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Edel-Joker rettet AS Rom
Francesco Totti – ein letzter Moment für Fußball-Romantiker?

Fotos: Edel-Joker Totti rettet die Roma
Fotos: Edel-Joker Totti rettet die Roma FOTO: dpa, drn mr
Rom/Düsseldorf. Mit seinen 39 Jahren war Francesco Totti, Vereinsikone des AS Rom, schon auf dem Abstellgleis. Mittlerweile darf er immerhin wieder den Edel-Joker spielen – und sorgte bei dieser Aufgabe am Mittwochabend für einen märchenhaften Gänsehautmoment. Von Antje Rehse

Marode, halbleere Stadien, überalterte Stars und mit Juventus Turin eine alte Dame, die als einziger italienischer Klub noch im Konzert der Großen im Europapokal eine mal mehr, mal weniger gewichtige Rolle spielt. Die einst so glamoröse Serie A hat schon lange ihren Glanz verloren. In Deutschland wird Italiens höchste Spielklasse, der Sat.1 in den Neunzigern noch die eigene Rubrik "ranissimo" widmete, nur noch als Randnotiz wahrgenommen. Und doch gibt es sie noch immer. Diese Momente, in denen der italienische Fußball für die ganz große Romantik sorgt.

Am Mittwochabend war wieder so ein Moment. Francesco Totti, bei dem der Zusatz "Vereinsikone" nicht annähernd ausreicht, um zu umschreiben, welchen Status er bei den Fans des AS Rom genießt, wurde im Spiel der Roma gegen den FC Turin wieder einmal zum Helden. Der mittlerweile 39 Jahre alte Weltmeister von 2006 schmorte zunächst 85 Minuten auf der Bank, kam beim Stand von 1:2 aus Sicht der Römer doch noch ins Spiel und drehte die Partie mit einem Doppelpack quasi im Alleingang. Erst bugsierte er wenige Sekunden nach seiner Einwechslung mit seinem lang ausgestreckten Bein den Ball nach einer Freistoß-Flanke ins Tor (86.), dann verwandelte er einen Handelfmeter (89.) zum 3:2-Endstand.

"Dieser Doppelpack ist ein wunderschönes Gefühl." Das waren die einzigen Worte, die Totti an diesem Abend an die Journalisten richtete. Sein Trainer Luciano Spalletti war deutlich gesprächiger. "Ein wunderschönes Finale dieser Partie, von Diamenten besetzt", sagte der 57-Jährige in der gewohnt blumigen italienischen Sprache. Vielleicht sei Totti etwas zu spät ins Spiel gekommen, gab Spalletti zu. "Aber dann hat er sofort ein Tor gemacht, wie nur er es machen kann."

Totti erzielt 300. Tor für die Roma FOTO: dpa, tem mr

Zoff zwischen Totti und Spalletti

Die Beziehung zwischen dem Trainer und seinem Kapitän, der als 17-Jähriger sein Serie-A-Debüt bei der Roma gab und nie für einen anderen Verein gespielt hat, ist allerdings nicht so gut, wie es Spallettis Worte vermuten lassen. "Ich kann nicht so aufhören. Ich verlange Respekt für das, was ich in all den Jahren für diesen Verein geleistet habe", hatte Totti im Februar gesagt, als Spalletti ihn noch nicht mal mehr auf die Bank, sondern gar auf die Tribüne gesetzt hatte. Spalletti konterte: "Ich trainiere die Roma, nicht Francesco Totti."

Am vergangenen Sonntag soll es zwischen den beiden Protagonisten im Kabinentrakt des Stadions von Atalanta Bergamo zu einem lautstarken Streit gekommen sein. Wenige Minuten zuvor hatte Totti schon da als Joker getroffen und dem Hauptstadt-Klub beim 3:3 einen Punkt gerettet. Im Interview nach dem Spiel sprach Spalletti aber weniger über den Beitrag von Totti zum Punktgewinn als über die Probleme von Edin Dzeko. Der Bosnier, so Spalletti, leide unter dem von Fans und Medien konstruierten Duell mit dem ewigen Kapitän. Immerhin: Zu Handgreiflichkeiten zwischen Spalletti und Totti soll es nicht gekommen sein.

Gegen Turin setzte der Roma-Coach beide auf die Bank: den zuletzt glücklosen Ex-Bundesliga-Profi Dzeko und Edel-Joker Totti. Als in der zweiten Halbzeit – zu diesem Zeitpunkt stand es 0:1 – zuerst Dzeko eingewechselt wurde, gab es ein gellendes Pfeifkonzert. "In dem Moment, in dem ich Totti brauche, bringe ich ihn. Wenn ich ihn nicht brauche, dann nicht", sagte Spalletti nach dem Spiel. In der 86. Minute brauchte er Totti.

Hängt Totti noch ein Jahr dran?

Dank des Doppelpack ihrer lebenden Legende festigten die Römer Platz drei in der Liga, der zur Qualifikation zur Champions League berechtigt. Sieben Punkte liegt die Roma vier Spieltage vor Saisonende vor dem Viertplatzierten Inter Mailand, der parallel beim FC Genua verlor. Viel sollte da nicht mehr anbrennen.

Ob in der Qualifikation für die Königklasse in der kommenden Saison auch Totti mitwirken wird, ist noch offen. Der Vertrag des Kapitäns läuft aus. Spalletti lässt die Tifosi aber hoffen. "Wenn er weiter Fußballer sein möchte, bin ich der Erste, der sich darüber freut", sagte der Coach. "Man merkt, dass er sich einfach am wohlsten fühlt, wenn er den Duft des Rasens riecht. Dann funkeln seine Augen. Im Training hängt er sich rein, wie nie zuvor. Man sieht, dass Francesco noch nicht genug davon hat." Gut möglich also, dass es auch in der nächsten Saison den ein oder anderen Moment für Fußball-Romantiker geben wird.

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