| 10.08 Uhr

Leicesters kommender Meistertrainer?
Was steckte hinter den Tränen von Claudio Ranieri?

Fotos: Vardy schießt Leicester zum nächsten Sieg
Fotos: Vardy schießt Leicester zum nächsten Sieg FOTO: ap, SH
Nach 33 Spieltagen ist die Sensationsmeisterschaft von Leicester City in der Premier League zu Greifen nah. Einen großen Anteil an der Erfolgsgeschichte hat auch Trainer Claudio Ranieri. Seit Sommer 2015 steht er an der Seitenlinie in Leicester und könnte nach dem Klassenerhalt in der vergangenen Saison nun seinen größten Erfolg folgen lassen. Von Phillip Oldenburg

Durch ein 2:0 (0:0) bei Abstiegskandidat FC Sunderland hielten die "Foxes" die Konkurrenz aus Tottenham (gewann 3:0 gegen Manchester United) auch am 33. Spieltag weiter auf Distanz. Wie wichtig dieser Auswärtssieg für Leicester war, sah man unmittelbar nach Schlusspfiff, als Trainer Claudio Ranieri Tränen der Freude übers Gesicht kullerten. 

"Es ist einfach erstaunlich einfach. Ich möchte mich bei allen bedanken, die gekommen sind. Es schien heute so, als wäre ganz Leicester mit nach Sunderland gekommen", sagte Ranieri nach dem wichtigen Erfolg. "Niemand hätte je geglaubt, dass wir irgendwann einmal in dieser Position sein würden - aber jetzt müssen wir kämpfen und kämpfen." Vor dem Spiel hatte Ranieri aus dem Mannschaftsbus heraus eine alte Dame im Leicester-Trikot gesehen. Dieser Anblick hatte ihn dermaßen berührt, dass er seine Tränen nicht zurückhalten konnte, als er sich auf dem Rasen bei den Anhängern bedankte und sich an den Moment vor dem Spiel erinnerte.

Fünf Spieltage vor Schluss führt Leicester die Tabelle mit sieben Punkten Vorsprung an. Schon jetzt ist klar, dass am Saisonende mindestens Platz vier zu Buche stehen wird - und damit die Teilnahme an der Qualifikation für die Champions League. Doch mit jedem weiteren Erfolg kommt auch der Titel immer näher. Aus den letzten fünf Begegnungen benötigt der krasse Aussenseiter aus den East Midlands noch neun Punkte, um erstmals englischer Meister zu werden. Auch für Ranieri, den gebürtigen Römer, wäre die Meisterschaft der mit Abstand größte Erfolg seiner Trainerkarriere. 

Bei 16 Vereinen saß der 64-Jährige schon auf der Trainerbank. Eine Meisterschaft konnte der Italiener aber noch nirgends feiern. Und das, obwohl namhafte Klubs wie Inter Mailand, Juventus Turin, FC Chelsea, AS Rom oder Atletico Madrid zur Vita des Trainers gehören. Seine größten Erfolge als Trainer feierte Ranieri in Florenz (Pokalsieg 1996) und Valencia (Pokalsieg 1999, Uefa-Supercupsieg 2004).

Vor allem mit dem bitteren Abschied von der Stamford Bridge hatte Ranieri lange zu kämpfen. Zwölf Jahre ist es mittlerweile her, seit Ranieri beim FC Chelsea entlassen wurde. Mit der Ankunft von Roman Abramowitsch hatten sich damals die Prioritäten des Vereins geändert - zu Ungusten von Ranieri. Die hohen Investitionen des Russen sollten sich bezahlbar machen: Glamour und Titel sollten endlich nach London zurückkehren. Abramowitsch wollte dafür unbedingt seinen Wunschtrainer Jose Mourinho auf die Bank setzen.

"Ich bin traurig. Bevor Roman Abramowitsch zu Chelsea kam, machte ich einfach meinen Job. Ich wollte meine Arbeit unbedingt weitermachen, auch für ihn. Am Ende wusste ich, dass die Spieler und die Fans auf meiner Seite waren, aber der Verein nicht", sagte Ranieri kurz vor seiner Ablösung durch den Portugiesen. Sein letztes Jahr bei Chelsea, in dem er von Beginn an auf Abramowitschs Abschussliste stand und seinen Job aus einer entsprechend geschwächten Position ausüben musste, verarbeitete er in dem Buch "Proud Man Walking". Immerhin vier Jahre saß Ranieri bei den Londonern auf der Trainerbank, einzig beim AC Florenz (1993-1997) blieb er ähnlich lange. Als Vizemeister und Champions-League-Halbfinalist verließ Ranieri die "Blues".

Ranieri will Siebenjahresvertrag

Auch die Leicester-Fans hatten anfangs ihre Zweifel. Sie waren zufrieden mit dem alten Trainer Nigel Pearson und zeigten sich nicht unbedingt begeistert von der neuen Personalie. Das hat sich mit den Erfolgen aber schnell geändert. Ranieri genießt mittlerweile vollstes Vertrauen bei den Klubbossen und ist der Liebling der Fans. Kein Wunder also, dass der Italiener sich sogar ein Karriereende bei den "Foxes" vorstellen kann. "Ich fühle mich gut bei Leicester und denke nicht daran, den Verein zu verlassen. Ich denke, das ist mein letzter Klub", blickt Ranieri im Interview mit der "Marca" in die Zukunft. Daher hofft der Italiener auf eine langfristige Anstellung: "Ich hoffe, sie bieten mir einen langen Vertrag, für sechs oder sieben Jahre. Dann beende ich hier meine Karriere." Der Vertrag zwischen Ranieri und Leicester City läuft noch bis zum Ende der Saison 2017/18.

Lob und Anerkennung für die Arbeit Ranieris gibt es mittlerweile von allen Seiten. "Grandiose Arbeit von Claudio. Jeder weiß, wie sie spielen, aber sie sind sehr schwer zu stoppen", erklärte Watford-Trainer Quique Sanchez Flores. Und selbst Mourinho, der Ranieri in der Vergangenheit oft wegen dessen Problemen mit der englischen Sprache verspottetet hatte, gönnt seinem früheren Kontrahenten den Titel. "Ich denke, dass seine Karriere das verdient", sagte der derzeit arbeitslose Portugiese. 

Sollte Leicester City am Ende wirklich ganz oben stehen werden, will der Bürgermeister der Stadt Straßen nach den Spielern benennen – und nach Ranieri. Dies sagte Peter Soulsby der Times. "Leicester hat seine Sportstars in der Vergangenheit immer geehrt", so Soulsby. Eine Gegend sei nach Golfern und eine Straße nach dem ehemaligen Nationalspieler Gary Lineker benannt. Es wäre daher nur die logische Folge, wenn neue Straßennamen wie Vardy-Street, Huth-Road hinzukommen. Und eben auch eine Ranieri-Lane.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Claudio Ranieri: Was steckte hinter den Tränen des Leicester-Trainers?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.