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Joao Havelange
Die umstrittene Fifa-Eminenz wird 100

Joao Havelange: Umstrittener Fifa-Eminenz wird 100 Jahre alt
Joao Havelange FOTO: dpa, bu jh hak hpl
24 Jahre war Joao Havelange Fifa-Chef, unter ihm wurde die WM immer größer, der Weltverband zum Weltkonzern. Aber auch er steht im Ruch der Korruption - nun wird er 100, und darf sich freuen, dass bei den Olympischen Spielen in Rio das wichtigste Stadion seinen Namen trägt.

100 Jahre sind ein fast biblisches Alter, und dann auch noch so eine Karriere. Aber die Schatten lasten schwer auf dem Ex-Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa, Joao Havelange (1974-1998). Es gab heftige Debatten, ob das Leichtathletikstadion der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wirklich seinen Namen tragen soll. Aber ob er es besuchen wird im August? Schon zur Fußball-WM in Brasilien machte er sich rar, er hat sich ziemlich zurückgezogen.

Zum epochalen Fifa-Skandal hält er sich öffentlich bedeckt. Und geht lieber seinen Traditionen nach, etwa den Essen an Wochenenden mit der Familie im Country Club in Rio de Janeiros Strandviertel Ipanema. Fit gehalten hat er sich mit seiner großen Leidenschaft, dem Schwimmen.

Am 8. Mai 1916 wurde er geboren, da war die Fifa gerade erst elf Jahre alt. Zur Feier des 100. muss Havelange aber auf früher sicherlich nach Brasilien gereiste Ehrengäste verzichten. Selbst sein Ziehsohn Sepp Blatter kommt laut Medienangaben nicht.

Korruption bei WM-Vergaben FOTO: ap

Die Fifa schickt Direktor Walter Gagg, der unter Havelange schon gearbeitet hat, zu den Feierlichkeiten nach Rio. Der neue Präsident Gianni Infantino lässt sich entschuldigen, weil zeitgleich der Fifa-Kongress in Mexiko-Stadt vorbereitet werden muss. Manchmal können zeitliche Unpässlichkeiten auch ganz gut zupass kommen.

Denn an João Havelange scheiden sich die Geister. Einerseits wuchs in seiner Amtszeit die Fifa zum Weltkonzern, der heute mit dem Geschäft Fußball Milliarden umsetzt. Anderseits steht auch er im Ruch der Korruption. Die bankrotte Sportmarketing-Firma ISL soll rund 100 Millionen Dollar in den 1990er-Jahren an hochrangige Funktionäre gezahlt haben, unter ihnen Havelange. Als Gegenleistung wurden der ISL lukrative TV- und Vermarktungsrechte zugeschanzt. Blatter war unter Havelange Fifa-Generalsekretär und wurde von ihm gefördert.

Die Wettkampfstätten von Rio FOTO: dpa, mr nic wok nic

Aber über den Skandal ist so manche Freundschaft und geschäftliche Beziehung zerbrochen. Havelange gab schon 2013 seinen Titel als Ehrenpräsident der Fifa ab. In einem angeblich von ihm stammenden Brief soll er Blatter vorgeworfen haben, von allen Entwicklungen rund um die ISL im Bilde gewesen zu sein. Der "Spiegel" schrieb mal, dass sich die Vita Havelanges lese wie "eine gegen Skrupel weitgehend immune Chronique scandaleuse". Er gilt als Meister des Stimmengeschachers.

Er protegierte Ricardo Teixeira, bis 1997 sein Schwiegersohn und bis 2012 skandalumwitterter Chef von Brasiliens Fußballverbandes. Auch er soll tief verstrickt sein in den ISL-Skandal. Mit Pelé überwarf sich Havelange, weil der die Korruption in Brasiliens Fußball anprangerte.

Die Fehde ging soweit, dass ihm Havelange angeblich die Einladung zur Gruppenauslosung für die WM 1994 in den USA entzog. Der als autoritär geltende Havelange war bis zum Rückzug 1998 auch das älteste IOC-Mitglied. Zweimal nahm er selbst an Olympia teil, als Schwimmer 1936 in Berlin und als Wasserballer 1952 in Helsinki.

Immer wieder gab es Kritik, dass Havelange mit diktatorischen Regimes kooperiere. In seine Amtszeit fiel die weltweit heftig kritisierte Fußball-WM 1978, als in Argentinien eine brutale Militär-Diktatur herrschte. Er förderte zugleich den Fußball in Entwicklungsländern. Die Aufstockung der Fußball-WM von 16 auf zunächst 24 und dann von 1998 an auf 32 Nationen steigerte die Einnahmen massiv.

"Als ich ankam, fand ich ein altes Haus und 20 Dollar in der Kasse. Als ich 24 Jahre später ging, hinterließ ich Eigentum und Verträge im Wert von vier Milliarden Dollar", sagte Havelange mal über sein Wirken an der Fifa-Spitze. Zu seinem Amtsantritt hatte die Fifa-Zentrale gerade mal 12 feste Mitarbeiter; als er ging, waren es laut Fifa rund zehnmal so viele.

Gerne hätte er Brasilien bei der WM im eigenen Land siegen gesehen. Er war selbst Zeuge, als sich bei der bis dato letzten WM daheim - am 16. Juli 1950 - mit der Niederlage gegen Uruguay eine sportliche Tragödie im Maracanã ereignete. Aber das 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland 2014 wird als nicht mindere Schmach angesehen. Doch wer weiß: Vielleicht bereitet ihm die Olympia-Mannschaft um Superstar Neymar mit dem ersten olympischen Fußball-Gold Brasiliens ja ein nachträgliches Geschenk.

(dpa)
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