Fußballskandal in Italien: Ein Schiedsrichter packt aus
zuletzt aktualisiert: 05.06.2006 - 12:15Rom (rpo). Der italienische Serie-A-Schiedsrichter Riccardo Pirrone hat der Staatsanwaltschaft im Detail die Methoden im Rahmen des Manipulationsskandals beschrieben. Seine Aussagen dürften den als Schlüsselfigur geltenden ehemaligen Sportdirektor von Juventus Turin, Luciano Moggi, massiv unter Druck setzen.
Während bei der Verteilung der Schiedsrichter auf die einzelnen Ligaspiele ein unabhängiger Assistent unter notarieller Aufsicht aus einer Lostrommel den Namen des Referees zog, sollen nach Aussage von Pirrone die früheren Schiedsrichter-Koordinatoren Paolo Bergamo und Pierluigi Pairetto aus einer mit markierten Kugeln versehenen zweiten Lostrommel das von Juventus gewünschte Spiel dazu gestellt haben.
Einige Schiedsrichter hätten von Moggi zudem Anweisungen bekommen, welche Spieler sie mit Gelben Karten für die nächsten Partien außer Gefecht setzen sollen. So habe Moggi die kommenden Juventus-Gegner gezielt schwächen wollen. Zu den verdächtigten Schiedsrichtern zählt auch der zunächst für die Weltmeisterschaft nominierte und jetzt vom Verband FIGC zurückgezogene Massimo De Santis. Pirrone selbst war 2001 aus Protest gegen die Beeinflussung der italienischen Unparteiischen aus dem Schiedsrichter-Verband AIA zurückgetreten.
Vernehmungen in Serie
In dieser Woche will Borrelli, ehemaliger Oberstaatsanwalt von Mailand, Pairetto und Bergamo vernehmen. Die Beschuldigten sollen über ihre Beziehungen zu Moggi befragt werden. Dem 68-jährigen Moggi wird eine systematische Manipulation der Fußball-Meisterschaft 2004/2005 zu Gunsten des italienischen Rekordmeisters vorgeworfen. Juve droht deshalb der Zwangsabstieg.
Borrelli will Moggi am kommenden Freitag zu einer Vernehmung vorladen, doch der mittlerweile zurückgetretene Juve-Sportdirektor könnte seine Aussage verweigern. Da Moggi seine Spitzenposition beim Turiner Klub aufgegeben hat und daher nicht mehr Mitglied des Fußballverbandes ist, könne er nicht zur Aussage vor einer sportlichen Gerichtsinstanz gezwungen werden, erklärten Moggis Anwälte.
Cannavaro weiter unter Beschuss
Inzwischen traf der kommissarische Präsident des italienischen Fußballverbandes FIGC, Guido Rossi, mit Liga-Chef Adriano Galliani zusammen. Rossi, der seit dem Rücktritt des skandalumwitterten Verbandschefs Franco Carraro das Ruder bei der FIGC übernommen hat, will Galliani zum Rücktritt überreden. Der Vizepräsident des AC Mailand ist das einzige Schwergewicht im italienischen Fußball, das trotz seiner Verwicklung in den Skandal nicht zurückgetreten ist.
"Galliani kämpft wie der letzte Japaner im Dschungel, um in den Wogen der Manipulationsaffäre zu überleben", schrieb die römische Tageszeitung La Repubblica am Montag. Galliani wird beschuldigt, sich mit Moggis Hilfe 2001 zum Liga-Chef gewählt haben zu lassen. Moggi soll Wählerstimmen gekauft haben, um Gallianis Wahl zu begünstigen. Galliani bestreitet dies vehement.
Unter Beschuss bleibt auch der Kapitän der italienischen Nationalelf, Fabio Cannavaro. Der Abwehrchef von Juventus Turin war am Samstag wegen seiner angeblichen Verbindungen zur Spieler-Vermittlungsgentur GEA, die unter Kontrolle von Moggis Sohn Alessandro stand und angeblich gezielt Transfers ihrer Klienten erpresst haben soll, vernommen worden. Cannavaro beteuerte seine Unschuld. Er habe keinerlei Absicht, wegen der Ermittlungen auf seine Rolle als Kapitän in der Squadra Azzurra zu verzichten.
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