über Deutschland", sagt Vogts. "Die Mannschaft spielt gar nicht mehr typisch deutsch, sie spielt wunderbaren Kombinationsfußball. Es ist eine Mischung des früheren holländischen Fußballs mit dem Fußball der Spanier. Ich kann Joachim Löw und seiner Crew nur ein ganz großes Lob zollen."
Das A-Team des DFB profitiere stark von der Nachwuchsarbeit, die entscheidend verbessert wurde. "Die Leistungszentren der Vereine arbeiten wunderbar. Seitdem die Vereine die Nachwuchsarbeit übernommen haben, läuft alles viel besser", sagt Vogts. Dass er die Talentförderung vorangetrieben hat, ist im DFB unbestritten. Desto mehr hat es ihn enttäuscht, als Gerhard Mayer-Vorfelder kürzlich zitiert wurde, er habe nie ein Nachwuchskonzept von Vogts gesehen. "Ich glaube, MV hat nie seine Schublade aufgemacht", sagt er. Talentförderung liegt ihm noch immer am Herzen. In Baku will er sie noch einige Jährchen betreiben.
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