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Underdogs in Europas Topligen
Wenn der FC Carpi den Ball im Tor versenkt

SV Darmstadt 98, FC Carpi und AFC Bournemouth: Europas Underdogs
Den Aufstieg feierte der FC Carpi vor 5000 Zuschauer - mehr passen nicht ins Stadion. FOTO: AFP
Carpi. Vor dem Start der Bundesliga überbieten sich Experten mit Superlativen, wie chancenlos der SV Darmstadt sein wird. Doch der Sensations-Aufsteiger ist nicht allein in Europa: Zwergvereine wie der FC Carpi in Italien mischen munter mit. Von Jannik Sorgatz

Zwischen Carpi in der Emilia-Romagna und Capri im Golf von Neapel liegen 662 Kilometer. Jahrelang war die Information nur für Navi-Benutzer von Bedeutung, denen ein Buchstabendreher den Urlaub zu versauen drohte. Die 70.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Modena war vor allem dafür bekannt, dass sie eben nicht Capri heißt. Doch Carpi ist jetzt nicht mehr nur nicht Capri, sondern in erster Linie Neuling in der italienischen Serie A.

Alle Mannschaftsbusfahrer, die der erstmalige Aufstieg des Provinzklubs aufhorchen ließ, können jedoch beruhigt sein. Das Stadio Sandro Cabassi mit seinen 4760 Plätzen hat keine Sondergenehmigung mehr bekommen, der FC Carpi muss ins benachbarte Modena umziehen. Die potenzielle Provokation des größeren Rivalen entschädigt ein wenig für den Verlust.

Es ließe sich noch etwas verweilen in Carpi, aber die Europareise geht erst einmal weiter. Von Bannern mit der Aufschrift "Je suis Carpi" und pöbelnden Funktionären soll später noch die Rede sein. Denn Carpis Sensationsaufstieg ist diesen Sommer nur einer von vielen. Schon in Italien müssen sie sich die Aufmerksamkeit mit Frosinone Calcio teilen. Der Klub ist in zwei Jahren von der Serie C in die Serie A durchmarschiert, die Stadt hat noch weniger Einwohner als Carpi, dafür ist das Stadion mit 10.000 Plätzen ein Stückchen größer.

Darmstadt trainiert auf Kreisliga-Platz FOTO: dpa, dna jai

Auch Deutschland hat seinen Underdog

In Deutschland schrillen bei den Stichworten "Durchmarsch" und "Stadion" die Darmstadt-Alarmglocken. Was heißt eigentlich Böllenfalltor auf Italienisch? Die maroden Gästekabinen in der baufälligen Spielstätte der "Lilien" sollen den einen oder anderen Punkt zum schier aussichtslosen Unterfangen Klassenerhalt beisteuern. Trainer Dirk Schuster überbietet sich in der Vorbereitung ständig selbst mit Außenseiter-Superlativen.

Die Bilanz der Aufsteiger seit 1995

Größere – und wohl auch berechtigtere – Hoffnungen machen sie sich da beim FC Ingolstadt, der im Gegensatz zu Darmstadt ein echter Bundesliga-Neuling ist. Von so einem Schmuckkästchen wie dem Audi-Sportpark können Carpi, Frosinone und Darmstadt nur träumen. Erst Recht im angestammten Postleitzahlenbereich ihres Vereins.

Das gilt auch für den Gazelec FC Ajaccio auf Korsika. Dort sind sie immerhin froh, nicht mehr von der U17 des etwas größeren Stadtkonkurrenten AC vom Trainingsplatz vertrieben zu werden. Der eigenwillige Name setzt sich aus den einstigen Staatsunternehmen Gaz de France und Electricite de France zusammen, die den Klub seit Jahrzehnten unterstützen.

Die semiprofessionellen Bedingungen nehmen die Spieler mit Humor. "Hier kannst du besser fischen und jagen als trainieren", sagt Mittelfeldspieler David Ducourtioux. "Und wer hat schon einen Präsidenten und einen Sportdirektor gesehen, die auf Knien den Rollrasen verlegen?" Am 2. Spieltag der Ligue 1 ist Gazelec bei Paris Saint-Germain zu Gast, dessen Superstar Zlatan Ibrahimovic mit dem kompletten Jahresbudget Ajaccios nicht zu bezahlen wäre.

Vor fünf Jahren noch in Liga vier

Geld ist der einzige Faktor, der den AFC Bournemouth nicht besonders macht. Vor fünf Jahren spielte der Premier-League-Neuling noch viertklassig. Zuletzt war er im Goldsands Stadium zu Hause. Die Strände an der Südwestküste Englands sind besonders beliebt bei Urlaubern. Jetzt heißt die 12.000-Zuschauer-Spielstätte Vitality Stadium, ein Lebensversicherer hat sich die Namensrechte gesichert.

Nach dem Aufstieg im Mai fuhr das Team, passend zur Tourismus-Tradition der Stadt, auf Hop-on-Hop-off-Bussen über die Promenade. Romantisch sind in Bournemouth aber nur der Pier und das fußballerisch Unberührte. Es gibt einen reichen Russen im Hintergrund. Maxim Demin hält sich jedoch so sehr zurück, dass er aus Aberglaube angeblich nie ins Stadion geht. Und dann wäre da noch das Es-geht-nicht-ohne-Thema TV-Gelder. Der Letzte der Premier League kassierte in der vergangenen Saison 86 Millionen Euro. Damit kämen Ajaccio, Frosinone, Darmstadt, Ingolstadt und Carpi gemeinsam über die Runden.

Apropos Fernsehgelder. Im Februar geriet der Inhalt eines Telefonats an die Öffentlichkeit, an dessen einem Ende Lazio Roms Präsident Claudio Lotito schimpfte: "Ich habe mit meinem Geschick 1,2 Milliarden Euro für die TV-Rechte herausgeholt. Wer zahlt das noch in drei Jahren mit Carpi oder Frosinone? Die Sender wissen doch gar nicht, dass es diese Scheiß-Vereine überhaupt gibt." Daraufhin wurde "Scheiß-Verein" Carpi die Solidiratität anderer kleiner Klubs zuteil. "Je suis Carpi", pinselten sie auf Transparente. Je kleiner die Kleinen sind, desto größer ist die Aufmerksamkeit.

 
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