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Deutscher Trainer Skibbe
Griechenlands Hoffnungsträger und seine schwierige Mission

Fotos: Griechenland verliert bei Skibbe-Debüt in Luxemburg
Fotos: Griechenland verliert bei Skibbe-Debüt in Luxemburg FOTO: dpa, ss hpl
Differdange. Michael Skibbe aus Gelsenkirchen soll den Europameister von 2004 zur Weltmeisterschaft 2018 führen. Wie schwer die Mission ist, unterstrich der Auftakt des Trainers. Sein Team verlor in Luxemburg, dem 146. der Weltrangliste. Von Patrick Scherer

Der dritte Kreisverkehr innerhalb weniger hundert Meter, dann weist ein kleines Schild mit schwarz-weißem Fußball endlich den Weg zum Stade Municipal. Doch nur ein Hobbymarkt mit urigen Holzbuden ist in der schmalen Gasse zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass in der Nähe in knapp drei Stunden ein Länderspiel stattfinden wird. Durch das Beifahrerfenster erklärt ein Einheimischer in deutscher Sprache mit dem liebenswürdig klingenden luxemburgischen Dialekt: "Hinter den Holzbuden steht ein Schwenkgrill, da müssen Sie rechts."

Hinter dem Schwenkgrill rechts beginnt sie also, die Mission von Michael Skibbe. Der 50-jährige Gelsenkirchener soll die griechische Nationalmannschaft als Trainer zur WM 2018 in Russland führen. Von der Schwere dieser Aufgabe darf sich Skibbe bei seiner Premiere am Freitag unweit des Schwenkgrills in Luxemburg überzeugen. Sein Team unterliegt dem 146. der Weltrangliste im Testspiel mit 0:1 durch ein Tor in der Nachspielzeit. In den acht Vergleichen zuvor hatte Luxemburg nicht einen Punkt erringen können.

Es ist ein trister Nachmittag in Oberkorn, einem 3000 Seelen zählenden Ort der luxemburgischen Gemeinde Differdange. 1894 Fußballinteressierte besuchen das Testspiel bei leichtem Nieselregen. Während der Partie fahren Regionalzüge wenige Meter hinter einem der Tore vorbei. Die Tribüne umfasst 16 Sitzplatzreihen - Amateur-Sportplatz-Feeling beim Länderspiel. Skibbes bis dahin letzter Auftritt als Nationaltrainer bot hochtrabendere Begleitumstände, liegt aber bereits über elf Jahre zurück: Zusammen mit Teamchef Rudi Völler betreute er im Jahr 2004 die deutsche Auswahl bei der EM in Portugal. Das 1:2 gegen Tschechien vor 46.800 Zuschauern in Lissabon bedeutete das Aus in der Vorrunde und das Ende für Skibbe und Völler.

Wirklich sesshaft wurde Skibbe anschließend nirgends. Nach neun Trainerstationen bei Klubs in Deutschland, der Türkei und der Schweiz - die längste zwischen 2005 und 2008 in Leverkusen - ist der Ex- Profi von Schalke 04 nun wieder auf der Bank einer Länderauswahl gelandet. Griechenland und Skibbe - zwei etwas von der Bildfläche des ganz großen Fußballs Verschwundene haben zusammengefunden und planen, furios zurückzukehren.

Es dürfte alles andere als einfach werden. Die Griechen sind mit den Trainern Claudio Ranieri aus Italien und Sergio Markarián aus Uruguay grandios an der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 gescheitert. Negative Höhepunkte: Zwei Niederlagen gegen die Färöer, hinter denen die Griechen schlussendlich Letzter der Gruppe F wurden. Nun soll Skibbe den Wiederaufbau anführen. Ein Deutscher. Unweigerlich führt dieser Umstand zur Erinnerung an 2004. Als Skibbe mit Deutschland ausschied, sorgte ein anderer deutscher Trainer für eines der verrücktesten, wahrgewordenen Märchen der Fußball-Historie: Mit altbackener Defensivtaktik führte Otto Rehhagel Griechenland zum Europameisterschaftstitel.

Dieser Triumph ist für Skibbe Last und Bonus zugleich. "Der Druck ist groß, die griechischen Fußballfans erwarten von Skibbe, dass er unser Land zur WM führt", sagt ein griechischer Journalist, die nicht sehr zahlreich nach Luxemburg gereist sind. Warum, erklärt einer der auskunftsfreudigen Kollegen: Seit Bestehen des griechischen Fußballverbandes durften die Journalisten mit der Chartermaschine der Nationalelf durch die Welt reisen. Skibbe hat mit dieser Tradition gebrochen. Die Freude darüber hält sich bei den Pressevertretern in Grenzen. Eine eigenständige Anreise ist vielen Verlagen und Sendern zu teuer. So überträgt kein griechischer TV-Sender das Spiel aus Luxemburg.

Die politischen Spannungen zwischen Griechenland und Deutschland in der jüngeren Vergangenheit spielen laut den mitgereisten Journalisten keine Rolle: "Politik ist Politik, Sport ist Sport. Im Sport denken wir bei Deutschland an Otto. Otto ist top." Die deutschen Vorschusslorbeeren muss Skibbe nun bestätigen. Zuletzt schien es, als sei die Leidenschaft der griechischen Kicker, sich lange, modische Bärte wachsen zu lassen, größer als der Wille, leidenschaftlich Fußball zu spielen.

Nach der Niederlage spricht Skibbe von einer "psychischen Blockade" bei seinen Spielern. Dabei sind es gestandene, in der Champions League erprobte Akteure, wie der Leverkusener Kyriakos Papadopoulos oder der etwa 8,5 Millionen Euro schwere Mittelstürmer Konstantinos Mitroglou von Benfica Lissabon, die sich in 90 Minuten mehrfach plump von den Luxemburgern übertölpeln lassen. So sagt Skibbe, was neue Trainer in solchen Situationen sagen: "Ich weiß, dass es ein langer Weg wird." Konkretere Ansätze, wie dieser Weg aussehen wird, bekommen die kritisch dreinblickenden Journalisten auch auf mehrmaliges Nachfragen beim stoisch agierenden Übersetzer nicht.

Es ist kurz nach 22 Uhr, als der Bus mit der griechischen Mannschaft am noch leicht lodernden Schwenkgrill links abbiegt. Nächster Halt auf dem langen Weg: Basaksehir, Türkei. Vom Kollegen Fatih Terim könnte sich Skibbe am Dienstag Tipps geben lassen. Die Türkei hat sich nach drei verpassten WM- und EM-Endrunden für Frankreich 2016 qualifiziert.

Quelle: RP
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