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Johan Cruyff ist tot
Unvergessen, aber unvollendet

Pressestimmen: "Mes que un Erlöser"
Pressestimmen: "Mes que un Erlöser" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO
Düsseldorf. Johan Cruyff starb mit 68 an Lungenkrebs. Er war einer der Superstars der 70er Jahre, aber die Krönung blieb ihm verwehrt – im WM-Finale 1974 in Deutschland. Von Georg Winters

Es gibt Trikotnummern, die verbindet man auf ewig mit einem Träger. Die 99 beispielsweise steht für die Eishockey-Legende Wayne Gretzky, die 23 für Michael "Air" Jordan, den vermutlich besten Basketballer aller Zeiten. Über die 7 mag man streiten, aber keiner trägt sie so plakativ wie Cristiano Ronaldo alias CR7. Über die 14 kann man nicht streiten. Sie gehört allein Johan Cruyff, der einen Monat vor seinem 69. Geburtstag einem Lungenkrebs-Leiden erlegen ist  - "friedlich im Kreise seiner Familie", heißt es. Die Erkrankung war im Oktober 2015 festgestellt worden.

Die 14 sperrte der niederländische Verband zu Cruyffs 60. Geburtstag und setzte seinem prominentesten Vertreter so ein Denkmal. Cruyff war der größte Fußballer, den die Niederlande hervorgebracht haben. Keiner hat die große Zeit von Ajax Amsterdam zu Beginn der 70er Jahre so geprägt wie er, keiner war als Spieler und Trainer gleichermaßen so erfolgreich. Er war in seinem Heimatland und in Spanien Meister und Pokalsieger, er gewann als Spieler und Trainer den Europapokal der Landesmeister, den Vorläufer der Champions League. Nur das, was jeder Spieler  als Krönung seiner Karriere begreift, blieb ihm verwehrt  - der WM-Titel.

Fotos: Bilder aus dem Leben von Johan Cruyff FOTO: dpa, lf cmm pt

1974 war er so nahe dran, im Endspiel von München gegen die Bundesrepublik.  Am Ende verloren Cruyff und Co., obwohl sie die bessere Mannschaft waren. Sie scheiterten an ihrer eigenen Arroganz, und am Ende titelte irgendjemand seine WM-Nachbetrachtung mit dem passenden Vergleich: "Kaiser Franz und König Johann".

Die Fußball-Welt trauert um Cruyff

Beckenbauer war auf dem Thron, Cruyff ein geschlagener Monarch. Und den Deutschen gelang die Revanche für die schmähliche Europacup-Niederlage der Bayern ein Jahr zuvor, als die beste Vereinsmannnschaft Europas aus dem kleinen Nachbarland im Westen den deutschen Meister geradezu demütigte. Noch heute diskutieren ältere Zeitgenossen  darüber, wer in der Nach-Pele-Ära der Größte auf dem Globus war – Beckenbauer oder Cruyff? "Johan war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister", hat der Kaiser mal gesagt. Ein schwacher Trost.

Den Mann aus Amsterdam auf eine Position zu verorten, wird dem Genius des Niederländers nicht gerecht. Er war Stratege, Spielmacher, Ballschlepper und Torjäger in einer Person. Ein englischer Journalist hat ihn wegen der Präzision seines Passspiels einmal als  "Pythagoras des Fußballs" bezeichnet.  Seine Rolle auf dem Spielfeld passt zu einem Charakter, für den Unterordnung ein Fremdwort  war.

Er hatte alle Freiheiten im System des "Voetbal total", den die Niederländer in den 70er Jahren prägten, in dem alle angriffen und alle verteidigten. Er wurde bei  Ajax wegen seiner Arroganz zum "Enfant terrible", er rieb sich als Spieler in Barcelona an Trainer Hennes Weisweiler, als Trainer bei den Katalanen an Figuren wie Bernd Schuster. Und  sein Lebenswandel schien bisweilen so gar nicht zu dem eines erfolgsorientierten Sportlers zu passen. Cruyff war Kettenraucher, und manche behaupten, er habe als Aktiver sogar in den Pausen gequarzt. Legendär ist die Geschichte, die niederländische Elftal  habe vor dem Endspiel 1974 eine Orgie mit deutschen Mädchen gefeiert. Ob sie stimmt, weiß niemand.     

Cruyff hat vieles gewonnen, und ihm sind massenweise Ehrungen zuteil geworden. Sogar ein Asteroid ist mal nach ihm benannt worden. In Barcelona, das für ihn zur zweiten Heimat wurde, haben sie ihn sogar zum Nationaltrainer Kataloniens  gemacht. Das Amt konnte er nur nicht antreten, weil der Weltfußballverband Fifa die Eigenständigkeit der Katalanen nicht anerkennen wollte. Das hätte Cruyff einmalig gemacht. So bleibt er als einer der Größten seiner Zunft in Erinnerung – unvollendet.         

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