Tod eines Lazio-Fans löst Gewaltwelle in Italien aus: "Er hat gezielt geschossen"
zuletzt aktualisiert: 12.11.2007 - 21:47Rom (RPO). Einen Tag nach dem Tod des Fans Gabriele Sandri und der damit verbundenen Welle der Gewalt in Italien hat sich nun ein Augenzeuge zu Wort gemeldet. Der Polizist "hat gezielt geschossen", berichtete der Mann.
Nachdem der 28-jährige Sandri durch eine Polizei-Kugel in der Nähe der toskanischen Stadt Arezzo ums Leben kam, hat die italienische Regierung den Hooligans im Land des Weltmeisters nun einen rigorosen Kampf angesagt.
Die Beamten hattem das Treiben von der gegenüberliegenden Fahrbahn gesehen. Einer schaltete die Sirene des Dienstfahrzeuges ein. Sein Kollege Luigi S. gab derweil einen Warnschuss ab.
Die streitenden Fans liefen daraufhin zu ihren Wagen und fuhren los. In diesem Moment soll sich angeblich sich der tödliche Schuss gelöst haben. Aus mindestens 50 bis 70 Metern Entfernung.
Der Polizist sei in Richtung Fahrbahn gelaufen, um sich die Daten des Wagens zu merken, als die Pistole einfach losgegangen sei, erklärte der Schütze später. Die italienische Zeitung "La Repubblica" zitiert allerdings einen Augenzeugen, der aussagt, der Polizist habe "die Pistole mit beiden Händen umfasst, die Arme ausgestreckt und gezielt geschossen".
Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte nun harte Strafen. "Wir müssen mit Strenge reagieren", sagte ein Sprecher des Innenministeriums.
Gegen den Polizisten sind bereits Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen worden. Das teilte die Justizbehörde in Arezzo mit.
Unterdessen verhängte das Innenministerium als Reaktion am Montag ein Reiseverbot für gewaltbereitete Fans und polizeibekannte Hooligans. Darüberhinaus wurden die Polizeichefs der jeweiligen Spielort dazu ermächtigt, Spiele kurzfristig abzusagen, bei denen es im Vorfeld außerhalb des Stadions zu Ausschreitungen kommt. Das Reiseverbot betrifft Sonderzüge und Bustransporte, in denen große Gruppen von Fans befördert werden. Zudem wurden die Spiele der Serie B am kommenden Wochenende abgesagt.
"Aber unser erster Gedanke gilt der Familie des getöteten Opfers", erklärte Verbandspräsident Giancarlo Abete: "Es war erneut ein trauriger und schmerzhafter Tag für Italiens Fußball." Von einem "Albtraum" sprachen die italienischen Medien. "Das Land steht vor einer nationalen Notstandslage, wie die unglaublichen Szenen des Angriffes auf die Polizeikasernen bezeugen. Italien steht im Griff der Hooligans. Wir haben schreckliche Szenen eines außer Kontrolle geratenen Italiens gesehen", schrieb die Sporttageszeitung Gazzetta dello Sport.
Scharfe Kritik an der Regierung übte Roberto Calderoli von der Lega Nord. "Dieses Land ist im Griff von Kriminellen. Die Regierung sollte zurücktreten, weil sie die Sicherheit nicht mehr garantiert", sagte Calderoli. Die Oppositionsparteien forderten die Ablösung von Innenminister Giuliano Amato.
Unterdessen kündigte Amato eine "tiefgründige Ermittlung" des Vorfalls um den Tod des 28 Jahre alten Lazio-Fans Sandri an, der auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo in seinem Auto durch die Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizisten getötet worden war.
Die Aussagen des Verkehrspolizisten zu dem Hergang waren zunächst noch widersprüchlich gewesen. "Ich befand mich in einer Entfernung von über 200 Meter zu den Ultras. Ich habe einmal in die Luft geschossen, der zweite Schuss ist losgegangen, während ich auf die Ultras losrannte", wurde der 32-Jährige in der Zeitung Corriere della Sera zitiert: "Ich habe zwei Familien zerstört, jene des Opfers und meine eigene.
Gegenüber der Zeitung Il Giornale beteuerte der Ordnungshüter dann wenig später plötzlich seine Unschuld: "Ich bin mir sicher, dass ich zur Warnung in die Luft gefeuert habe. Ich weiß, was ich getan habe. Ich kann ihn nicht getroffen haben." Nach bisherigen Ermittlungen wurde Sandri in seinem Auto durch die Heckscheibe tödlich von einer Kugel getroffen.
Am Montag pilgerten Hunderte von Menschen zur Raststätte. Viele Lazio-Fans legten Blumen nieder. Die Familie des Opfers brachte ihren Zorn auf andere Art zum Ausdruck: "Gestern hat ein Bastard meinen Sohn getötet. Er sei ewig lang verflucht", war auf einem Blatt auf den Scheiben des Kleidergeschäfts von Sandris Vater in Rom zu lesen.
Nach dem Unglück war es vor allem in Rom zu einer Gewaltwelle gekommen, als unter anderem 400 Hooligans, die der Szene von Lazio und AS Rom zugeordnet werden, eine Polizeikaserne im Zentrum der Ewigen Stadt angegriffen hatten. Nach Angaben der Polizei wurden dabei 40 Beamte verletzt. Besorgniserregend sei die Lage eines Polizisten, der mit einer Eisenstange schwer verletzt worden sei.
Vier Hooligans, die nach dem Angriff auf die Kaserne und den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees CONI festgenommen wurden, stehen auch unter Terrorismus-Verdacht. Nach Informationen aus Justizkreisen soll die Gewaltwelle einen "politischen Hintergrund" haben.
Anfang Februar dieses Jahres war beim sizilianischen Derby zwischen Catania Calcio und US Palermo der Polizist Filippo Raciti getötet worden. Ein 17 Jahre alter Hooligan wurde damals unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Damals war der gesamte Fußball-Spielbetrieb aufgrund des Vorkommnisses ausgesetzt worden.
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