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Ermittlungen gegen Beckenbauer
Der Kaiser – die Zwielichtgestalt

WM 2006: Franz Beckenbauer – die Zwielichtgestalt
Gegen Franz Beckenbauer wird wegen des Verdachts auf Untreue und Geldwäsche ermittelt. FOTO: dpa, rof nic nic
Düsseldorf/Zürich. Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Franz Beckenbauer wegen des Verdachts der Untreue und Geldwäsche. Es geht um eine dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro vor dem WM-Turnier 2006. Von Robert Peters

Es ist still geworden um Franz Beckenbauer, verdächtig still. Früher plauderte der Fußball-Kaiser auf vielen Kanälen, er unterhielt die "Bild"-Leser mit seinen Kolumnen, er erklärte den Zuschauern im Fernsehen die Fußballwelt und deren kleine Geheimnisse oder hielt auf der Tribüne der Münchner Arena in seiner Eigenschaft als Bayerns Ehrenpräsident Hof. Er war ein sehr öffentlicher Mensch. Seit einiger Zeit ist er das nicht mehr. Vielleicht hat die Schweizer Bundesanwaltschaft am Donnerstag den Grund für Beckenbauers bemerkenswerte Flucht aus der Öffentlichkeit genannt. Sie hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue und Geldwäsche eingeleitet. "Ungetreue Geschäftsbesorgung" wird nach Schweizer Recht mit Geldbuße oder bis zu fünf Jahren Haft bestraft. 

Zweistündige Hausdurchsuchung

Das Haus von Beckenbauer in Salzburg wurde am Donnerstag offenbar zwei Stunden lang durchsucht. Dies berichtet die "Bild". Die BA hatte zuvor bereits bestätigt, dass insgesamt acht Razzien durchgeführt wurden. Laut Bild waren auch Fifa-Funktionäre betroffen. "Franz Beckenbauer hat die Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft unterstützt, seit er davon Kenntnis hatte, und an der heutigen Durchsuchung konstruktiv mitgewirkt. Er kooperiert auch weiterhin mit allen beteiligten Behörden", ließ der damalige OK-Chef am Donnerstag laut "Bild" über seine Anwälte ausrichten.

Hintergrund des Verfahrens sind die Ermittlungen der Kanzlei Freshfields, die im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes seltsame Vorgänge um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland aufzuklären versucht. Durch diese Ermittlungen ist die Lichtgestalt des deutschen Fußballs ins Zwielicht geraten. Freshfields untersuchte eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa, die das WM-Organisationskomitee (OK) 2005 veranlasste. Dessen Präsident war Beckenbauer. Die Summe war als ein DFB-Zuschuss zum WM-Kulturprogramm deklariert. Ein Programm, das dann nie zustandekam. Später verbreitete Beckenbauer mit seinen Kollegen im WM-OK die Version, dass es sich um eine Bonuszahlung an den Weltverband gehandelt habe, um in den Genuss eines Zuschusses in Höhe von 170 Millionen Euro zu gelangen. Diese 170 Millionen wurden tatsächlich gezahlt.

Die Ermittler fanden heraus, dass von einem Konto, das Beckenbauer gemeinsam mit seinem Manager Robert Schwan unterhielt, im Sommer 2002 in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken (vier Millionen Euro) auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei flossen. Von dort wurde das Geld nach Katar an eine Firma (KEMCO) weitergeleitet, die offenkundig Mohamed bin Hammam gehörte. Dieser feine Herr war damals Mitglied der Fifa-Finanzkommission, die den Zuschuss von 170 Millionen Euro genehmigte. Inzwischen ist er wegen Korruption lebenslang gesperrt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

"Dass er davon nicht weiß, ist für uns kaum vorstellbar"

Anschließend überwies der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken (6,7 Millionen Euro) auf das besagte Schweizer Konto. Mit sechs Millionen wurde Beckenbauer "ausgelöst". Vier Millionen gingen erneut nach Katar. Zwei wichtige Personen in diesem Handel sind nicht mehr zu befragen. Schwan starb im Sommer der Überweisung, Louis-Dreyfus 2009. Und Beckenbauer beruft sich auf Erinnerungslücken. "Dass er davon nichts weiß, ist für uns kaum vorstellbar", heißt es im Freshfields-Bericht. Das können sich die Schweizer Behörden offenbar auch nicht vorstellen. Sie nehmen ihm auch nicht ab, dass er sich um die Geldflüsse seiner Konten nicht gekümmert hat. Das hat der Fußball-Kaiser in der ihm eigenen Flapsigkeit so dargestellt. "Robert Schwan hat mir alles abgenommen - vom Auswechseln der Glühbirne bis hin zu wichtigen Verträgen", sagte er im Frühjahr.

Es gab Zeiten, da wäre die Öffentlichkeit an dieser Stelle achselzuckend zur Tagesordnung übergegangen. "Jo, mei, der Franz", hätten sie in Bayern gesagt, "so ist er halt." Sie hätten ihm jene Leichtigkeit als Charakterzug unterstellt, die er auf dem Fußballplatz vorgelebt hatte. Schließlich war Beckenbauer doch der Mann, dem als Fußballer alles glückte, der mit der Eleganz des Genies über das Feld flog, den Blick immer stolz erhoben und weit über den Normalsterblichen in diesem Sport. Der Weltmeister als Spieler und Trainer wurde, der im Sportstudio den Ball von einem gefüllten Weißbierglas in die Torwand schnibbelte. Einer, der jenseits gängiger Maßstäbe wirkte. Und der Mann, der die WM 2006 nach Deutschland holte, das Sommermärchen, in dem sich eine ganze Nation vor den Augen der staunenden Welt neu erfand.

Beckenbauer stand für diese Erfindung, diese neue Fröhlichkeit der Deutschen, die zuvor allein für ihr Organisationstalent und ihre Disziplin respektiert wurden. Sein natürlicher Charme unterstrich das nur noch. Sein Co-Trainer bei der Weltmeisterschaft 1990, Berti Vogts, hat Beckenbauers Wirkung in einem treffenden Satz beschrieben: "Wenn ich in einen Raum komme, muss ich erst einmal den Lichtschalter suchen. Wenn der Franz in einen Raum kommt, dann geht das Licht an."

Mit dieser Gabe hat Beckenbauer der deutschen WM-Bewerbung Türen geöffnet. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass es mit Liebenswürdigkeit nicht getan war. Im Freshfields-Bericht findet sich ein Hinweis darauf. Jack Warner, seinerzeit Präsident des amerikanischen Verbandes (Concacaf) und einer von denen, die bei der Vergabe mitstimmten, wies in einem Fax an das deutsche Bewerbungskomitee darauf hin, "dass der DFB bisher für die Concacaf von allen Nationen, die sich bewerben, am wenigsten getan hat". Was getan werden kann, drückte in Warners Auftrag Lord Claus Lippert of Bletchley, der Vizepräsident des Verbands von Anguilla, präziser aus. Den stimmberechtigten Mitgliedern der Concacaf gelte es "klarzumachen, dass sie mit Deutschland die richtige Wahl träfen". Dies sei "nicht mit bunten Prospekten und Krawatten zu bewältigen. Die Einheimischen fallen heute nicht mehr auf Glasperlen herein".

Beckenbauer beteuerte in der "Bild", die so etwas wie sein Zentralorgan ist: "Ich habe nichts Unrechtes getan." Vielleicht hat er auch nur kein Unrechtsbewusstsein, weil er sich selbst auf dem Sockel sieht, auf den ihn der Fußball gestellt hat.

Quelle: RP
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