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Exklusive Erfindung – das Update
Sepp Blatters geheimstes Tagebuch

Fotos: Sepp Blatter: 17 Jahre an der Spitze der Fifa
Fotos: Sepp Blatter: 17 Jahre an der Spitze der Fifa FOTO: dapd, Alessandro Della Bella
Zürich. Warum nur ist der Ehrenamtler Sepp Blatter als Fifa-Präsident zurückgetreten? Wir haben exklusiv Auszüge aus seinem Tagebuch erfunden. Von Sebastian Dalkowski

(Wenn Sie den ersten Teil des extrem geheimen Tagesbuchs schon kennen, lesen Sie hier weiter.)

Dienstag, 26. Mai

Liebes Tagebuch,

wie immer früh aufgewacht. Beim Fahren auf dem Home-Trainer checke ich mein Handy und bin erstaunt über 70 Geburtstagserinnerungen. Ziemlich viele afrikanische und asiatische Namen, von denen ich die wenigsten kenne. Dass die auch alle am selben Tag Geburtstag haben. Aber hinter jedem Namen steht: Geburtstagskarte mit 10.000 Euro schicken. Unbedingt. Seeehr guter Freund. Gerade in Zürich. Na, wenn das sehr gute Freunde sind, ist es meine heilige Pflicht.

Im Büro war heute nicht viel los. Habe ein bisschen am Projekt "WM in Vatikanstadt 2026" gearbeitet. Am Freitag werde ich wiedergewählt. Der einzige Gegenkandidat ist der Prinz von Zamunda. Weiß gar nicht, ob die dort Fußball spielen. Vermutlich viel zu heiß dort. In der Mittagspause kurz mit E.T. telefoniert, wann damit zu rechnen ist, dass sein Planet die erste Nationalmannschaft zur WM schickt. Er sagte, sie spielen dort noch immer mit Libero. Den Rest der Zeit habe ich an meinen Schatz Linda gedacht. Sehe ich sie, fühle ich mich wie ein Teenager. Könnte daran liegen, dass sie 28 Jahre jünger ist.

Und jetzt verrate ich dir ein Geheimnis: Ich habe zwar schon dreimal geheiratet und die letzte Ehe mit dieser Delphintrainerin war ein Debakel, aber ich werde es ein viertes Mal versuchen. Während ich diese schreibe, blicke ich zu meinem Bett und sehe sie dort schlafen. Gleich, nachdem ich meine Milch mit Honig getrunken habe, werde ich mich an sie drücken und an ihren Haaren riechen. Freitag nach meiner Wiederwahl werde ich sie fragen, ob sie meine Frau werden möchte. Ich darf bloß nicht vergessen, die 5000 Rosen zu bestellen und zum Friseur zu gehen. Dann kann gar nichts mehr schiefgehen.

Reaktionen : Merkel: "Wichtige Nachricht für alle Fans"

Mittwoch, 27. Mai

Keine Panik, liebes Tagebuch. Was auch immer du in den Medien gelesen hast – ich sitze fester im Sattel als mein einziger europäischer Freund Wladimir Putin.

Aber der Reihe nach.

Gegen sechs Uhr riss mich mein Handy aus dem Schlaf. 98 Anrufe in Abwesenheit. What the fuck! Fifa-Funktionäre sind hier in Zürich wegen Korruption festgenommen worden und sollen in die USA ausgeliefert werden. Mal unter uns: Wo ist der Skandal? Die Fifa ist neben den Freimaurern die mächtigste Organisation der Welt und hat mehr Geld zu verteilen als die amerikanische Regierung. Da finde ich, dass weniger als ein Dutzend Korruptionsverdächtige geradezu läppisch sind. Ich finde, man sollte uns jährlich 50 Korruptionsfälle straffrei durchgehen lassen. Meine Meinung. Interessiert aber offenbar gerade niemanden. Stattdessen werde ich von diversen irrelevanten Medien und Menschen zum Rücktritt aufgefordert. Ist Stalin zurückgetreten? Ist Mao zurückgetreten? Ist Jesus zurückgetreten? Na also. Nie habe ich irgendwas mitbekommen. Ich schwöre. Sie müssen ihre Geschäfte immer dann gemacht haben, als ich gerade auf Toilette war. Und ein alter Mann wie ich muss ja ständig auf Toilette. Ich bin zwar der König, aber ich bin nicht ihr Vater.

Als ich nach einem langen Tag im Büro nach Hause komme, sitzt meine Linda in der Küche und will wissen, ob ich da irgendwie mit drinhänge.

"Aber Schatz", sage ich, "habe ich mir je etwas zu Schulden kommen lassen?"

"Na ja, du hast mal gesagt, dass Fußballerinnen sich beim Sport femininer anziehen sollen."

"Aber Schatz, ich habe doch 2006 von Deutschland das Bundesverdienstkreuz erhalten. Würde ich das denn bekommen, wenn ich kein anständiger Mensch bin?"

"Natürlich nicht", sagt sie und dann küssen wir uns und so.

Vor lauter Aufregung leider vergessen, 5000 Rosen zu bestellen und Friseurtermin zu machen. Morgen unbedingt dran denken.  

Donnerstag, 28. Mai

Pressestimmen: "Welch herrlicher Tag!" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Nachdem ich weiteren 70 Menschen ziemlich gehaltvolle Geburtskarten geschickt habe, bekomme ich einen rätselhaften Anruf. Der Teufel ist dran und sagt, dass heute die zweite Hälfte meiner Seele fällig sei. Ich lege auf. Als er es noch zwölf Mal versucht, lasse ich seine Nummer sperren. Viele Jahre habe ich den Teufel sehr geschätzt, aber jetzt, wo er mir nichts mehr beibringen kann, hat er für mich jeden Wert verloren. Vielleicht sollte er mal zurücktreten!

Kaum habe ich mit Alf auf Melmac 2 geskyped ("Sorry, Sepp, unsere Jungs kapieren das mit dem Abseits noch immer nicht"), klingelt es an der Tür. Der so genannte Uefa-Chef Michel Platini möchte mit mir sprechen. Ich dachte eigentlich, der laufende Meter hätte Zürich-Verbot. Das Beste kommt ja noch: Er fordert mich auf zurückzutreten. Europa habe kein Vertrauen mehr in mich. Ich zitiere meinen guten Freund Kim Jong Un und werfe ihn raus. Habe ich Platini eigentlich keine Geburtstagskarte geschickt?

Am Nachmittag ziehe ich mit meiner Linda zur Krönungsmesse ein, die sich leider doch nur als Eröffnung des Fifa-Kongresses entpuppt. Auch egal. Alle sind schwer neidisch auf meine bessere Hälfte. Das Luder trägt Netzstrümpfe. Danach halte ich eine phänomenale Rede. Unter anderem sage ich: "Es kann keinen Platz für irgendeine Art von Korruption geben." Die Halle steht geschlossen hinter mir, mal abgesehen von diesen krankhaft eifersüchtigen Europäern. Dabei ist die Uefa doch genauso ein Gutmenschenverein wie die Fifa.

Zum Einschlafen sehe ich mir meine Rede noch mal auf dem Handy an. Denke erst: Wer ist der Alte denn? Dann aber, nachdem ich ihn erkannt habe, spüre ich Liebe. Nur Liebe. Und Stolz. Und Begeisterung. Und Bewunderung. Wie dieser Kerl die Menschen davon überzeugt, dass Fußball das Größte auf der Welt ist, und dass nur er den Fußball retten kann – toll, toll, toll. Sogar ich glaube ihm.

Habe ich jetzt echt vergessen, die Rosen zu bestellen? Okay, gleich nach dem Friseur. Ach Mist, der Kongress geht ja schon morgens los. Muss mir was einfallen lassen. Brauche auch noch eine kleine Rede für Linda. Aber das wird der Sepp schon schaffen. WM 2030 im Garten von Assad.

Freitag, 29. Mai

Es ist alles aus, liebes Tagebuch. Alles. ALLES. Linda, die Liebe meines Lebens, also meines letzten Achtels. Sie hat mich betrogen. Und nicht nur mit irgendwem. Sondern mit IHM. Merkst du, wie meine Hand beim Schreiben zittert?

Der Tag ging schon nicht gut los. Ich rufe beim Teufel an und frage, ob er mir 5000 Rosen besorgen könne. Er sagt, solange ich noch Schulden bei ihm habe, könne er nichts machen. Der Halsabschneider gehört doch hinter Gittern.

Danach sitze ich in diesem elendig langen Fifa-Kongress. So viele alte Männer auf einem Haufen habe ich zuletzt beim Fifa-Kongress im vergangenen Jahr gesehen. Verstehe nicht, warum meine Amtszeit sich nicht einfach von selbst verlängert wie mein "Spiegel"-Abo. Demokratie ist ja schön und gut, man kann es aber auch übertreiben. Während der ganzen Debattiererei denke ich eh nur an meine Linda. Gleich werde ich ihr den Antrag machen. Sie wird feuchte Augen kriegen und dann wird sie "Ja" sagen.

Nach einem halben Tag im Pumakäfig werde ich endlich wiedergewählt… also beinahe. Aus irgendeinem Grund holt der Prinz von Zalando genug Stimmen für einen zweiten Durchgang. Da habe ich der Dritten Welt schon mehrfach aus purer Freundlichkeit die WM gebracht und dann so was. Während ich noch darüber nachdenke, wie ich nach dieser Wahl mit dem Kerl umgehen werde – irgendwas Richtung "Lass es wie einen Unfall aussehen" – erfahre ich, dass er auf eine zweite Runde verzichtet.

Und ich denke noch: Gut, dass auch er meine Alleinherrschaft endlich anerkannt hat. Ich bade ein paar Stunden in dem euphorischen Applaus der Geburtstagskinder und mache mich dann auf die Suche nach meiner zukünftigen Frau.

Liebes Tagebuch, ich möchte es kaum zu Papier bringen. Ich habe ihr kurz zuvor eine SMS geschickt, dass sie um 22 Uhr vorm Eingang auf mich warten soll, in ihrem besten Kleid. Auf dem Weg dorthin habe ich mir noch den Kamm durchs Haar gezogen und ein paar Stängel Petersilie vom kalten Buffet stibitzt. Dann komme ich dorthin und sie ist nicht da. Ich rufe sie an und sie geht nicht ans Telefon. Ich lasse mich nach Hause fahren. Im Schlafzimmer brennt noch Licht. Voller Vorfreude humpel ich nach oben, und dann sehe ich sie und ich sehe den Prinz von Zarathustra und ich sehe, was sie machen, und ich sehe gepackte Koffer und frage, wie lange das schon so geht, und sie sagt: Es ist nicht so, wie du denkst.

Nun sitze ich hier in meinem Hotelzimmer. Ich bin Fifa-Präsident auf Lebenszeit, mächtiger als Gott und Barack Obama zusammen. Und doch denke ich bloß daran, wie ich morgen den Teufel anrufe und ihn frage, was ich denn so bekommen würde.  

Für das letzte Drittel meines Herzens.

Samstag, 30. Mai

Liebes Tagebuch,

Papier ist zwar geduldig, aber wie geduldig genau? Wenn dir mein Gejammer zu viel wird, dann kannst du dich jederzeit aus dem Staub machen. Ich würd's verstehen.

Heute war der erste Tag ohne meine geliebte Linda. Ich habe keine Ahnung, wo sie ist, und ans Telefon geht sie auch nicht. Ob ich ihr vielleicht ein Gedicht schreibe?

"Liebe Linda, mein größter Schatz
Neben dir hat nur der Fußball in meinem Herzen Platz."

Nicht so gut, oder?

Nun bin ich zwar weiterhin der mächtigste Mensch der Welt, aber was hilft es mir, wenn die Frau fort ist, die ich liebe? Und dann auch noch mit diesem Prinz von Zucchini.

Ich bin einfach nur noch ein schrumpeliger kleiner Zwerg, ein elendig elender kleiner Zwerg, der für jede Wiederwahl mehrere…

Sonntag, 31. Mai

Liebes Tagebuch,

du bist zurück, Sepp ist zurück. Brachten die vergangenen Tage bloß Regen und graue Wolken, scheint nun die Sonne bzw. ich. Ich bin die Sonne, verstehst du? Und meine Rache wird fürchterlich sein.

Als ich mich heute Morgen weit nach Mittag doch mal aus dem Bett quälte, kam ich an dieser Weltkarte vorbei. Du weißt doch, die, die über der Kommode hängt. Auf der ist zu sehen, in welchen Ländern ich regiere, also in welchen Ländern die Fifa vertreten ist. Und ich sah diese beinahe vollkommen von mir eroberte Welt, also außer so Flecken wie Kiribati, Monaco und die Osterinseln. Und ich dachte bei mir: Das kann ich unmöglich aufgeben. Nicht ich, nicht der große Sepp Blatter. Ich werde zurückschlagen. Und wozu brauche ich diese Linda, wenn ich Wichtigeres zu tun habe? Also schrieb ich ihr eine SMS:

"Liebe Linda, mein ehemals größter Schatz
in meinem Herzen hat nur der Fußball Platz."

Gut, oder?

Sofort rief ich Walter de Gregorio an. Er solle seine Besuche in diesen ohnehin völlig irrelevanten Talkshows im deutschen Fernsehen absagen. Wir hätten morgen eine neue Strategie zu besprechen. Er solle sich auch mal darüber informieren, in welchen Ländern Schusswaffengebrauch und Daumenschrauben grundsätzlich legal sind.
"Und wen soll ich dann in die Sendungen schicken?"
"Irgendwen. Wirklich, irgendwen, der sofort spurt."
"Okay, ich ruf den Alex an."
Gerade laufen noch die letzten Minuten von Jauch. Warum hacken eigentlich alle auf mir rum? Warum nicht auf Niersbach? Oder dem deutschen Fernsehen? Oder der Wirtschaft? Ich soll weg, damit alles bleiben kann wie bisher.

Die werden sich noch wundern.

Montag, 1. Juni

Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Heute aber hat es mir seine Gnade erwiesen. Ich bin wieder verliebt.

Es begann mit einer SMS. Von ihr. Von Linda.
"Sollen wir nicht mal reden?", stand dort.
"Weiß nicht."
"Ach komm."
"Ich brauche dich nicht mehr."
"Seppi, du weißt, dass das nicht wahr ist."
"Lass dir von meiner Sekretärin einen Termin geben."

Kurz danach klingelte das Telefon. Linda.
"Seppi, nur damit du es weißt: Ich liebe dich noch immer."
"Und warum bist du dann mit diesem Prinz von Zappenduster abgehauen? Ist es weil er jünger ist und besser aussieht?"
"Auch. Aber vor allem, weil er im Gegensatz zu dir auch mal Zeit für mich hat. Du hast ja bloß deinen blöden Fußball im Kopf. Bei ihm hingegen wusste ich: Nach der Wahl würde er viel Zeit haben."
"Deshalb ist er also gar nicht mehr für die zweite Runde angetreten."
"Seppi, willst du nicht einfach den Fußball sein lassen, und wir ziehen auf eine einsame Insel und lassen es uns gutgehen?"
"Aber der Fußball."
"Lass es dir doch einfach mal durch den Kopf gehen."
"Davon solltest du lieber nicht ausgehen. Guten Abend."

Und dann lege ich auf und sehe diese Talk-Sendung mit Frank Platzpatrone in der ARD und schon wieder geht es nur um mich. Und während sie dort über mich sprechen, fange ich an, mich zu fragen: Sollen solche Leute wirklich über mich sprechen dürfen? Eine schrumpelige Sportkommentatoren-Darstellerin, ein glatzköpfiger Koloss aus dem Ruhrgebiet und ein schnauzbärtiger Uhu? Und von Roger Köppel möchte selbst ich nicht verteidigt werden.

Wenn ich die Wahl habe zwischen "Von Idioten beleidigt werden" und "eine Frau ohne Bezahlung unsittlich berühren" – was nehme ich dann wohl?

Gleich morgen früh rufe ich Linda an.

Und den Teufel. Muss wissen, für wie viel ich die zwei Drittel meines Herzens zurückkaufen kann.

Dienstag, 2. Juni

Sie hat Ja gesagt. Jajajajaja. Und nochmals ja. Dafür, dass ich heute zurückgetreten bin – irgendwas mit Blablabla, ich hab es jedenfalls ziemlich überzeugend rübergebracht, so gebrochener alter Mann mäßig – also dafür geht es mir sehr gut.

Gleich, nachdem ich mir ein großes Nutellabrötchen geschmiert hatte, rief ich Linda an. Sie hebt sofort ab. Ich höre ihr Herz schlagen. Und sie hört mein Herz schlagen.
"Linda", sage ich, "ich will unbedingt zurück zu dir. Ich hör auf mit der Fifa."
"Ach Seppi", sagt sie seufzend, "ich will doch nur, dass du glücklich bist."
"Dann gestatte mir noch eine Bitte."
"Ja, du darfst jeden Samstag Sportschau gucken."
"Das meinte ich gar nicht."
"Und ja, wir können gerne in ein Land auswandern, in dem die amerikanische Justiz dir nichts kann."
"Und kann ich noch so lange bei der Fifa bleiben, bis ich Platini und Niersbach das Leben zur Hölle gemacht habe?"

Kurze Stille.

"Na gut. Du bist so süß, wenn du rumblatterst."

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