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Gianni Infantino führt die Fifa
Ein neuer Dirigent

Das bedeutet die Wahl von Infantino
Das bedeutet die Wahl von Infantino
Zürich/Düsseldorf. Gianni Infantino ist zum neuen Fifa-Präsidenten gewählt worden und soll den Fußball-Weltverband aus der Krise führen. Infantino muss es in erster Linie darum gehen, den Weltverband aus dem Gestrüpp der Korruption zu führen, das sein Vorgänger Blatter geradezu etabliert hatte.   Von Robert Peters

Gianni Infantino hat in seiner Wahlkampfrede vor dem Fifa-Kongress in Zürich den Weltmann gegeben. Er hielt seine Ansprache auf Englisch, Italienisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Er sagte sogar ein paar Worte auf Arabisch. Einen Schweizer Dialekt bemühte er nicht.

Das war auch nicht mehr notwendig, denn die Delegierten wählten den 45-Jährigen im zweiten Wahlgang zum Nachfolger des zurückgetretenen und für alle Fußball-Ämter von der Fifa-Ethikkommission gesperrten Sepp Blatter. Infantino erhielt 115 der 207 Stimmen, und er setzte sich gegen den favorisierten Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa durch. Infantino, bisher Uefa-Generalsekretär, hatte auch die Unterstützung der DFB-Delegation. Entsprechend reagierte der deutsche Verband. "Wir sind froh und erleichtert, dass Gianni Infantino gewonnen hat und der europäische Fußball weiter starken Einfluss nehmen kann", stellte DFB-Interimspräsident Rainer Koch fest.

Schweizer entschloss sich erst spät

Der Schweizer hatte sich erst spät zur Kandidatur entschlossen, weil Uefa-Präsident Michel Platini wie Blatter gesperrt worden war. Die beiden waren über eine undurchsichtige Zahlung der Fifa an Platini gestolpert. Der Franzose Platini galt lange als aussichtsreicher Bewerber um das Präsidenten-Amt.

Ob sich Infantino über den Beifall seines Vorgängers freut, kann nicht abschließend beantwortet werden. Aber Blatter hält ihn für einen "würdigen Nachfolger". Der neue Chef des Fußball-Weltverbandes habe "alle Qualitäten, meine Arbeit fortzusetzen und die Fifa wieder zu stabilisieren", sagte der gesperrte Top-Funktionär. Diese Einschätzung sorgt nicht überall für ungeteilte Begeisterung. "Das Problem der Fifa bleibt fundamental, solange die alten Strukturen weiterwirken und die Zöglinge des bisherigen Systems die Geschäfte übernehmen", sagte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) unserer Redaktion.

Ein Paket an Reformen

Einen ersten Beitrag zur Änderung der alten Strukturen leistete der Wahl-Kongress vor der Inthronisierung des Schweizers. Er beschloss ein Paket an Reformen. Wichtigster Bestandteil: Der Präsident wird entmachtet, er wird zur repräsentativen Figur. Das operative Geschäft übernimmt der Generalsekretär, dessen Rolle aufgewertet wird. Er wird in Zukunft vom sogenannten "Council" ernannt. Dieser Rat ersetzt das Exekutivkomitee als Regierung des Weltfußballs. Ihm gehören 36 Mitglieder an, im Exekutivkomitee saßen bislang 24 Delegierte - unter ihnen der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Die Altmänner-Riege der Fifa gibt sich sogar eine Frauenquote. Sechs Frauen gehören zwingend dem Rat an - für jeden Kontinentalverband eine. Wie bisher aber entsenden die Kontinentalverbände ihre Abgeordneten in den Rat.

Sie sollen sich einem Eignungs- und Integritätscheck unterziehen. Das gilt allerdings nur für neue Mitglieder des Rats, die verbliebenen Funktionäre sind davon befreit. Das sehen selbst der Fifa eng verbundene Experten kritisch. "Die Fifa ist mit Sicherheit noch nicht fertig mit den Reformen. Was beschlossen wurde, ist okay, es gibt aber noch Verbesserungsbedarf", sagte der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer der Fifa-Ethikkommission, Hans-Joachim Eckert (München), der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "die Frage ist, wer wird darauf achten, dass die Reformen umgesetzt werden?" Darauf konnte der Kongress keine Antwort geben.

Politische Instanz der Fifa 

Bereits im neuen System sind möglicherweise Probleme angelegt. So soll der Rat nicht mehr ins operative Geschäft regieren, sondern allein die politische Instanz der Fifa bilden. Aber weil er den Generalsekretär ernennt, hat er natürlich indirekten Einfluss auf die Geschäfte.

Infantino wird den neuen Generalsekretär vorschlagen, damit aber endet seine Beteiligung am Geschäft. Kollegen aus der Sportpolitik halten ihn gerade deshalb für den geeigneten Repräsentanten des Verbands, der aus seiner größten Glaubwürdigkeitskrise geführt werden muss. IOC-Präsident Thomas Bach erwartet vom neuen Fifa-Chef eine "gute und konstruktive Zusammenarbeit im Sinne des Sports".

Infantino muss es in erster Linie darum gehen, den Weltverband aus dem Gestrüpp der Korruption zu führen, das sein Vorgänger Blatter geradezu etabliert hatte. US-Behörden haben in den vergangenen Monaten seit dem Fifa-Kongress Ende Mai 2015 dieses System Zug um Zug aufgedeckt und zahlreiche Spitzenfunktionäre vor Gericht oder bereits hinter Gitter gebracht. Im öffentlichen Ansehen gilt die Fifa längst als hochkorruptes Gebilde. Und der Ansehensverlust hat den Weltverband nun sogar Geld gekostet. Die Großsponsoren Sony und Emirates verlängerten ihre Verträge nicht, die deutsche Continental und die BP-Tochter Castro gingen auf Distanz. McDonald's nannte die Entwicklungen "besorgniserregend". Auch deshalb klafft in der Kasse erstmals seit Jahren ein dickes Loch. Finanzdirektor Markus Kattner erklärte, bis 2018 werde der Verband gegenüber den Schätzungen von 2014 ein Defizit von einer halben Milliarde Dollar erwirtschaften. Die Rücklagen aus der WM 2014 würden um ein Drittel gemindert.

Immerhin begrüßte der Sportartikelhersteller Adidas, ebenfalls ein wichtiger Fifa-Geschäftspartner, Infantinos Wahl als richtiges Zeichen. Und der Schweizer versprach artig: "Ich will nun der Präsident aller 209 Mitgliedsverbände sein. Gemeinsam werden wir den Ruf der Fifa und die Achtung vor der Fifa wieder herstellen." "Das war ein guter Tag für die Fifa", erklärte Wolfgang Niersbach. "Schau'n mer mal", hätte einer seiner Vorgänger im Exekutivkomitee gesagt - ein gewisser Franz Beckenbauer.

Quelle: RP
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