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Traum vom ersten Meistertitel seit 1990
Klopp in Liverpool – alles erinnert an Dortmund

Rückblick: Sieben Jahre Klopp beim BVB
Rückblick: Sieben Jahre Klopp beim BVB FOTO: dpa, gb hak mg nic
Düsseldorf/Liverpool. Der FC Liverpool träumt als Spitzenreiter vom ersten Meistertitel seit 1990. Der Erfolgsgarant heißt Jürgen Klopp und sitzt auf der Trainerbank. Die Beatles-Stadt liegt dem deutschen Coach längst zu Füßen, mittlerweile verneigt sich nahezu die ganze Insel vor "Kloppo" und seinem "Heavy-Metal-Fußball", der sehr an das Borussia Dortmund der Jahre 2010 bis 2012 erinnert. Von Denis Canalp

Etwas länger als ein Jahr ist Klopp mittlerweile beim FC Liverpool. Im Vorjahr erreichte er mit den "Reds" Platz acht, doch da übernahm Klopp ein nicht von ihm und nach seiner Taktik ausgerichtetes Team mitten in der Saison. Die positiven Ansätze auf dem Platz waren dennoch schnell erkennbar, genauso wie Klopps Handschrift. Liverpool setzt seit dem Oktober 2015 auf Klopp und sein viel gerühmtes Gegenpressing – mit Erfolg.

Außerhalb des Platzes hat Klopp das Fußball-Mutterland ohnehin schon längst im Sturm erobert. Seine authentische Art kommt auf der Insel an. "Ich bin im Kleinen ja auch ein Botschafter für Deutschland. Wenn die Briten vorher ein Problem mit Deutschen hatten, weil die ihnen regelmäßig die Handtücher am Hotelpool wegschnappen, dann stellen die jetzt fest: Es gibt auch Typen wie mich. Die legen sich einfach aufs Handtuch", sagte Klopp zuletzt im Interview mit dem "stern". Englands Fußball-Legende Gary Lineker, mittlerweile TV-Experte für ITV, interviewte Klopp vor der Saison und brachte die Meinung der Engländer über Klopp anschließend auf Twitter auf den Punkt: "Es ist großartig, Herrn Klopp zu treffen und ihn zu interviewen. Ihr werdet Jürgen lieben."

Die beste Trainer-Liga der Welt

Nach elf Spieltagen der laufenden Spielzeit steht der FC Liverpool in der Tabelle auf dem ersten Platz. Einen Punkt vor dem FC Chelsea mit dem italienischen Defensivkünstler Antonio Conte auf der Trainerbank, einen weiteren Zähler vor Manchester City mit dem katalanischen Star-Trainer Pep Guardiola sowie dem FC Arsenal mit der französischen Feingeist Arsène Wenger, fünf Punkte vor Tottenham Hotspur mit dem Argentinier Mauricio Pochettino und gar acht Zähler vor Manchester United mit "The Special One" José Mourinho. Egal, ob die Premier League die stärkste Liga Europas (oder der Welt) ist, die besten Trainer der Welt arbeiten jedenfalls auf der Insel. Und Klopp führt das Feld an.

Nur eine Momentaufnahme? Es ist viel mehr als das. Liverpool befindet sich zwar noch immer im Lernprozess, hat Klopps Powerfußball aber längst verinnerlicht, sodass die benötigten Mechanismen immer besser greifen. Seine Mannschaft ist keine Ansammlung von Superstars, einen Ausnahmekönner wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Zlatan Ibrahimovic sucht man im Kader der "Reds" vergeblich, doch es ist auch keine Gruppe von hoffnungsvollen Talenten, denen Experten in ein paar Jahren den internationalen Durchbruch zutrauen. Es sind vielmehr junge Top-Spieler im besten Fußballer-Alter, die unter Klopp erstmals ihr zweifelsfrei großes Potenzial voll ausschöpfen.

Ausgaben und Einnahmen halten sich die Waage

Dass sich der Erfolg für Klopp schneller einstellt als noch in Dortmund, lässt sich leicht erklären. Beim BVB musste er Schritt für Schritt den Kader umbauen, konnte seine Spielidee nicht sofort umsetzen. Finanziell waren die Dortmunder auch nicht auf Rosen gebettet, in Liverpool kann er auf dem Transfermarkt viel freier agieren, auch wenn es hier für ihn und den Klub Grenzen gibt. Rund 80 Millionen Euro durfte Klopp in neue Spieler investieren, er sortierte jedoch auch einige Spieler aus, sodass am Ende ein geradezu lächerliches Transfer-Minus von 600.000 Euro für Liverpool in diesem Sommer zu Buche steht. Zum Vergleich: Der deutsche Zweitligist Fortuna Düsseldorf blickt auf ein Transfer.Minus von 650.000 Euro im Sommer zurück.

Natürlich konzentriert sich vieles auf die glänzende Offensive um den Senegalesen Sadio Mané (zehn Spiele, sechs Tore, sechs Vorlagen), und die Brasilianer Philippe Coutinho (11/5/5) und Roberto Firmino (10/5/5), doch auch Spieler wie Außenverteidiger Nathaniel Clyne oder die Mittelfeldspieler Adam Lallana, James Milner oder Jordan Henderson setzen ihre Vorgaben hervorragend um. Zudem hat Klopp bei den Zugängen wie Torwart Lorius Karius (Mainz), Joel Matip (Schalke) oder Georgino Wijnaldum (Newcastle) ein glückliches Händchen bewiesen. In James Milner steht zudem nur ein Feldspieler, der 30 Jahre oder älter ist, regelmäßig in der Startelf. Für Klopps laufintensives Spiel ein wichtiger Faktor. Vor dem Spiel gegen den FC Arsenal hatte Klopp die Spielweise der Londoner um Regisseur Mesut Özil mit der eines Orchesters verglichen – um dann grinsend hinzuzufügen: "Ich mag lieber Heavy Metal. Ich mochte es schon immer laut." Kein Team auf der Insel hat mehr Treffer erzielt als Liverpool unter Klopp, in der laufenden Spielzeit trafen die "Reds" bereits 30 Mal.

Kloppsches Understatement

Klopp spielt die Tabellenführung medial runter. Das macht er immer. Das hat er auch in Dortmund in seinen zwei Meisterjahren so gehandhabt. Er redet die Erfolge in der Öffentlichkeit klein, doch wer seine Spieler auf dem Platz sieht, der ahnt, dass er sie intern durchaus starkredet. Sehr selbstbewusst tritt seine Truppe auf, ganz gleich gegen wen, oder wo sie antritt. Und das von ihr angeschlagene Tempo können nur sehr wenige Mannschaften mitgehen. Auch das erinnert an Dortmund unter Klopp.

"Es tut mir ja wirklich leid, aber wenn jemand meint, das hätte wegweisenden Charakter, kann ich ihm nicht helfen", sagte Klopp nach dem 6:1 über den FC Watford trocken. Dass Liverpool erstmals seit Mai 2014 wieder die Premier League anführt, lässt ihn offensichtlich kalt. Als Klopp später dann aber von seiner Mannschaf sprach, geriet er doch ins Schwärmen: Klopp hatte eine "absolut gute Leistung" an einem "perfekten Nachmittag", an dem "Selbstvertrauen, Qualität und Einstellung" die gewinnbringenden Faktoren gewesen seien, gesehen.

Und dank dieser Faktoren bleibt Liverpool wohl auch bis zum Schluss ein ernsthafter Anwärter auf den Titel. Sollte es Klopp am 21. Mai 2017 tatsächlich gelingen, die 27 Jahre andauernde Durststrecke in der Meisterschaft zu beenden, dürften die Feierlichkeiten in der fußballverrückten Stadt den üblichen Rahmen noch einmal deutlich sprengen. Auch das kennt Klopp schon aus Dortmund. Und wenn es nicht klappt, hat Klopp ja noch ein wenig Zeit. Sein Vertrag endet erst im Sommer 2022.

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