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England
Missbrauchsskandal weitet sich aus

London. In England melden sich fast täglich Betroffene, darunter frühere Nationalspieler, die als Jugendspieler meist in den 1980er- und 90er-Jahren von Trainern oder Scouts auch großer Klubs sexuell missbraucht worden sein sollen. Von Jochen Wittmann

Der Missbrauchsskandal im britischen Fußball droht, größere Ausmaße anzunehmen. Nachdem eine Reihe ehemaliger Profis an die Öffentlichkeit gegangen waren und berichteten, in ihrer Jugend sexuell missbraucht worden zu sein, melden sich jetzt weitere Opfer. Bei den Behörden gingen bisher mehr als 250 Anrufe von Opfern ein. Der britische Kinderschutzbund NSPCC richtete ein Sorgentelefon ein. "Wir hatten einen überwältigenden Anstieg bei unserer Fußball-Helpline", sagte NSPCC-Chef Peter Wanless, "der das beunruhigende Ausmaß des Kindesmissbrauchs im Sport enthüllt." Binnen einer Woche hatte die NSPCC mehr als 860 Anrufe von Missbrauchsopfern erhalten und verwies 60 Fälle davon weiter an die Polizei. Greg Clarke, der Vorsitzende des britischen Fußballverbands FA, spricht von der "größten Krise", die der britische Fußball je erlebt habe.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Andy Woodward vor gut zwei Wochen. Der 43-jährige Ex-Fußballprofi enthüllte in einem Interview mit der Zeitung "Guardian", wie er als Elfjähriger zum Klub Crewe Alexandra kam, der damals als Talentschmiede galt, weil dort Barry Bennell arbeitete, einer der besten Jugendtrainer des Landes. "Ich sah Crewe als den Beginn eines Traums. Aber ich war auch sensibel, und auf die sensiblen, schwachen Jungs hatte Bennell es abgesehen."

Bennell hatte Woodward von Anfang an und über eine lange Zeit sexuell missbraucht. Mit einer Mischung aus Gewalt, Verlockungen und Drohungen stellte Bennell sicher, dass sein Opfer ihn nicht verriet. "Er hatte mich total im Griff", so Woodward. Anvertrauen konnte er sich niemandem. Die Schande war zu groß. Dabei war es im Klub durchaus bekannt, dass Bennell auf kleine Jungs stand. "Ich war nicht auf einer Schule", klagte Woodward seinen früheren Verein an, "aber bei einem professionellen Fußballclub, der eine Verantwortung zum Schutz von Kindern hatte."

Woodwards Enthüllungen, dessen Fußballkarriere unter den seelischen Folgen des Missbrauchs zerbrach, führten dazu, dass andere Fußballspieler an die Öffentlichkeit gingen. Ian Ackley, der ebenfalls bei Crewe trainiert hatte, meldete sich und klagte Bennell an: "Es war die ganze Bandbreite des Missbrauchs. Es gab keine Limits für ihn." Ex-Nationalspieler Paul Stewart bezichtigte einen weiteren Jugendtrainer. Auch Jason Dunford berichtete von Komplizen, die Bennell gehabt haben soll: "Ich glaube, es gab eine Verschwörung und einen Pädophilenring", sagte er gegenüber der BBC.

Bennell ist bisher drei Mal wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu insgesamt 15 Jahren Haft verurteilt worden. Zur Zeit steht er wieder unter Anklage wegen eines Missbrauchs eines 13-jährigen Jungen in acht Fällen. Er lebt unter falschem Namen in Milton Keynes und wurde vor einigen Tagen aufgrund eines angeblichen Selbstmordversuchs ins Krankenhaus eingeliefert. Er dürfte hunderte von Opfern auf dem Gewissen haben, aber er ist nicht der einzige Jugendcoach, der sich an seinen Schutzbefohlenen verging. Die Namen von mindestens zwei weiteren pädophilen Fußballtrainern wurden ins Spiel gebracht. David Ormond, der bei Newcastle United den Nachwuchs heranzog, wurde 2002 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Und der inzwischen verstorbene Eddie Heath soll als Talentscout beim FC Chelsea in den 80er und 90er Jahren sein Unwesen getrieben haben.

Quelle: RP
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