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Atletico nimmt Abschied vom Vicente Calderón
Abpfiff an der Promenade der Wehmütigen

Estadio Vicente Calderón: Abpfiff an der Promenade der Wehmütigen
Fernando Torres und Atlético Madrid nehmen Abschied vom Vicente Calderón. FOTO: rtr, mb
Madrid. Atlético Madrid bestreitet am Sonntag sein letztes Liga-Spiel im Estadio Vicente Calderón. Voller Wehmut nehmen die Colchoneros Abschied von einer einzigartigen Arena.

Welcher Ort könnte passender sein für dieses Theater der bittersüß geplatzten Träume? Paseo de los Melancólicos, Promenade der Wehmütigen, heißt die Straße vor dem Estadio Vicente Calderón, der Heimstätte Atlético Madrids, des stets so stolzen und oft so unglücklichen Arbeiterklubs.

Am Sonntagnachmittag bestreiten die Colchoneros gegen Athletic Bilbao ihr letztes Ligaspiel im geliebten Calderón. Irgendwie passt es zu diesem Klub, dass er nicht dabei sein wird, wenn in seiner Arena endgültig das Licht ausgeht - am 27. Mai spielen der FC Barcelona und Deportivo Alavés dort das Pokal-Finale, der Hausherr war im Halbfinale an Barca gescheitert. Der liebevollen Erinnerung wird dies keinen Abbruch tun.

"Dieses Stadion ist eine kleine Ecke der Sicherheit für jeden von uns", sagte einst Luis Aragones. Niemand stand so für Atlético, niemand so für das Vicente Calderón wie der 2014 verstorbene Weise von Hortaleza, der Spaniens Nationalmannschaft sechs Jahre zuvor zum Europameistertitel geführt hatte.

Am 2. Oktober 1966 war Aragones im Eröffnungsspiel des neuen Stadions beim 1:1 gegen Valencia erster Torschütze. Damals trug die Arena noch den Namen Estadio Manzanares nach dem Fluss, in dessen Biegung sie hineingepflanzt worden war. Erst 1971 wurde sie nach dem damaligen und bis zu seinem Tod 16 Jahre später amtierenden Klub-Präsidenten umbenannt.

Nach mehr als 50 Jahren trägt das Estadio Vicente Calderón sichtlich die Patina vieler Schlachten, doch der Geist von Aragones durchweht diese charismatische Einzigartigkeit noch immer. "Ein Mensch wie Luis würde auch hinter jedem Moment der Traurigkeit und des Schmerzes stets gute Erinnerungen sehen", sagte der heutige Trainer Diego Simeone, auch so eine Atlético-Ikone. Und besser kann man die Aura dieses Stadions nicht summieren.

Destillat aus Bier, Angst- und Glücksschweiß

Und was ist das für ein Stadion! Als hätten es die Architekten Javier Barroso und Miguel Ángel García Lomas aus den kühnsten Träumen romantischer Fans abgemalt. Die derart steilen Ränge, auf denen man über dem Spiel zu schweben scheint. Die Haupttribüne, durch deren Erdgeschoss die Stadtautobahn M-30 verkehrt. Dieser unvergleichbare Duft, dieses Destillat aus Bier, Angst- und Glücksschweiß, aus dem, was von Bars, Fluss und Autobahn hinaufweht - so mag Heimat riechen.

Und wenn Wasser aus dem darüberliegenden Stock durch die marode Decke in den Presseraum tropft, so ist es, als presse das Calderón die Erinnerungen all dieser schönen und traurigen Jahre hervor. An die glorreichen 1960er und 1970er Jahre mit dem Spieler Aragones und dem Trainer Aragones, den Sieg im Weltpokal 1975 über die heißblütigen Argentinier von Independiente, als der Manzanares siedend überblubberte.

An den irren, wie einen spätrömischen Kaiser im Stadion thronenden Präsidenten Jesús Gil y Gil, der zwar einen Flugzeugträger kaufte, als er nicht mehr wusste, wohin mit den Peseten, dessen Hinterlassenschaften Atlético aber beinahe in den Ruin schickten.

An das unverhoffte Double 1996 mit dem großartigen Grantler Radomir Antic als Trainer und Simeone im Mittelfeld. An den noch unwahrscheinlicheren Abstieg vier Jahre später.

Goldkind Fernando Torres

An die Renaissance mit dem jungen Goldkind Fernando Torres, die rauschhafte vergangene Dekade mit Trainer Simeone, als zweimal - 2014 und 2016 - der Triumph in der Königsklasse so nahe war, bis Real im Finale alles verdarb.

Das Calderón wird noch bis zum Sommer 2018 stehen, als stummes, leeres Mahnmal der Melancholie. Danach soll an seiner statt ein Park entstehen. Er dürfte vielen Colchoneros eher Heimat werden als die neue Arena im Nordosten. Nach einem chinesischen Mischkonzern wird sie "Wanda Metropolitana" heißen, der Paseo de los Melancólicos 20 Kilometer entfernt sein, die Wehmut wachsen.

(sid)
 
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