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Langjähriger Fifa-Präsident
Joao Havelange gestorben

Joao Havelange ist tot: Langjähriger Fifa-Präsident stirbt mit 100
Joao Havelange wurde 100 Jahre alt. FOTO: dpa, Alessandro Della Bella
Rio de Janeiro . Der langjährige Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, Joao Havelange, ist laut übereinstimmender Medienberichte in Brasilien am Dienstag im Alter von 100 Jahren gestorben.

Joao Havelange ahnte nicht, dass es seine letzte große Rede auf der Weltsportbühne sein würde. "Ich lade Sie alle ein, 2016 mit mir zusammen zu sein, in meiner Stadt, in einem neuen Brasilien, zu meinem 100. Geburtstag", rief der ehemalige Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa 2009 zum Abschluss seines flammenden Plädoyers für den Olympia-Kandidaten Rio de Janeiro.

Sein Traum wurde Wirklichkeit. Aber in der letzten Woche der Olympischen Spiele in Rio, am Dienstag, verstarb der Mann, der 24 Jahre lang als Fifa-Boss amtiert hatte, im Krankenhaus Samaritano im Stadtteil Botafogo. Es starb einer der umstrittensten Sportführer der Welt, der am 8. Mai sein 100. Lebensjahr vollendet hatte.

Sein Sport-Lebenswerk hat in den letzten Jahre tiefe Risse bekommen. Im Juni 2012 veröffentlichte Dokumente bestätigten, was viele geahnt und Eingeweihte in der Fifa-Spitze, der er selbst von 1974 bis 1998 als Präsident angehörte, gewusst und lange vertuscht hatten: Beim Aufbau des spröden Verbandes zum florierenden Milliarden-Unternehmen hatte er kräftig mitkassiert und mitkassieren lassen. Bei vielen lukrativen Verträgen wie der Vergabe von Übertragungsrechten an die 2001 pleitegegangene Vermarktungsagentur ISL.

Dennoch würdigte sein später gesperrter Nachfolger Joseph S. Blatter (Schweiz) den Südamerikaner am Dienstag als einen Visionär. "Der Name Havelange wird immer mit der Entwicklung des Fußballs gleichgesetzt bleiben, (...) die den Fußball zur unbestrittenen Integrationskraft, zum führenden Sport im sozialen und gesellschaftlichen Angelegenheiten gemacht hat - mit allen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen", erklärte Blatter in einer an mehrere Nachrichtenagenturen versandten Mitteilung: "Er hatte", führte Blatter über seinen ehemaligen Mentor weiter aus, "eine Vision im Kopf, aus dem Fußball ein globales Spiel zu machen. Sein Slogan war: 'Der Fußball ist eine universelle Sprache' - und er sollte Recht behalten."

"Brachte Fußball in alle Ecken der Welt"

Für den heutigen Fifa-Boss Gianni Infantino (Schweiz) muss die Fußball-Welt Havelange "dankbar sein". Aus Infantinos Sicht ist der Fußball in der Ära Havelange "ein wirklich globales Spiel geworden, indem neue Gebiete erreicht wurden und Fußball in alle Ecken der Welt gebracht wurde".

Wegen Schmiergeld-Zahlungen hatte als Erstes das Internationale Olympische Komitee (IOC) gegen den Ex-Präsidenten des brasilianischen Olympia- und Fußballverbandes (1956 bis 1974) ermittelt. Im Dezember 2011 trat Havelange, als Schwimmer 1936 und Wasserballer 1952 selbst Olympiastarter, nach 48 Jahren als IOC-Mitglied "aus gesundheitlichen Gründen" zurück und kam damit seinem Rauswurf zuvor. Am 18. April 2013 legte der Anwalt und Unternehmer dann seinen Titel als Fifa-Ehrenpräsident ab.

Die Distanz des IOC zu Havelange wurde bei den laufenden Sommerspielen in Rio durch eine dürre Erklärung deutlich. "Unsere Gedanken sind in dieser traurigen Zeit bei seiner Familie und seinen geliebten Menschen", sagte ein IOC-Sprecher. Immerhin gab das IOC einem Antrag des lokalen Organisationskomitees statt, die brasilianische Flagge zu Havelanges Gedenken am Dienstag an allen Olympia-Wettkampfstätten auf halbmast zu setzen.

Ungeachtet aller Kritik hatte Jean-Marie Faustin Godefroid Havelange, Sohn eines belgischen Waffenhändlers, den Weltverband entstaubt, modernisiert, für viele neue Länder geöffnet, aber auch zu seinem persönlichen Werkzeug gemacht. "Was ich bei der Fifa geschafft habe, war, die ganze Welt in sie hineinzubringen", sagte der stets aristokratisch auftretende Patriarch. Schon seine hünenhafte Gestalt und sein donnernder Bass waren respekteinflößend.

Am Vorabend der WM 1974 mit den Stimmen der damaligen Fußball-Exoten aus Afrika und Asien zum Präsidenten gewählt, sah er bei der Endrunde in Deutschland 13 Europäer und Südamerikaner, aber nur drei Turnierteams aus dem Rest der Welt. Unter seiner Hand traten 50 neue Verbände der Fifa bei, die heute 211 Mitglieder hat - mehr als die Vereinten Nationen.

Die globale Vermarktung der Ware Fußball begann. Das Feld bei WM-Turnieren wurde von 16 auf 32 Starter aufgestockt. Junioren, Frauen und Hallenfußballer bekamen ihre eigenen Weltmeisterschaften. Die Vergabe von Marketing- und TV-Rechten füll(t)en den Geldspeicher am Fifa-Sitz auf dem Zürcher Sonnenberg, wo er bei Amtsantritt gerade mal zwölf Angestellte vorgefunden hatte.

Aber mit den ersten Aufträgen an die Vermarktungsfirma ISL wurden auch Tür und Tor für Korruption und Bestechung weit aufgestoßen. Schmiergeld floss, darunter dokumentierte 1,5 Millionen Schweizer Franken an Havelange. Weiteres Ungemach droht, denn auch das FBI hat im Zuge seiner laufenden Ermittlungen im Fifa-Korruptionsskandal den Jubilar ins Auge gefasst.

Havelanges Nachfolger Joseph S. Blatter (Schweiz/80), als Generalsekretär viele Jahre die rechte Hand des Brasilianers, wurde von der Ethikkommission gesperrt. Die Fifa steckt auch unter dem neuen Fifa-Präsident Gianni Infantino immer noch in schweren Turbulenzen. Havelange, der seit Juli aufgrund einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag, musste mit ansehen, wie der Weltverband immer mehr Reputation einbüßte - wobei er höchstselbst die Entwicklung eingeleitet hatte.

(sid)
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