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DFB-Präsident will Fifa umkrempeln
Niersbach präsentiert Reformideen - mit Kalkül

Porträt: Niersbach: Vom Journalisten zum Macher im Fußball
Porträt: Niersbach: Vom Journalisten zum Macher im Fußball FOTO: dpa, Arne Dedert
Düsseldorf. Wolfgang Niersbach hat deutliche Worte gefunden: "Der internationale Fußball steckt in seiner schwersten Krise". Er hat einen großen Adressatenkreis gewählt. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes verbreitete seine Reformideen für den internationalen Fußballverband Fifa mittels eines Briefs an die 26.000 Vereine des Landes. Zuvor hatte sich der DFB nie so klar positioniert. Die zögerliche Haltung wurde Niersbach angekreidet. Einige seiner neuen Kernaussagen und deren Bedeutung: Von Martin Beils

Wechsel an der Fifa-Spitze

Niersbach drängt Sepp Blatter, seinen Posten "schnellstmöglich frei zu machen". Der DFB-Chef ist der erste bedeutende Funktionär, der ein Programm vorlegt, manche Beobachter sprechen deshalb von einem Wahlprogramm. Die Wahl des neuen Fifa-Präsidenten soll am 16. Dezember stattfinden, meldet die BBC. Niersbach stößt in ein Machtvakuum. Anders als Uefa-Präsident und Katar-Freund Michel Platini ist er unbescholten.

Begrenzung der Amtszeiten

Niersbach (64) will die Amtsdauer des Fifa-Präsidenten auf zwölf Jahre begrenzen. Blatter ist schon seit 17 Jahren im Amt. Die Fifa würde damit dem Weg des Internationalen Olympischen Komitees folgen. Auch an anderen Stellen ähneln Niersbachs Vorschläge denen, die IOC-Chef Thomas Bach mit seiner Agenda 2020 Ende vergangenen Jahres umgesetzt hat. Der DFB-Präsident schlägt sogar wörtlich eine Reform-Agenda entsprechend dem Beispiel Olympia vor.

Aufklärung der Korruptionsvorwürfe, Kontrolle der Geldflüsse und Transparenz bei WM-Vergaben

All diese Punkte sind in der jetzigen Situation der Fifa unumgänglich und sicherlich auch mehrheitsfähig. Sie liegen auf der Hand. Besser wäre es gewesen, Niersbach hätte sich vor der Wiederwahl Blatters und am besten noch viel früher öffentlich in dieser Hinsicht starkgemacht. Jetzt klingen diese Punkte wohlfeil. "Korruption darf im Fußball keinen Platz haben", schreibt er etwa an die "lieben Freunde des Fußballs".

Menschenrechte

Niersbach betont ganz zu recht die Bedeutung von freier Meinungsäußerung, Pressefreiheit, dem Schutz von Minderheiten, Toleranz, Respekt. Sie müssten schon im Auswahlprozess der WM-Gastgeberländer berücksichtigt werden. Er wendet sich damit klar gegen Russland und Katar. Er macht das wohl auch deshalb, weil er die Möglichkeit sieht, diesen beiden Ländern die Turniere 2018 bzw. 2022 wieder zu nehmen.

Veränderung des Abstimmungssystems

Alle 209 Fifa-Mitgliedsverbände sind bei Abstimmungen bislang gleich wichtig. Egal ob es sich um Deutschland mit 6,8 Millionen organisierten Fußballern oder um einen Südseestaat handelt. Blatter baute seine Macht auf den Stimmen kleiner Nationen auf. Niersbach spricht sich nun "für eine gewisse Stimmengewichtung" und damit für mehr Macht für die großen Fußballnationen aus. Skisport und Eishockey liefern das Vorbild. Die Blatter-Praxis, Dritte-Welt-Länder über ein Entwicklungshilfeprogramm zu umschmeicheln und sie damit zu Stimmvieh zu machen, wäre damit gestoppt. Hört sich gut an. Doch wie will Niersbach für diese Reform eine Mehrheit in der Fifa schaffen? Die kleinen Nationen müssten für ihren Machtverlust votieren.

Sommermärchen

Im Anschluss an die Aufzählung seiner Reformideen geht Wolfgang Niersbach auf die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ein. Er betont: "Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden gearbeitet." Das als Sommermärchen in die Sportgeschichte eingegangene Turnier ist für ihn wichtig, weil er in der Bewerbungsphase vielleicht noch bedeutender war als Frontmann Franz Beckenbauer. Der "Kaiser" sorgte für Glanz, Niersbach macht die mindestens ebenso wichtige Sportpolitik.

Quelle: RP
 
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