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Blatter von Ethikkommission gestürzt
Die im Dunkeln sieht man doch

Fotos: Sepp Blatter: 17 Jahre an der Spitze der Fifa
Fotos: Sepp Blatter: 17 Jahre an der Spitze der Fifa FOTO: dapd, Alessandro Della Bella
Düsseldorf. Das System Sepp Blatter lief beim Weltverband Fifa über Jahre wie geschmiert. Ausgerechnet die von ihm installierte Ethikkommission hat ihn nun gestürzt. Von Gianni Costa

In seiner grenzenlosen Güte hat Sepp Blatter natürlich immer nur das Beste gewollt. Zumindest in der ihm eigenen Interpretation der Sachlage. "Weil ich die Fifa und den Fußball liebe" – mit diesen Worten hatte Blatter am 2. Juni seinen Rücktritt angekündigt. Ein Nachfolger sollte am 26. Februar gewählt werden. Der 79-Jährige wollte am Ende als Reformer, als Retter abtreten, als der, ohne den es beim Weltfußballverband einfach nicht geht. Niemand hat ihm geglaubt, dass er tatsächlich irgendwann einmal freiwillig abtreten würde. Er selbst vermutlich am allerwenigsten. Blatter ist die Fifa.

Es gibt da diesen Satz von Sepp Blatter. Er hat ihn 1998 vor der Fußball-WM in Frankreich gesagt: "23 Jahre bei der Fifa sind genug", verkündete er. Damals war er Generalsekretär des Weltverbandes. "Ich strebe nicht die Nachfolge von Joao Havelange als Präsident der Fifa an." Ein paar Monate später hat es sich der Schweizer offensichtlich anders überlegt. 17 Jahre und zahlreiche Skandale später ist er nun vorerst gestoppt worden. Ironischerweise ausgerechnet von der sogenannten Ethikkommission des Verbands unter Vorsitz des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert. Eine Einheit, die von Blatter über Jahre gezielt eingesetzt wurde, um nach außen zu zeigen, dass man intern bei Verstößen schon angemessen aufräumen würde.

Pressestimmen: "Das Spiel ist aus" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Es ist tatsächlich zu allerlei Schauprozessen gekommen. Blatter selbst ist freilich niemals zu seinen Verflechtungen auf der dunklen Seite der Macht befragt worden. Es hat schon lange ausreichende Indizien gegeben. Er hat einfach alles weggelächelt. Andere wurden angeklagt und aus der ehrenwerten Fußballfamilie verbannt. Seit Blatter angekündigt hatte, doch noch für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen, tobte hinter den Kulissen ein schmutziger Machtkampf. Jeder gegen jeden.

"Man kann mich nicht bremsen"

Blatter ist in Visp, im Schweizer Kanton Wallis geboren. Von 1948 bis 1971 hat er in der höchsten Amateurliga der Eidgenossen gespielt. Er sei ein zäher Hund gewesen. "Ich bin eine Walliser Berggeiß, die immer läuft und läuft und läuft. Man kann mich nicht bremsen. Ich gehe immer weiter", hat er einmal der "NZZ" verraten. Er hat dieses Bild nicht zum ersten Mal benutzt. Der Vergleich aus der alpinen Tierwelt hat es ihm offenbar angetan. Er soll seine Beharrlichkeit veranschaulichen. Sowieso dieses Wallis: Es heißt, die Walliser müssen sich seit jeher gegen die Deutsch-Schweizer, gegen die Frankophonen und gegen die Italiener wehren. Wer zu Blatters Jugendzeit dort überleben wollte, musste mit bescheidenen Mitteln auskommen.

Vor 37 Jahren beginnt die Karriere des einstigen Journalisten bei der Fifa. Er kümmert sich um die Entwicklungsprogramme und initiiert Turniere für Junioren und Frauen. Für ihn zahlt sich das schnell aus. Er knüpft Verbindungen. Zunächst an der Basis, bei den zahlreichen untergeordneten Funktionären der Mitgliedsverbände. Manche sind mit ihm gemeinsam aufgestiegen. Aber niemand so hoch wie er. Nach sechs Jahren in Diensten der Fifa wird er ihr Generalsekretär. Schon da ist er der mächtige Strippenzieher. Er bestimmt die Politik des Verbandes. Er hat das Einmaleins des Machterhalts schnell gelernt und mit den Jahren bis zur Perfektion verfeinert.

Fragen und Antworten zur Blatter-Suspendierung

Als Generalsekretär ist er bereits im Zentrum der Macht. Aber er will ganz nach oben. Seine Seilschaften tragen ihn schließlich ins Amt des Präsidenten. Korruptionsvorwürfe begleiten schon seine erste Wahl 1998. Der englische Autor David Yallop behauptet, dass Blatter 22 Stimmen für je 50.000 US-Dollar gekauft habe. Der somalische Delegierte Farah Addo spricht sogar von 100.000 Dollar. Ein Schweizer Gericht verurteilt ihn dazu, die Aussage nicht zu wiederholen. Widerrufen muss er sie allerdings nicht.

Blatter, der Pate

Nach seiner Wahl 2002 wählt Blatter eine besondere Form der Machtdemonstration. "Ich wurde beschuldigt, was für ein schlechter Mensch ich sei. Aber ihr alle könnt ja nicht so schlecht sein, dass ihr einen schlechten Menschen zum Präsidenten macht. Deshalb sind wir alle gut. Fasst euch an die Hände. Tut es für die Einigkeit des Fußballs. Tut es für den Fußball." Ein paar Hundert Delegierte stehen auf und fassen sich an den Händen. Es ist der Moment, in dem seine Gegner verstanden haben: Der Pate, das ist Blatter. Es ist seine Familie. Seine Organisation. Es ist sein Geschäft. Wer nicht nach seinen Regeln spielen will, wird ausgeschlossen.

Nun darf er selbst (vorerst) nicht mehr mitspielen. Offiziell haben Blatter und der ebenfalls ausgesperrte Uefa-Präsident Michel Platini 90 Tage nicht nur Stadionverbot, sie dürfen sich überhaupt nicht in der Welt des Fußballs blicken lassen. Viele in der Branche glauben allerdings, dass es nach diesen 90 Tagen heißen wird:

Sie sind wieder da.

Quelle: RP
 
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