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Der etwas andere Star
Nicht mal eine Fußfessel verhinderte Vardys Aufstieg

Bilder: Vardy schießt Klopp mit Doppelpack ab
Bilder: Vardy schießt Klopp mit Doppelpack ab FOTO: ap
Leicester/Berlin. Der Lebenslauf von Jamie Vardy passt so gar nicht zu denen der anderen Stars in der englischen Premier League. Genau deshalb avancierte er zum Liebling der Fans und zum Schrecken der Gegner.

Der unglaubliche Aufstieg vom Amateurkicker zum Toptorjäger der Premier League ist ein wahres Fußballmärchen - und offenbar bester Stoff für Hollywood. Regisseur Adrian Butchart will das Leben von Jamie Vardy verfilmen, ein passender Titel wäre "Working Class Hero". Während die Karrieren der meisten Stars wie am Reißbrett entworfen wurden, musste sich Vardy alleine von ganz unten hochkämpfen. Und das zeitweise sogar behindert durch eine Fußfessel.

Im Alter von 29 Jahren ist der Angreifer nun oben angekommen. Mit 18 Treffern schoss Vardy seinen Klub Leicester City in England sensationell an die Tabellenspitze, die das Außenseiterteam am Samstag im Spitzenspiel bei Verfolger Manchester City verteidigt. "Ich muss mich jeden Morgen noch zwicken, wenn ich zum Training fahre", sagt Vardy: "Ich kann es einfach nicht glauben."

Schnell und treffsicher

Der eher schmächtige Angreifer ist schnell und treffsicher, doch seine beeindruckendste Qualität ist seine Einstellung. "Ich versuche immer, im Training in seiner Mannschaft zu spielen", sagt der deutsche Abwehrspieler Robert Huth über seinen Teamkollegen bei den Foxes: "Er ist wirklich lästig, er gibt niemals auf."

Der Grund dafür liegt in Vardys Werdegang. Seine Karriere schien eigentlich schon beendet, ehe sie überhaupt begonnen hatte. Bei Sheffield Wednesday flog er als Teenager aus der Jugendakademie, weil er zu dem Zeitpunkt lediglich 1,40 m groß war. Um finanziell über die Runden zu kommen, arbeitete Vardy in einer Kohlefaserfabrik. Er stellte Beinprothesen her.

Den Traum vom Fußballprofi gab Vardy aber nie auf, auch wenn er wieder ganz unten anfangen musste. Er schloss sich den Stockbridge Park Steelers in der achten Liga an - für einen Wochenlohn von 30 Pfund. Vardy schoss ein Tor nach dem anderen, doch eine Kneipen-Schlägerei warf ihn 2007 erneut zurück. Verurteilt wegen Körperverletzung musste er sechs Monate lang eine Fußfessel tragen.
Auch während seiner Spiele mit den Steelers.

"Die Fußfessel hat mich beim Fußball nicht wirklich behindert", erinnert sich Vardy. Problematischer sei die Ausgangssperre von 18 bis 6 Uhr gewesen: "Manchmal musste ich nach Schlusspfiff direkt über den Zaun klettern und nach Hause laufen." Bei Auswärtsspielen war für ihn deswegen oft schon nach einer Stunde Feierabend.

Vom Amateurklub zu Leicester

Seine herausragende Einstellung und seine Torjägerqualitäten sprachen sich herum, Vardy wechselte zu klassenhöheren Klubs und landete 2012 schließlich in Leicester. Der damalige Zweitligist zahlte umgerechnet rund zwei Millionen Euro Ablöse für Vardy. Das war damals eine Rekordsumme für einen Amateurspieler.

In Leicester hatte Vardy zunächst Ladehemmung. Manche Fans spotteten, er soll doch bitte in den "non league football" zurückkehren. Doch Vardy strafte alle Kritiker Lügen, in dieser Spielzeit gelang ihm sogar der ganz große Durchbruch. Zu Saisonbeginn traf der frühere Amateurspieler in elf Ligapartien hintereinander und brach damit den Rekord von Stürmeridol Ruud van Nistelrooy.

Vardy ist inzwischen auch englischer Nationalspieler und gilt als Hoffnungsträger der Three Lions für die EM in Frankreich. Längst steht "The Cannon" (die Kanone) auf dem Einkaufszettel vieler englischer Topklubs. Sein jüngstes Traumtor per Direktabnahme aus 25 Metern gegen den FC Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp dürfte Vardy noch ein bisschen teurer gemacht haben.

Die Fans lieben Vardy, weil er kämpft, trifft und nicht so aalglatt ist wie viele andere Stars. Im Sommer hatte er in einem Casino einen Mann aus Fernost als "Japsen" beschimpft, aber die Anhänger verziehen ihrem "Working Class Hero" schnell.

(ems/sid)
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